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Diese Märchensammlung von Barbara Stamer beantwortet die letztere Frage. Und sie zeigt uns, dass die Menschen seit alters her versucht haben, Weissagungen der Zukunft zu erhalten, um dann das Schicksal beeinflussen zu können. Hier unterscheidet sich allerdings der Glaube an die menschlichen Möglichkeiten in den verschiedenen Kulturen. So ist Schicksal im ältesten ägyptischen Märchen eher die Lebenszeit, die ist nicht zu beeinflussen, wohl aber der Inhalt dieser Zeit. Der altgriechische und der islamische Ansatz ist die Unausweichlichkeit aus dem eigenen genau vorgegebenen Schicksal. Auch das buddhistische Verständnis ist, dass Schicksal zufällig ausgewählt wird, aber unabänderlich feststeht. Im christlichen Schicksalsglauben gibt es die Möglichkeit, dem Schicksal durch Güte, Tugend und Heldenhaftigkeit eine bessere Wendung als vorgesehen zu geben. Und... durch Einsicht und Lernen können schlimmste Dinge abgewendet werden. Dies allerdings lesen wir auch in zwei arabischen Märchen: durch einen Traum darf der Held lernen, sich besser mit der Wirklichkeit, seinem Schicksal abzufinden.
Interessant zu beobachten ist, dass der Vater, der König, oft genug versucht, das vorhergesagte Schicksal von Sohn oder Tochter - auch durch drastische Maßnahmen wie Töten und Einsperren, soziale Isolation – abzuwenden. Er ist es, der die Kontrolle nicht abgeben will, der seine Vorstellung vom Leben seiner Nachfahren durchsetzen will, der glaubt zu wissen, was das Beste bzw. das Schlimmste für sein Kind sei, der sich nicht dem Schicksal beugen will. Dieses Einmischen des Vaters ins Schicksal, manchmal angestiftet von einer bösen Ehefrau, ist übrigens in fast allen Kulturen und allen Zeiten zu finden. Hier spiegelt sich die Anschauung, dass Kinder (und Frauen) Besitz des Mannes sind wider, somit seiner Macht und Herrschaft unterstehen... – aber eben doch nicht, denn jeder Mensch hat ein eigenes Schicksal.
Es war einmal ein König, der hatte einen einzigen Sohn. Als der Knabe schon so herangewachsen war, dass er achtzehn Jahre zählen mochte, musste sein Va¬ter ins Feld ziehen. Der König sammelte alles taugliche Volk um sich und zog in den Krieg; seinem Sohne aber befahl er, dass er die Herrschaft führe, sich jedoch nicht verheiraten soll¬te, bis er heimkehre. So ging und schwand die Zeit. Der Königssohn führte die Herrschaft; ans Heiraten zu denken, kam ihm gar nicht in den Sinn. Aber als er das fünfundzwanzigste Jahr erreicht hatte, fing er an, ans Heiraten zu denken und wurde ganz versessen darauf, kaum konnte er sich noch bezwingen. Er wartete, wartete noch einige Jahre, so dass schon zehn Jahre verflossen waren, seit sein Vater in der Ferne weilte. Dann versammelte er ein großes Gefolge und machte sich mit vielem Gepränge auf die Brautfahrt. Wusste selbst nicht, wohin, wohin - wan¬derte, wanderte zwanzig ganze Tage hindurch. Da fand er sich dem Feldlager seines Vaters gegenüber, den der Feind schmählich in die Flucht geschlagen hatte. Wie freute sich der König, als er seinen Sohn erblickte! Doch als er hörte, dass dieser gegen sein Gebot auf die Brautwerbung gezogen war und ihn nicht zu Hause erwartet hatte, wurde er sehr zornig, nahm ihm das ganze Gefolge weg und sagte zu seinem Sohn: »Du magst gehen, wohin es dir gefällt, aber mein Volk lasse ich dir nicht.