Nein, Yann Martel ist weder Inder noch braunhäutig noch schmächtig wie seine Hauptfigur Pi. Aber der kanadische Philosoph hat ein halbes Jahr in Indien verbracht, sich in Kirchen und Zoos rumgetrieben und viel über Religion und Schiffbruch gelesen, bevor er 2001 seinen ersten verkäuflichen Roman "Life of Pi" herausbrachte.
Pi, um den es natürlich auch in der deutschen Version "Schiffbruch mit Tiger" geht, wächst mehr oder weniger im indischen Zoo seines Vaters auf und bewältigt die Pubertät durch emsige Religionsausübung. Während manchem schon eine Religion zu viel wird, übt er sich gleich in dreien: Islam, Christentum und Buddhismus.
Das Zoogeschäft in Pondicherry ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Wenig überraschend schifft sich die Familie Noah-mäßig mit Kind und Giraffe auf einen Seelenverkäufer ein, um im Zoo-Entwicklungsland Kanada ein neues Glück zu suchen. Wie es so läuft - der Frachter versinkt völlig ohne Zuhilfenahme von Eisbergen und Pi findet sich als einziger Überlebender auf einem Rettungsboot wieder.
Nun, nicht ganz. Neben den obligatorischen Kakerlaken und Ratten genießt er noch weitere Gesellschaft: Ein Zebra mit gebrochenem Bein, ein Hyänen-Männchen, einen weiblichen Gorilla und vor allem Richard Parker. Richard Parker ist seekrank, schwarz-gelb gestreift, wiegt 450 Pfund und ist mit 20 Pfund Frischfleisch am Tag bei guter Laune zu halten. Hier haben wir also die Szenerie: Ein knappes Jahr mit einem Tiger auf einem kleinen Rettungsboot - mein lieber Schwan! Doch Herr Martel legt durchaus noch drauf - zum Beispiel mit einer Fleisch und Fisch verspeisenden Insel.
Jeder sollte tolerant genug sein, von Autoren nicht 100%igen Realismus zu verlangen. Es gibt auch andere Werte, Religion zum Beispiel, die allerdings wieder von manchem als Eigentherapie für Schwache und/oder Begriffsstutzige unterschätzt wird. Was soll ich sagen? Trotz Konditionierung durch Douglas Adams haben sich Fingernägel aufgerollt und Haare sind ergraut - ich will nicht so deftig werden wie der Autor. So spannend es für manchen sein mag, den langen Tagen (fast ein Jahr...) des kleinen Inders mit dem großen Tiger zu folgen, ich fand es über weite Strecken absolut öd. Irgendwann lässt sich auch der Ek*l nicht mehr steigern, obwohl das Buch gerade im Bäh-Bereich sein Bestes gibt. Auch die Empörung über immer neue Abartigkeiten unterhält nicht richtig, obwohl Yann Martel - wie man das von gelernten Philosophen erwarten darf? - kaum eine logische Falle auslässt. Alle Ansätze wirklicher Philosophie lassen sich in der gegebenen Situation ohnehin zwangsläufig auf "Fressen und Gefressen werden" reduzieren. Solche Schreibe hinterlässt schon ein hohles Gefühl.
Immerhin kamen Soap-Effekte auf - man freut sich, wieder mal das Buch zur Hand zu nehmen und zu schauen, was es bei Tigers und Inders heute zu fressen gibt. Positiv ist auch anzumerken, dass man mit dem Religionsthema entgegen den Kommentaren eigentlich nicht intensiv konfrontiert wird. Zudem lernt man jede Menge über Tiere, ohne sich ein Fachbuch kaufen zu müssen - allerdings auch, ohne die explizite Absicht besessen zu haben, solches zu erfahren...
Ich gehe mal wohlwollend davon aus, dass ich den tieferen Sinn des Buch einfach nicht verstanden habe - aber vielleicht gibt es einfach auch nichts, was man verstehen müsste. Man muss ja nicht gleich von Langeweile sprechen - aber die Weite des Ozeans wird für den Leser schmerzhaft erfahrbar. Immerhin fand ich das Titelbild sehr farbenfroh. Insgesamt hat mir die Lektüre nichts Bemerkenswertes gebracht. Sie hat mich aber auch nicht grenzenlos geödet, so dass ich mich meiner Stimme enthalte.
jury 3* A0291 7.12.2010eg