Günter Goepferts Biographie über Lena Christ gilt nach wie vor als Standardwerk, und das durchaus zu Recht. Vor allem, wer sich für Lena Christs Biographie nach dem in "Erinnerungen einer Überflüssigen" Beschriebenen interessiert, kommt um die Lektüre nicht umhin. Aber leider hat diese Biographie Schwächen, die dringend überarbeitet werden sollten.
Auch in der zweiten, überarbeiteten Auflage stützt Goepfert sich im Wesentlichen auf Lena Christs autobiographischen Roman "Erinnerungen einer Überflüssigen" und auf die Erinnerungen ihres zweiten Ehenmanns, Peter Benedix (auch unter dem Namen Peter Jerusalem). Hinzu kommen mündliche Hinweise von Lena Christs älterer Tochter und weiterer Verwandter sowie verstreute Archivmaterialien, deren Auffindung und Auswertung aller Ehren wert sind.
Wer Lena Christs "Erinnerungen einer Überflüssigen" bereits gelesen hat, sollte die einschlägigen Kapitel bei Göpfert überfliegen, denn eindrucksvoller als die Autorin selber kann wohl niemand ihre Jugend schildern. Einige von Goepferts Erläuterungen sind sogar ärgerlich, etwa wenn er anlässlich des Scheiterns von Lena Christs erster Ehe spekuliert, ob sie denn überhaupt fähig gewesen sei, "eheliche Liebe zu geben, [oder] sie zu empfangen" - es geht im betreffenden Absatz schließlich um nichts anderes als um Vergewaltigung in der Ehe, und die fand nicht "nur" einmal statt.
Beim zweiten Teil der Biographie stützt sich Goepfert vor allem auf Benedix' Erinnerungen ("Der Weg der Lena Christ", 2. Aufl. 1950) -- leider tendiert er dazu, Benedix' Aussagen nicht zu hinterfragen (was er bei Lena Christs autobiographischen Werken durchaus tut), wenngleich darin manches phantastisch oder gar unglaubwürdig anmutet.
Auch bleibt hier die Grundregel für jede Quellenauswertung außer Acht, die da lautet "Wie neutral ist die Quelle?" Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass Benedix Anlass hatte, sich und sein Zusammenleben mit Lena Christ in besseres Licht zu stellen, als es der Wirklichkeit entsprach. In diesem Zusammenhang vermisse ich beispielsweise Aussagen von Lena Christs Tochter, die Benedix' Aussagen hätten widerlegen oder bestätigen können. Aber entweder hat Goepfert diese wichtige Zeugin hierzu nicht befragt, oder er ignorierte ihre Aussagen. Auch wären in diesem und anderen Zusammenhängen Aussagen etwa von Ludwig Thoma oder Korfiz Holm aufschlussreich gewesen; beide waren mit Lena Christ befreundet und mit Benedix wenigstens bekannt, und von beiden gibt es Nachlässe...
Zu beanstanden wäre auch, dass Goepfert sich, bei aller Faktentreue und bei allem Fleiß bei seinen Recherchen, allzu sehr von Benedix' stilisierter Darstellung über Lena Christs Werdegang beeinflussen lässt. Hier wie dort entsteht der Eindruck, eine unverbildete Begabung wäre gleichsam aus dem Nichts emporgestiegen. Kein Wort darüber, dass Lena Christ lange Passagen der "Göttlichen Komödie" auswendig konnte oder die Werke von Gottfried Keller und Jeremias Gotthelf gut kannte; sogar die nicht zu unterschlagende Tatsache, dass sie auf einer Klosterschule literarische und musikalische Bildung erworben hatte, wird so gut wie möglich an den Rand gedrängt (bzw. verdrängt).
Ich gebe zu, dass ich diese Einwände nur ungern äußere, denn trotz ihrer ist Goepferts Arbeit aller Ehren wert, und wer weiß, wieviel er zu Lena Christs Wiederentdeckung beigetragen hat. Dennoch gilt: Diese Biographie ist nur deswegen ein Standardwerk, weil noch niemand besser Reflektiertes nachgelegt hat. Aber unabhängig davon gehört sie bereits jetzt zur Rezeptionsgeschichte Lena Christs und sollte in diesem Zusammenhang gewürdigt werden.