« Nur ein treuer Jäger blieb bei dem Königssohn; der ge¬horchte nicht den Worten des Königs. Sie durchwanderten Berge, Täler, wanderten, bis sie zur Goldburg gelangten. Der König der Goldburg hatte eine unbeschreiblich schöne Toch¬ter, und sie gingen, sie anzuschauen. Wie freudig wurden sie da empfangen! Denn wahrlich, der Königssohn war auch ein schöner Jüngling. Er hielt um die Königstochter an, und sie gaben sie ihm von Herzen gern. Auf der Stelle wurde der Priester gerufen, sie wurden getraut, und das Hochzeitsfest dauerte einen Monat lang. Nach der Hoch¬zeit machten sie sich auf den Heimweg. Am ersten Abend stiegen sie in einem Gasthause ab. Alle schliefen; nur der treue Jäger hielt Wache. Auf einmal, gegen Mitternacht, hört er, wie drei Krähen auf das Dach des Hau¬ses geflogen kommen und so miteinander reden: »Wahrlich, ein schönes Paar kehrte hier ein! Nur schade, dass sie so bald ihr junges Leben lassen müssen!« »Wahrlich«, spricht die zweite Krähe, »denn morgen Mit¬tag mit dem Glockenschlage stürzt die Brücke des Gold¬stroms unter ihnen zusammen, wenn sie hinüberfahren.« »Ja, sie stürzt ein«, sagte die dritte, »denn des jungen Königs Va¬ter ließ alle Brückenpfeiler durchsägen. Aber hört! Wer diese unsere Rede verrät, der wird zur Salzsäule bis zum Knie.« Kaum haben die Krähen dies gesagt, so fliegen sie von dannen. Aber ihnen auf dem Fuße folgen drei Tauben und spre¬chen so: »Wenn der junge König und die Königin auch ungefähr¬det über die Brücke kommen, so müssen sie dennoch ster¬ben; denn der alte König schickt ihnen einen Wagen ent¬gegen, der ist so schön, wie aus dem Ei geschält. Aber wenn sie sich hineinsetzen, erhebt sich ein wütender Wirbelwind, der wirbelt sie vom Wagen in die Luft, so dass sie eines schrecklichen Todes sterben müssen. Aber wer diese unsere Rede hört und verrät, der wird sogleich zur Salzsäule bis zum Gürtel.« Damit fliegen die Tauben schnellen Fluges davon. An ihrer Stelle kommen drei Adler; so sprechen sie: »Wenn das junge Paar auch der Brücke und dem Wagen entgehen mag, so schickt ihnen der alte König ein Paar gold¬gestickte Gewänder, dass sie sie anlegen. Wenn sie sie aber antun, dann verbrennen sie mit Haut und Haaren. Aber wer die¬se unsere Rede hört und verrät, der wird ganzen Leibes zur Salzsäule.« In der Frühe erheben sich die Reisenden, setzen sich zu Tisch und speisen. Der eine erzählt dies, der andere das, was er zur Nacht geträumt. Da sagt der treue Jäger zu seinem Herrn: »Erhabener Königssohn! Dies träumte mir: Wenn deine Hoheit alle meine Bitten gewährt, so werden wir unge¬fährdet heimkehren, wenn aber nicht, so werden wir samt und sonders verderben. Meine Träume täuschen mich nie. Ver¬sprecht mir, dass Ihr auf der ganzen Reise meinem Rate fol¬gen werdet.« »Mach nicht so viel aus einem Traum«, sagte der Königs¬sohn. »Träume sind Schäume. Aber ich will dich von unnüt¬zer Sorge befreien und versprechen, dass ich dir gehorchen werde.« Damit endete das Mahl, und sie machten sich auf den Weg. Gegen Mittag langten sie beim Goldstrom an. An der goldenen Brücke sagte der Jäger: »Erhabener Königssohn! Den Wagen lassen wir hier zurück und gehen ein Stückchen zu Fuß. Nicht weit von hier ist die Stadt; dort können wir ei¬nen anderen Wagen kaufen; denn die Räder an diesem sind schlecht, und er würde bis zur Stadt unter uns zusammenbre¬chen. Das wäre schmachvoll für einen König!