"Süß, wenn auf hohem Meer die Stürme die Weiten erregen,
ist es, des anderen mächtige Not vom Lande zu schauen,
nicht weil wohlige Wonne das ist, daß ein andrer sich abquält,
sondern zu merken, weil süß es, welcher Leiden du ledig."
(Lukrez, De rerum natura, Zweites Buch, 1-4)
Schiffbruch überall, Scheitern als Lehrerfolg für eine andere Chance; so das moderne Leben, das Leben überhaupt und in dieser Konstellation bleibt die Frage, wie verhält sich ein Zuschauer und aus welchem Grunde, und wie sollte es richtig sein. Natürlich bleibt die subjektive Klärung nicht außer Acht und doch wird Blumenberg die Metapher des Schiffbruchs als absolute Metapher verwenden, in deren Objektivität sich jede subjektive Verfügbarkeit entzieht. Es bleibt somit bei der praktischen Vernunft, die aus der Anschauung lebt und in den nicht vorstellbaren Begrifflichkeiten Erklärungen durch Beschreibungen ermöglicht. Blumenbergs Theorieansatz der Unbegrifflichkeit schließt unmittelbar an.
Hans Blumenberg (1920-1996), zuletzt Professor in Münster, wurde jüngst als Romanfigur in einem gleichnamigen Buch wieder in den Blick gerückt. Seine Philosophie ist die Wirksamkeit einer absoluten Metapher, deren Gebrauch in Übereinstimmung, Kommunikation veranschaulicht, gar verkürzt. Der Schiffbruch ist eine Metapher eines Scheiterns im Leben. Schiffbruch erleidet derjenige, der seinen Zielen nicht näher kommt, Schiffbruch erleidet derjenige, der an seinem Leben scheitert. Die Auswahl ist mannigfaltig. Und im Zusammenhang wird "landläufig" der Weg zum Meer impliziert. Pascals: "Wir sind eingeschifft" ist bezeichnend für den Eintritt ins Leben, welches evolutionsbiologisch aus dem Wasser kommt. So ist Blumenbergs Beginn bei Hesiod angesiedelt, der seinen Bruder Perses zum Ackerbauer und nicht zum Seefahrer machen wollte. Das epikureeische Gedicht von Lukrez stellt den Rahmen und die Verzweigungen auf andere literarische Quellen, insbesondere bei Voltaire, bei Goethe, bei Schopenhauer, bei Nietzsche (siehe Rez. zu Gedichte) u.a..
Zur Rolle des Zuschauers gelten mehrere Perspektiven, einmal das Glückskind, am Ufer zu sein und sich der Sicherheit des Landes zu erfreuen, dabei in Sorge für die Schiffbrüchigen oder aus reiner Neugier, wie Voltaire es sich ausmalte. Eine weitere Position ist die des Dritten, der sowohl den Schiffbrüchigen wie den Zuschauer am Ufer, im sicheren Hafen beachtet. Hier wird eher die Stellung eines neutralen Beobachters angenommen, wenn man will, die eines Philosophen, der in der Unabänderlichkeit der Situation analog Epikur Ruhe bewahrt und rein analytisch und reflektierend den Vorgang betrachtet, ihn damit "vom Bilde des Besonderen zum allgemeinen aufzusteigen möglich macht". Hier wird mittels der Vernunft gar möglich, sich selbst als Zuschauer zu betrachten. Schopenhauers Idee des Doppellebens, abstrakt und konkret, als distanzierter Zuschauer seiner selbst, so dann als Leidender oder Strebender der Gegenwart preisgegeben.
Vom Meer an Land ist wie ins Leben gespült. "Wie die rasenden Wogen warfen den Schiffer an Land", lesen wir bei Lukrez (5.Buch) und so auch das Kind ins Leben, nackt, stumm und bedürftig. Dieser Aspekt ist der der Hilfe, den die Natur und der Mensch gewährt.
Die Menge der Ereignisse, die der Metapher des Schiffbruchs genügen, können heute live miterlebt werden. Die Schiffbrüche der Staaten, die Schiffbrüche als Tsunamis oder Atomkatastrophen, die Schiffbrüche als Hungerkatastrophen und alle unterliegen einem distanzierten Voyeurismus. Der Zuschauer der Antike lebt auch heute in der medialen Präsenz, sein Verhalten ist das des distanzierten Frohsinns, nicht dabei zu sein, sein Verhalten ist das der Voltaire'schen Neugierde.
Und auch ist der heutige Mensch schiffbrüchig und scheitert. "Das Recht auf ein gescheitertes Leben ist unantastbar" hörten wir in der "Fabelhaften Welt der Amelie". Scheitern galt bei Richard Sennett als Tabuthema (Der flexible Mensch) und doch ist die Wirklichkeit nach Stefan Zahlmann (Scheitern und Biographie) nahe an die Menschen und an die Gesellschaft gekommen. In Becketts Endspiel wird die Lustlosigkeit der Protagonisten beklagt und die Ursache lapidar genannt: Es gibt keine Seefahrer mehr. Die alte Sehweise, Bewegung entsteht durch Neues, gilt und der Aufbruch in die maritime Eroberung wurde bei Herman Melville (Moby Dick) pointiert beschrieben: "Ich begebe mich einfach an Bord", sinnbildlich die Flucht des Einzelnen aus seiner terranen Depression. Maritimes Denken gewinnt Überhand und hat in Folge das Leben der Menschen aus der bisherigen Enge geführt. Das ist Pascals Einschiffung ins bewegte Leben und doch wünschen manche, entfernt teilnehmen zu können, weil die Angst den Uferplatz geordert hat. "Schaut, wie ich hier sitze / wie ein an Land gezogener Kahn. / Hier bin ich glücklich." (ein Haiku von Tomas Tranströmer;
Das große Rätsel. Gedichte)
Blumenbergs Analyse ist ein Genuss zu lesen, eine intelligente Reise in die Welt der Metapher des Schiffbruchs und des Zuschauens, verbunden mit der Frage, auf welcher Welle des Meeres wir gegenwärtig treiben? "Der auf einen Strohhalm Angewiesene versinkt, eine ordentliche Planke rettet schon manches Menschenleben." Nur zu mit Optimismus, dass ist doch die Aufforderung auf hoher See die Schiffe zu bauen, aus den Resten eines Schiffbruchs.
~~