Die Weisheitsgattungen über das Schicksal laufen lt. Sloterdijk (im Gespräch mit Ulrich Raulf, Seiten 15-72) in diesem Punkt zusammen: "Sämtliche Versionen antiker Schicksalsbetrachtung konvergieren in der Mahnung, der Mensch dürfe niemals der Hybris erliegen. Wer sich von der Überheblichkeit verlocken lässt, wer sich in seiner dicken Haut, in seiner Eigenmächtigkeit, in seiner phallischen Frechheit allzu sicher fühlt, der beschwört Unheil auf sein Haupt herab."
Aber auch Bescheidenheit bietet keinen Schicksalsschutz. Letztlich geht es darum, nicht sterben zu müssen, sondern zu können. Ein Satz, den ich von Kafka erinnere: "Die Entwicklung der Menschheit ist die wachsende Kraft zu sterben." (sinngemäß) Das Leben zu voll-bringen, zu Ende bringen, vom Ende her denken: mit dieser Idee lebt es sich am besten. Gar nicht daran zu denken (wie Goethe z.B.) wäre auch eine Möglichkeit, aber niemand kennt das Ende, das Erdrutschartige des Fallens aus Sicherheit und Liebe, aus der Stadt ohne Mauer. Wir werden ohne Mauern geboren, versuchen zeitlbens solche zu errichten, hinter denen wir uns in Sicherheit wähnen. Und doch müssen wir sie am Ende einreißen und erkennen, dass das Schicksal Tod stärker ist als wir.
Das Buch mäandert zwischen dem Hineingworfensein in das Schicksal, ohne Hoffnung, fatalistisch auf der einen Seite bis hin zum aufrechten Gang, der die Inbesitznahme der eigenen Wege beschreibt. Das Interview zwischen Raulf und Sloterdijk ist ein Genuss zu lesen, verständlich und klar. Es er-löst sich in den Sätzen: "Es ist sehr anstrengend, ein Individuum sein zu wollen." (Raulf). Antwort Sloterdijk: "Das Individuum ist eine vergebliche Leidenschaft, aber eine Leidenschaft soll es bleiben."
Die gezeigten Ausstellungsstücke sind solche (7x7, Seiten 75-155) Leidenschaften, Trugbilder, Ideen und Annäherungen an das Schicksal: Von Mörikes Würfel, dem Kalenderblatt von Benn 14.1.1939), bis hin zu einem Brief Schillers an Körner von 1785 und einer Notiz von Heiner Müller.
Das Interview am Anfang, die Ausstellungsstücke (7x7) danach und dann Kurzessays von B. Brock, Arno Geiger, Brigitte Kronauer, Ulrich Moritz, Hanns Zischler, Werner Spies, Botho Strauss und Martin Walser über ihre Schicksalsstücke (Seiten 157 - 166). Besonders erinnerungsstark für mich: die Abhandlung von Arno Geiger über seine Gedankenaufschreibetechniken und die Beschreibung von Martin Walser, wie er "Die Verwandlung" von Kafka erwarb bzw. behütete.
Selten habe ich eine so gute Ausstellung gesehen, selten einen so lesens- und betrachtenswerten Ausstellungskatalog in Händen gehalten.