Manchmal stehe ich vor meinem Bücherregal wie das berühmte Schaf, das zwischen zwei Heuhaufen verhungert ist, weil es sich nicht entscheiden konnte, welchen es zuerst anknabbern soll. So viele tolle Bücher auf dem SUB (Stapel ungelesener Bücher), welches nehme ich denn bloß als nächstes? In diesem Fall hilft nur eines, um den gordischen Knoten zu lösen: Ein Krimi von Dick Francis. Egal, in welcher Stimmung und egal, auf welchem Stresslevel, diese Bücher passen immer.
Dabei mag ich männerzentrierte Lonesome-Cowboy-Geschichten normalerweise gar nicht besonders. Bei Dick Francis allerdings mache ich eine Ausnahme, nicht nur, weil Pferde darin vorkommen und der Pferdesport so fundiert beschrieben wird, sondern weil seine Figuren etwas Liebenswertes haben. Weil er solide, gute Krimis schreibt. Und weil sein Schreibstil dafür sorgt, dass sich seine Bücher einfach gut weglesen lassen.
So auch sein neues Buch, das er zusammen mit seinem Sohn Felix geschrieben hat. Ein Protagonist, der mir sympathisch ist, obwohl er Anwalt ist, viel Rennplatzatmosphäre, eine spannende Handlung und, vor allem, dieser Ur-Britische Humor, der sich durch alle Francis-Romane zieht, all dies sorgt wieder für viel Lesevergnügen.
Die Hauptperson wird von einem ehemaligen Mandanten massiv bedroht und benimmt sich in seinen Reaktionen selbst nicht immer korrekt, aber gerade dadurch wird ein Gerichtsverfahren gerecht entschieden. Dass der Protagonist am Ende zu weit geht, finde ich menschlich nachvollziehbar. Vielleicht ist es dem Einfluss von Felix Francis zuzuschreiben, dass die Hauptfigur verletzlicher und emotionaler daher kommt, als in den anderen Francis-Krimis. Auch die weibliche Protagonistin ist realistischer und weniger klischeehaft gezeichnet.
Ein Jammer, dass Dick Francis vor kurzem gestorben ist. Aber da sein Sohn Felix ihn ja schon lange bei den Recherchen unterstützte und bei den letzten beiden Romanen als Co-Autor fungierte, keimt die Hoffnung auf, dass er in die Fußstapfen seines Vaters tritt. Und damit verhütet, dass ich zwischen meinen Bücherstapeln verhungere.