"Irren ist menschlich" - dieses bekannte Bonmot, oft verwendet, um die bittere Essenz einer Fehlentscheidung schneller hinunterzuschlucken, bringt Thomas Brussigs Alter Ego schlichtweg auf die Palme: Die hohlste aller hohlen Phrasen sei dies, wütet er zu Beginn seines Hörbuches "Schiedsrichter Fertig". Bedenke man nur die vernichtende Kritik, die sich über ihn und seine Kollegen nach jedem vorgeblichen Schnitzer von Seiten der Öffentlichkeit ergieße. Was dann folgt, ist ein Rundumschlag der ausführlicheren Art; ganze eindreiviertel Stunden nimmt sich der Autor und Erzähler in Personalunion denn schließlich Zeit, sich den Frust eines fiktiven "FIFA"-Unparteiischen von der Seele zu reden. Der Untertitel, "Eine Litanei", trifft denn auch Kern und Stoßrichtung dieses langatmigen Monologs. Dem Hörer wird hier die Rolle des Therapeuten zugewiesen, der, auf dem Sofa sitzend, Leid und Elend des braven Spielrichters über sich ergehen lassen muss. Nach der Sitzung ist man schlauer und weiß, warum sich der Mann in Schwarz vom gemeinen Zuschauer oft missverstanden fühlt.
Eitle Pedanten, so das Klischee, seien sie, gerne auch "Hagestolze" und "Spätpubertierende mit Allmachtsphantasien". Offenes Misstrauen schlage den angeblich gescheiterten Existenzen aus des Volkes Antlitz entgegen und dies, wie Thomas Brussig nicht müde wird zu betonen, obwohl nur Menschen mit Instinkt, natürlicher Autorität und festem Stand im Leben diesem Job überhaupt gewachsen seien. Ihn selbst, so referiert sein literarisches Ich in den ersten Kapiteln von "Schiedsrichter Fertig", habe sein Weg aus den tiefsten Niederungen ostdeutscher Kreis- und Bezirksklassen hinauf geführt. Eine Welt, in der wütende Familienväter schon mal den ganzen lokalen Fanblock gegen "die Pfeife" aufgebracht hätten und zerstochene Reifen des Privatwagens davon gezeugt hätten, dass man es eben nie allen recht machen kann.
Im Großen und Ganzen hätte "Schiedsrichter Fertig" ein munteres Stück Sportbelletristik werden können, wäre da nicht des Autors fatale Neigung zur Larmoyanz in Moll. Es mag ja noch angehen, den unüberbrückbaren Interessensgegensatz zwischen Unparteiischen und Fans zu thematisieren, ohne den wohl eine jede Abhandlung zum Thema Schiedsrichter unvollständig genannt werden müsste. Das beharrliche Insistieren auf diesem Grundmuster und der ständige Verweis auf den "Mob" als natürlichen Gegner des Referees wirkt aber durch die Wiederholungen schal und ausgelutscht, zumal Thomas Brussigs Stimme den ihren Teil dazu beiträgt, dass das ganze Werk Stück für Stück zu einem monotonen Brei aus Weltschmerz zerkocht wird. Wenn er von "Steilwänden aus Menschen" spricht, die den Arbeitsplatz des Schiris schnell in den sprichwörtlichen Hexenkessel verwandeln können - was hätte man dramaturgisch in einem Hörspiel aus solch einer Metapher zaubern können. Hätte. Doch, ach, auch in solchen Passagen bleibt sich der Autor treu und der Leierkasten brummt weiter im alten Rhythmus.
Besonders fatal wird es, wenn sich Thomas Brussig daran versucht, politische Parallelen im Sport aufzuzeigen. Da wird ein italienischer Schiedsrichter schnell mal zum sadistischen Bürokraten erklärt, stolpern SS-Männer auf Rollschuhen über das Feld, und verlangt das Publikum nach klaren diktatorischen Zeichen von Seiten des Unparteiischen. Bitterböse Ironie? Wem es gefällt. Aber ein Ausschwitz-Vergleich, weil ein Spieler vorzeitig zum Duschen geschickt wird? Das ist Humor mit der Brechstange und wirkt außerhalb schummriger Sportlerklausen einfach nur deplatziert! Thomas Brussig sollte es eigentlich besser können.
"Schiedsrichter Fertig" spielt das schneidige Spiel über die Bande des ätzenden Sarkasmus, wird aber bisweilen den hohen eigenen Ansprüchen nicht gerecht.