Wenn jemand fachfremd Lernstrategien für ein Fachgebiet herausgibt, kann das Vor- und Nachteile haben: Vorteile , weil er unbefangen an das Thema herangeht und Nachteile, weil er bestimmte Kenntnisse nicht besitzt, die für die Bearbeitung des Themas unerlässlich sind.
Beides offenbart sich in diesem Buch: Die Methode ist amüsant und teilweise auch frappierend, es zeigt sich jedoch, dass das Autorenpaar mit moderner Sprachlehrmethodik genausowenig vertraut ist wie mit Grundlagen der Linguistik. Schon der Titel des Buches macht dies deutlich: Die Idee des Gedächtnistrainings basiert auf Bildern, mit denen man sich Vokabeln besser einprägen soll. So assoziiere man zu dem Bild "Schieb das Schaf" automatisch das englische Wort "sheep" für deutsch "Schaf". So weit, so gut. Doch ein Wort hat mehrere Dimensionen: Schriftbild, Aussprache, grammatische Kategorien (z. B. Substantiv, Adjektiv, Verb) und Bedeutung. Das Bild funktioniert also nur über das gesprochene Wort, da deutsch "schieb" und englisch "sheep" tatsächlich identisch ausgesprochen werden. Die Rechtschreibung wird leider nicht mitgeliefert, und die bereitet doch gerade im Englischen besondere Probleme.
Ein anderes Beispiel ist das im Buch gelieferte Bild für "chain" (deutsch "Kette"): "Tarzan schenkt Jane eine Kette". Nun werden aber "Jane" und "chain" nicht nur anders geschrieben, sondern auch im Anlaut anders ausgesprochen. Fehler sind vorprogrammiert - hier ist die vermeintliche Gedächtnisstütze ein Schuss nach hinten!
In Kommentaren zum Buch kann man z. B. lesen: "Dann könnte ich ja praktisch tatsächlich, egal in welchem Alter, eine neue Sprache bequem in einem Monat lernen?" Diese Idee basiert auf der irrigen Annahme, dass Sprache aus einzelnen, isolierten Wörtern besteht und dass man sie beherrscht, wenn man die Wörter gelernt hat. Aber Sprache ist natürlich viel mehr! Sprache besteht aus zusammenhängenden Texten, Formen und Wendungen in entsprechenden Situationen und vor allem spiegelt sich in ihr die Kultur eines Landes wider. Kaum ein modernes Sprachlernbuch bietet daher heute noch Vokabellisten mit 1:1-Übersetzungen an. Es werden Zeichnungen mitgeliefert, ganze Wendungen, ethymologische (sprachgeschichtliche) Verweise und Beispielsätze, die die Anwendung im Kontext verdeutlichen. Dieser ganze Bereich der praktischen Anwendung, der Umsetzung und situativen Einbettung wird bei diesem Buch ausgelassen - ganz zu schweigen von der Kultur, die immer auch über die Sprache mitvermittelt wird. So sollte sich bei dem französischen Wort "pain" ein anderes Bild im Kopf einstellen als beim deutschen "Brot" ...
Nichtsdestotrotz kann die Gedächtnistechnik sicher helfen, einzelne Vokabeln besser zu behalten. Durchaus sinnvoll ist sie auch bei reinen Fleißaufgaben wie dem Erlernen von neuen Schriftzeichen. Z. B. erinnert das kyrillische Zeichen für "G" an einen Galgen; für das kyrillische "P" (ein Rechteck, bei dem der untere Strich fehlt) man sich die Einfahrt in einen Parkplatz vorstellen.
Fazit? Lobenswert ist die kreative, spielerische Art, mit Sprache umzugehen, um sich manches mühsame Lernen zu erleichtern. Aber wer erwartet, mit dieser Methode eine Sprache lernen zu können, wird mit Sicherheit enttäuscht.