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Scheintot
 
 
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Scheintot [Taschenbuch]

Tess Gerritsen , Andreas Jäger
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (151 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de–Redaktion

Ausschließlich Leichen sollen eigentlich im Kühlraum des gerichtsmedizinischen Instituts lagern. Doch Dr. Maura Isles hört aus einem der Fächer bei einem Routinegang Geräusche. Für sie und Detective Jane Rizzoli beginnt mit der Rettung einer jungen Frau in Tess Gerritsens Thriller Scheintot ein nicht enden wollender Albtraum.

Eine unbekannte Frau wird von Gerichtsmedizinerin Maura Isles noch lebend in einem Leichensack im Kühlraum ihres Instituts gefunden. Die Scheintote kann gerettet werden, flieht jedoch, kaum dass sie das Bewusstsein wiedererlangt hat. Kurze Zeit später bringt sie mit einem Komplizen in einem nahe gelegenen Krankenhaus mehrere Geiseln in ihre Gewalt. Der Zufall will es, dass sich unter den Betroffenen auch die hochschwangere Polizistin Jane Rizzoli befindet, die in Kürze ihr Kind zur Welt bringen will. Die Geiselnehmer haben offenbar eine Botschaft, die sie über Presse und Rundfunk äußern wollen. Doch bevor es dazu kommt, wird das Krankenhaus von der Polizei gestürmt, beide Geiselnehmer werden unter dubiosen Umständen erschossen. „Mila weiß Bescheid“, kann die junge Frau Rizzoli noch zuflüstern, bevor sie stirbt. Sofort nach ihrer Entbindung nimmt die Polizistin gemeinsam mit ihrem Mann Gabriel Dean vom FBI und ihrem Teampartner Barry Frost die Suche nach der geheimnisvollen Mila auf. Die Ermittler stoßen dabei auf auf ein unvorstellbares Verbrechen.

Bestsellerautorin Tess Gerritsen stellt nicht einen der bekannten Protagonisten in den Mittelpunkt ihres Thrillers, sondern macht die junge Mila und ihre Leidensgenossinnen zu den eigentlichen Helden. Sie erzählt mit großem Einfühlungsvermögen eine schockierende Geschichte von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Von spannender großer Unterhaltung mag man bei einem solchen Thema kaum sprechen, dennoch weiß die hervorragende Autorin sehr einfühlsam mit einer fesselnden Geschichte auf ein schreckliches Schicksal hinzuweisen, beispielhaft für das Tausender junger Frauen überall auf der Welt. --Ulrich Deurer


Tess Gerritsen im Interview
Die Thriller der amerikanischen Bestsellerautorin Tess Gerritsen stehen bei deutschen Lesern hoch im Kurs und schaffen regelmäßig den Sprung auf Spitzenplätze der Bestsellerlisten. Amazon.de sprach mit Tess Gerritsen über das Schreiben und den großen Erfolg ihrer Thriller: Lesen Sie unser Interview mit Tess Gerritsen .


Lebenslauf von Tess Gerritsen
Tess Gerritsen war eine Karriere als Autorin nicht unbedingt vorausbestimmt. Aufgewachsen in San Diego, studierte sie zunächst Medizin an der Stanford University und der University of California in San Francisco. 1979 legte sie ihr Examen ab und arbeitete danach als Internistin in Honolulu, Hawaii.

Während ihres Mutterschaftsurlaubs versuchte sich Tess Gerritsen zum ersten Mal an einer Kurzgeschichte für den Literatur-Wettbewerb einer Tageszeitung - und gewann damit auf Anhieb den ersten Preis. 1987 wurde ihr erster Roman veröffentlicht: Call after Midnight, ein "Romantic Thriller", dem bald acht weitere folgen sollten. 1993 schrieb sie für CBS das Drehbuch zu einem Fernsehfilm (Adrift).

Es war eine eher beiläufige Unterhaltung während einer Essenseinladung, die Tess Gerritsen dazu inspirierte, ihren ersten Medizinthriller zu schreiben. Ihr Tischnachbar, ein ehemaliger Polizeibeamter, der inzwischen einen Sicherheitsdienst für amerikanische Geschäftsleute unterhielt, die in Russland unterwegs waren, erzählte ihr eine Geschichte, die ihr unter die Haut ging. Moskauer Polizisten hatten ihrem Gesprächspartner berichtet, dass in Russlands Städten häufig Straßenkinder spurlos verschwanden. Sie vermuteten, dass die Kinder von der russischen Mafia gekidnappt und als Organspender ins Ausland geschafft wurden.