« Der Königssohn beschaute den Wagen außen und innen, aber er fand ihn nicht so schlecht, dass man befürchten müsste, er würde zerbrechen. Aber er hatte nun einmal sein Wort ge¬geben, und dabei blieb es. Sie stiegen vom Wagen, nahmen das Gepäck herunter und luden es den Pferden auf. Der Königssohn und seine Gemah¬lin gingen zu Fuß über die Brücke; der Jäger hingegen sagte, er wollte zu Pferde den Fluss durchwaten, damit die Pferde trinken und baden könnten. Sie kamen auch glücklich ohne allen Schaden hinüber. Keine drei Büchsenschüsse davon lag die Stadt. Dahin gingen sie zu Fuß, kauften dort einen neuen Wagen und setzten ihre Reise fort. Da erschien vor ihnen ein Bote vom alten König und sprach zum jungen König: »Euer Majestät Vater schickt die¬sen schönen Wagen, auf dass Euer Majestät darin ihren Ein¬zug in die Heimat halte; denn so ziemt es einem König vor seinem Volke.« Der junge König freute sich so über den schönen Wagen, dass er kein Wort hervorbringen konnte. Aber der Jäger nahm das Wort: »Mein Herr, diesen Wagen muss ich erst prüfen, und nur dann werden wir einsteigen, wenn ich ihn tauglich finde; an¬dernfalls bleiben wir in dem unsern.« Auch jetzt widersprach der junge König dem Jäger nicht. Dieser prüfte den Wagen von allen Seiten und sprach dann: »Ebenso schmuck wie er ist, ebenso schlecht ist er!« Und damit zertrümmerte er ihn, dass er in tausend Stücke flog. Sie erreichten nun die Landesgrenze. Da erschien ein zweiter Bote vor ihnen und meldete, dass der alte König sei¬nem Sohne und dessen Gemahlin jedem ein Gewand sende, dass sie es antäten und darin ihren Einzug hielten. Aber auch diese zerstörte der Jäger. Da ergrimmte der alte König, dass es ihm nicht gelingen wollte, seinen Sohn zu verderben und dass er ihm nun jetzt schon die Herrschaft übergeben sollte. Ihn verlangte zu wis¬sen, durch welche Künste er der Gefahr entronnen sei. Dar¬um sprach er also zu seinem Sohn: »Mein lieber Sohn, ich freue mich, dass du glücklich heim¬gekehrt bist; aber ich kann nicht begreifen, dass dir weder der schöne Wagen noch das kostbare Hochzeitsgewand gefallen haben. Ja, du ließest sie sogar vernichten. Womit habe ich das von dir verdient?« Darauf begann der junge König sich zu entschuldigen: »Mein erhabener Herr Vater! Ich selbst war sehr betrübt über ihre Vernichtung. Aber es war der Wunsch meines Jägers, dass auf der Reise alles nach seinem Willen geschehen sollte. Ich hatte ihm mein Wort darauf gegeben. Wir könnten nicht glücklich heimkehren, sagte er, wenn nicht dies alles vernich¬tet würde.« Der alte König zürnte ohnehin schon dem Jäger, dass er gegen sein Gebot mit seinem Sohne gezogen war. Er versam¬melte seine Räte und verurteilte den Jäger zum Tode. Inmit¬ten des Hofes wurde der Galgen aufgepflanzt. Man führte den armen Jäger zum Richtplatz, und der Oberrichter las ihm das Urteil vor. Da sprach der Jäger: »Was ich getan habe, das habe ich aus Treue getan. Als wir vom Weisen König zurückkehrten, stie¬gen wir die erste Nacht in einer Herberge ab; die ganze Nacht schloss ich nicht die Augen, sondern hielt Wache.