Im Rahmen der Reihe "München erlesen" der "Süddeutschen Zeitung Bibliothek" wurde dieses Buch, das bereits 1984 erschienen ist, wieder aufgelegt - Gott sei Dank, muss man sagen. Wahrscheinlich wäre es sonst langsam, aber sicher dem Vergessen anheimgefallen.
Das Buch ist unheimlich interessant - und zwar gerade deswegen, weil es aus einer ganz persönlichen - und damit subjektiven - Sicht den Untergang der deutschen Demokratie 1933, einiges aus dem 3. Reich und die großen Hoffnungen nach 1945, die im Kalten Krieg untergingen, schildert.
Walter Kolbenhoff (eigentlich Walter Hoffmann, sein anderer Name stammt von niemand Geringerem als dem Freud-Schüler Wilhelm Reich) stammte aus zutiefst sozialdemokratischem Berliner Milieu. Obwohl äußerst begabt, verhindert der Vater eine höhere Schulbildung. Hoffmann wird Chemigraph (Druckgewerbe); mit 17 reißt er von daheim aus. Er hatte u.a. B. Traven gelesen.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wird er Kommunist; ab 1931 arbeitet er bei der "Roten Fahne", dem Zentralorgan der KPD. Diese Zeitung druckt auch seine Erzählung "Das Hinterhaus" ab.
1933: Hitler und seine Ganoven kommen an die Macht. Nach dem Reichstagsbrand gelingt Hoffmann - kurz vor seiner bevorstehenden Verhaftung - die Flucht nach Amsterdam. Hier schickt man ihn sofort auf das nächste Schiff (man will es sich offensichtlich wegen eines kleinen deutschen Kommunisten nicht mit Hitlerdeutschland verderben). Zufällig fährt dieses Schiff nach Kopenhagen. Diese Stadt wird Heimat; aber wegen eines Buches, das Wilhelm Reich vorgeschlagen hat, wird Hoffmann durch ein Parteigericht in Dänemark(!) aus der KPD ausgeschlossen. 1943 kehrt er trotzdem, von der KPD aufgefordert, nach Deutschland zurück und wird natürlich als "Auslandsdeutscher" sofort eingezogen. Ganz offensichtlich wollte ihn die KPD aus diese Art "beseitigen". Er wird aber von den Amerikanern gefangen genommen und kommt in ein Kriegsgefangenenlager in die USA: hier gibt es den "Ruf", eine Zeitschrift für deutsche Kriegsgefangene.
Der Titel dieser Zeitung wird dann für eine in München erscheinende Zeitung, die ein großer Erfolg wird, übernommen: "Der Ruf. Unabhängige Blätter der jungen Generation". Die Erlaubnis für das Erscheinen und die Papierzuteilung kommen von den Amerikanern; die Namen der Redakteure kennt man bis heute: Erich Kästner, Alfred Andersch, H. W. Richter (Gründer der "Gruppe 47") - und eben Kolbenhoff.
All dies geschieht in einem München, das hungert und dessen Bausubstanz zu 50% vernichtet ist...
Der Autor schrieb dieses Buch 1981 bis 1983; deswegen vielleicht manche Sprünge, manche Auslassungen. Trotzdem: Wer etwa wissen will, warum die KPD in der BRD nie eine Chance hatte, sollte dieses Buch lesen. Wenn man nämlich engagierte Menschen so behandelt, wie es Walter Hoffmann passiert ist, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich viele von der Partei abwandten.
Ein unheimlich interssantes und spannendes Buch; mit einem Wort: heftigste Leseempfehlung für all jene, die sich für diese Zeit (ca. 1930 bis 1949) interessieren!