Nach seinem vorübergehenden Ausstieg bei Kansas nach dem „Audio Visions"-Album hat Sänger Steve Walsh mit „Schemer-Dreamer" 1980 sein erstes Soloalbum aufgenommen, das für 20 Jahre auch das einzige unter seinem Namen bleiben sollte. Und die 37-minütige Scheibe hat das Prädikat „solo" auch verdient, da die sieben Songs mit dem symphonischen Prog Rock à la Kansas recht wenig gemein haben.
Die kompakten und eingängigen, ziemlich Party-tauglichen Songs sind ganz im Gegenteil überhaupt nicht ‚Prog', sondern versammeln sämtliche Eigenschaften straighter Rockmusik der 70er Jahre und greifen mehr als einmal sogar 25 Jahre zurück in Vergangenheit mit waschechten Rock`N`Roll-Passagen. Die Bandbreite reicht von der mitreißenden 8-Beat-Nummer SCHEMER-DREAMER/THAT'S ALL RIGHT mit direkter Elvis Presley-Referenz über harte Rocker im Deep Purple-Stil (GET TOO FAR), die romantische, kraftvolle Ballade SO MANY NIGHTS und der sehr tanzbaren Boogie-Rock`N`Roll-Kombination YOU THINK YOU GOT IT MADE bis hin zum bluesig-rockigen, melodischen EVERY STEP OF THE WAY mit leichtem Gospel-Touch, ein bisschen nach Journey klingend. Schließlich bietet WAIT UNTIL TOMORROW dann noch eine kleine Referenz an Kansas mit minutenlanger, vertrackter Instrumentalpassage. Dafür zeigt sich übrigens der großartige Steve Morse (später u.a. Deep Purple) an der Gitarre verantwortlich, der bei der Kansas-Reunion 1986 wieder vorübergehend mit Walsh zusammen Musik machte. Außerdem waren u.a. Walshs Ex-Kollegen Kerry Livgren, Phil Ehart und Rich Williams bei einzelnen Songs mit am Werk, während Walsh selbst bei SO MANY NIGHTS die Drumsticks in die Hand genommen hat.
Steve Walsh hat mit „Schemer-Dreamer" zwar anno 1980 nicht die musikalische Welt revolutioniert. Die enorme Bandbreite an verschiedenen musikalischen Elementen, die in die Kompositionen eingeflossen sind, von Country über Hardrock-Gitarrensoli, Hammond-Orgel, Saxophon und Trompeten, Jethro Tull-artige Flöten, Geige und viel Klavier, machen das Album dennoch sehr interessant. Und für Fans von Steve Walsh - bedingt auch für alle Kansas-Anhänger - ist die Scheibe eigentlich ein Pflichtkauf. Spätestens bei der wundervollen Klavier- und Geigen-Ballade JUST HOW IT FEELS geht die unverwechselbare Wunderstimme Walshs durch Mark und Bein.