« Und nun erzählte er, was die Krähen gesagt hatten. Im selben Augen¬blick wurde er bis zum Knie zur Salzsäule. Da rief der junge König, dass er kein Wort weiter reden solle; denn er erkenne daran seine Treue. Aber der Jäger unterbrach seine Erzählung nicht und berichtete alles, was er von den Tauben und Adlern gehört hatte. Als er zu Ende war, da ward er vom Wirbel bis zur Zehe zur Salzsäule. Ach, wie grämte sich nun der junge König, dass er seinen treuen Jäger verloren hatte! Und vor allem schmerzte es ihn, dass gerade er, den der Treue aus Gefahr errettet, die Ursache seines Verderbens war. Er beschloss, in die Welt zu ziehen und nicht eher zu rasten, bis er irgendwo erfahren würde, wie er seinen Jäger wieder in einen Menschen verwandeln könne. Am königlichen Hofe lebte ein altes Weib, die war seine Amme gewesen; der teilte er seine Absicht mit und übergab ihr die Sorge für seine Gemahlin. Die alte Frau riet ihm: »Du hast einen weiten Weg vor dir, mein Sohn; suche aber nie¬manden als Glückes Glück; wenn er dir in deinem Kummer nicht helfen kann, so kann es keine Menschenseele auf dem Erdenrund.« Da machte sich der junge König auf den Weg, dass er Glückes Glück suche. Er wanderte, wanderte, und als er jen¬seits seines Reiches gelangt war, irrte er drei Tage in einer Heide umher, aber kein lebendes Wesen traf er dort. Am Abend des dritten Tages erreichte er das Ufer eines schönen Flusses. Dort stand eine siebensteinige Mühle, die hatte nicht nur eine Walke, sondern auch einen Hirsestoßer. Da kehrte er ein und übernachtete dort. Früh morgens, als er aufstehen wollte, fragte ihn der Müller: »Mein erlauchter Herr! Mein Leben und mein Tod stehen in deiner Hand, wohin so einsam des Weges?« Da erzählte ihm der König, was ihn herführte. »So möge deine Majestät Glückes Glück noch eines fra¬gen: Was ist die Ursache, dass ich in einer siebensteinigen Mühle bin, die eine Walke und auch einen Hirsestoßer hat, auch genug zum Mahlen bekomme und dennoch so arm bin, dass ich kaum von einem Tag zum andern zu leben ha¬be?« Der König versprach, danach zu fragen, und damit ging er von dannen. Wiederum irrte er drei Tage umher, ohne dass er eine Christenseele traf. Am dritten Tage gegen Abend er¬blickte er ein Städtchen; spät abends langte er dort an, ging hinein; doch nirgends sah er Licht, und fast hatte er es schon ganz durchschritten und noch keine Herberge gefunden. Am Ende der Stadt sah er Licht in einem Eckfenster. Er ging dar¬auf zu und fand im Hause drei Mädchen, welche gerade Glühkohle spannen. Er bat sie um Herberge zur Nacht, und sie nahmen ihn auf. Es war wohl die Zeit des zweiten Spinnens. Sie richte¬ten ihm schnell das Nachtmahl her; der König aß. Sie berei¬teten ihm ein Nachtlager, und er legte sich nieder und schlief ein. Am Morgen, als er weiterziehen will, fragen ihn die Mäd¬chen, wohin er gehe. Auch ihnen gibt er Auskunft. »Erhabe¬ner König«, bitten da die Mädchen, »fragt Glückes Glück noch eines: Was mag die Ursache sein, dass wir alle drei schon über dreißig Jahre alt sind, auch die allerjüngste hätte schon vor zehn bis fünfzehn Jahren heiraten können, und dennoch sich kein Freier fand, trotzdem wir schön, sittsam und auch sehr fleißig sind?« Der König versprach auch ihnen, dass er Antwort holen würde, und damit ging er von dannen. Nun kam er in einen ungeheuer großen Wald, und dort irr¬te er umher vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen. Als er bis zum andern Ende des Waldes gewandert war, kam er an einen schönen Bach. Der Bach steht still, fließt nicht um ein Härchen weiter, sondern beginnt zu sprechen und sagt: »Mein Herr König, sage mir, was brachte dich in diese große Wildnis? Denn es mögen wohl hundert Jahre sein, dass mein Lauf hier begann, und noch niemals seitdem kam eine Seele hierher.« Darauf erwiderte der König: »Ich werde es dir sagen, wenn du dich teilst, so dass ich dich durchschreiten kann.« Sogleich teilte sich der Bach, und der König durchschritt ihn trocknen Fußes. Am jenseitigen Ufer blieb er stehen und erzählte, was das Ziel seiner Wanderung sei. Da sprach der Bach: »So frage noch Glückes Glück, was die Ursache sei, dass ich so ein schöner, hell fließender Bach bin und dennoch in mir noch niemals weder ein Fisch, noch ein Krebs, noch ein an¬deres lebendiges Tier war.« Auch dies versprach der König, und damit ging er weiter. Wie er aus dem Wald kam, erblickte er ein schönes Tal, schritt gerade darauf los und gelangte an ein schilfgedecktes, kleines Häuschen. Er trat dort ein, um sich auszuruhen, denn er war sehr ermattet. In dem Häuschen herrschte die größte Ord¬nung und Sauberkeit, und eine heitere, ehrliche alte Frau war drinnen. »Gott zum Gruß, Frau Mutter!« »Das Glück leitete dich, mein Sohn! Was führt dich her? Was brachte dich hierher in unsere Gegend?« »Ich bin auf der Suche nach Glückes Glück«, sagte der Kö¬nig. »Da kommst du an den rechten Ort, mein Sohn; denn ich bin seine Mutter. Er ist jetzt nicht zu Hause; er ist dort in den Weinberg graben gegangen; geh auch du dorthin. Hier hast du zwei Spaten. Wenn du ihn antriffst, so beginne sogleich neben ihm mit beiden Händen zu graben; aber sprich kein Wort mit ihm! Jetzt ist es elf Uhr. Um zwölf Uhr bringe ich euch Essen. Wenn er sich zum Essen hinsetzt, setze dich neben ihn und iss mit! Nach dem Essen wird er dich fragen, und sag ihm frei, was dich drückt. Er wird auf alles antwor¬ten, was du ihn fragst.« Damit zeigte sie ihm den Weg. Der König ging und tat al¬les, wie es ihm die alte Frau gesagt hatte. Nach dem Essen leg¬ten sie sich nieder, um zu ruhen. Auf einmal begann Glückes Glück zu sprechen und frag¬te ihn: »Sag mir nur, was für ein Mensch bist du? Du bist wohl stumm; denn seit du hergekommen bist, hast du kein Wort zu mir gesprochen.« »Nicht stumm bin ich, sondern jener glücklose König, des¬sen treuester Diener zur Salzsäule verwandelt wurde. Dies wollte ich erkunden: Wie kann ich ihm helfen?« »Du tatest wohl daran; denn jener Jäger verdient, dass du für ihn dich mühst. Geh heim! Wenn du zu Hause anlangst, wird deine Frau einen Knaben zur Welt bringen. Von dem kleinen Finger dieses Knäbleins träufele drei Blutstropfen in einen Becher, streiche sie mit einem Halm auf die Pulsader der Salzsäule, und der Jäger wird werden, was er war.« »Noch eine Bitte hätte ich: Hier im benachbarten Wald ist ein schöner Bach; aber weder ein Fisch, noch ein Krebs, noch irgendein anderes lebendiges Tier ist in ihm. Was mag die Ursache davon sein?« »Dies, dass in jenem Bach noch niemand ertrunken ist. Aber gib acht, dass du ihn erst durchschreitest; dann geh zum höchsten Teil des Waldes und steig dort noch auf die Spitze des höchsten Baumes und von dort ruf ihm zu, was ich dir sagte. Denn wenn du nicht also tust, so wirst du der erste sein, der in ihm ertrinkt.« »Noch eins möchte ich fragen: Auf dieser meiner Reise war ich in einem Städtchen zur Herberge bei drei Mädchen. Al¬le drei waren schon über die Dreißig hinaus, schön, sittsam, fleißig, und dennoch fand sich kein Freier ein. Was mag die Ursache sein?« »Dies, dass jene Mädchen den Kehricht der Sonne ins Antlitz schütten.« »Und was mag die Ursache sein, dass da eine siebensteini¬ge Mühle ist, die nicht nur eine Walke, sondern auch einen Hirsestoßer hat, der Müller auch genug zu mahlen bekommt und dennoch so arm ist, dass er kaum von einem Tag zum an¬deren leben kann.« »Dies, dass der Müller niemals etwas um Gottes willen gibt und nicht in die Kirche geht.« Diese vielerlei Sachen schrieb sich der König hinters Ohr, bedankte sich schön, nahm herzlichen Abschied von Glücke Glück und wanderte heimwärts. Als er bei dem schönen Bach im Walde anlangte, fragte der Bach, ob er ihm gute Nachricht bringe. Aber er sagte, erst solle er ihn hindurch lassen, hernach werde er es ihm schon sagen. Da teilte sich der Bach; er schritt hindurch und weiter bis zu des Waldes höchstgelegenem Tei¬le; dort kletterte er auf den höchsten Baum, und von dort rief er dem Bache zu: »He, holla! Hörst du, du schöner Bach! Glückes Glück sagte dies: in diesem Schattenreich wird nun und nimmer¬mehr ein lebendiges Wesen in dir erscheinen können, bis nicht jemand in deinen Fluten stirbt.« Kaum hatte er das letzte Wort hinausgerufen, da schwoll der Bach so ungeheuer an, dass er den Stamm jenes Baumes, auf dem der König saß, ganz überflutete, und mit närrischem Plätschern begoss er ihn zwischen den Ästen ganz und gar und riss ihm fast die Beine unterm Leibe weg. Aber mit sei¬nen beiden Armen umklammerte der König einen starken Ast so fest, dass er ihn von dort auf keine Weise hinunterrei¬ßen konnte. Noch dreimal nacheinander führte das Gewäs¬ser diesen Tanz auf; dann beruhigte es sich wieder ganz. Nun stieg der König vom Baume; Hemd und Hose trocknete er an der Sonne, tat sie dann wieder an, die anderen Kleider hin¬gegen band er zusammen und trug sie so, bis sie trocken wa¬ren. Beim Müller übernachtete er wieder und bestellte ihm, dass er es sich nicht leid sein lassen solle, den Armen Gutes zu tun, und dass er in die Kirche gehen solle. Dann richtete er auch den Mädchen aus, dass sie nicht mehr den Kehricht der Sonne ins Antlitz schütten sollten. Der König konnte kaum zu Hause angelangt sein, da wollten einige Diebe den schönen Bach mit einem gestohle¬nen Pferde durchwaten; aber als sie inmitten waren, da schäumte der Bach so auf, dass er sie mitsamt dem Pferde wegfegte. Von dem Tage an wurde er der fisch- und krebs¬reichste Bach. Der Müller begann den Armen zu geben. Er bekehrte sich zu Gott und wurde so reich, dass er gar nicht mehr wusste, was ihm alles gehörte. Und so lebte er bis zum Tode wie der Wels im Wehr. Auch die drei Mädchen, nun sie nicht mehr den Kehricht der Sonne ins Antlitz schütteten, bekamen in einer Woche je¬de einen Freier. Als der junge König heimkam, hatte seine Gemahlin ein schönes Knäblein geboren. Nicht einen Augenblick zögerte der König, sondern nahm sein Söhnchen, träufelte Blut aus seinem kleinen Finger und bestrich damit die Pulsader der Salzsäule. Da erbebte die Salzsäule mächtig, spaltete sich sie¬benfach, und auf einmal war der treue Jäger wieder lebendig. Als der alte König dies sah, schnaubte er vor Wut, dann starr¬te er ein-, zweimal wild umher, warf sich zu Boden und starb. Der Jäger blieb bis an sein Lebensende im Dienste des Königs. Das war ein ehrlicher Mann. Solche könnten wir viele brauchen! Märchen aus Ungarn
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