Diese Geschichte schockierte Tess Gerritsen so sehr, dass sie umgehend ihren Schwager anrief, der als Reporter für NEWSWEEK arbeitete, und ihm nahe legte, dieser Sache nachzugehen. Die Recherchen der Zeitung erbrachten allerdings keine Beweise für die Existenz dieses brutalen Menschenhandels. Trotzdem ließ die Geschichte Tess Gerritsen nicht mehr los und inspirierte sie zum Plot ihres ersten Medizinthrillers Harvest (deutsch: Kalte Herzen), der sofort nach seinem Erscheinen 1996 die Bestsellerliste der NEW YORK TIMES eroberte. Die Filmrechte ihres überaus erfolgreichen Romandebüts wurden an Paramount/Dreamworks verkauft und das Buch in zwanzig verschiedene Sprachen übersetzt.

Seitdem hat Tess Gerritsen einen Bestseller nach dem anderen geschrieben und den Ruf als Weltklasseautorin und unbestrittene Meisterin Nerven zerfetzend spannender Medizinthriller erworben.

Längst schon hat die Erfolgsautorin ihren Arztberuf an den Nagel gehängt. Heute widmet sie sich nur noch dem Schreiben. Ihre begeisterten Fans danken es ihr.

Danach befragt, ob sie denn auch persönlich eine Vorliebe für bluttriefende, knallharte Spannungsliteratur oder Horrorfilme hat, bekennt die zart und sensibel wirkende Autorin, dass sie in ihrer Freizeit ganz andere, Nerven schonendere Interessen pflegt: Gartenarbeit und Musik. Tess Gerritsen wohnt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Camden, Maine..


Jane-Rizzoli-Thriller: alle Bände auf einen Blick

Die Chirurgin

Der Meister

Todsünde

Schwesternmord

Scheintot

-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

kulturnews.de

Tess Gerritsen ist mmer ein Garant für besonders ekelige Detailschilderungen. Auch ihre Story aus dem Milieu de Mädchenhandels ist alles andere als Entspannungslektüre. Der Einstieg ist furios: Die aus den neun Vorgängern schon bekannte Pathologin Maura Isles hat eine Leiche auf dem Tisch liegen, die plötzlich die Augen aufschlägt. Und wenig später im Krankenhaus nimmt die vermeintliche Leiche auch noch einen Haufen Geiseln, darunter die hochschwangere Gerritsen-Dauerheldin, die Polizistin Jane Rizzoli. Danach folgt leider nur noch öde runtergeschriebene Effektheischerei. Nicht nur, dass Rizzolis Kind während der Geiselnahe zur Welt kommt, auch die Parallel-Story um die Mädchenhändler ist abgedroschen und endet mit Verwicklungen auf höchster politischer Ebene. Was Gerritsen dennoch von vielen Kollegen unterscheidet: Wohl keiner ist so gnadenlos brutal und ehrlich in der Darstellung von Gewalt wie die ehemalige €rztin aus Maine. (bl) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

„Für Mimosen ungeeignet!“ (Der Spiegel )

„Tess Gerritsen ist gnadenlos. `Scheintot´ beginnt mit enorm hohem Tempo - und hält es bis zum Ende. Ein unerhört spannendes, psychologisch perfekt ausgefeiltes Buch. Gerritsen steht für Psychothriller de Luxe!“ (BamS )

„Was aus Tess Gerritsens Feder fließt, ist nichts für schwache Nerven, hochspannend und unvorhersehbar. Das gilt auch für ihren neuesten Thriller `Scheintot´!“ (Nordsee Zeitung )

Kurzbeschreibung

Nach dem Tod wartet eine Autopsie. Und manchmal auch davor.

Ein nervenzerreißend spannender – und der bislang abgründigste Fall für Detective Jane Rizzoli und die Pathologin Dr. Maura Isle!

Eine namenlose junge Frau in der Gerichtsmedizin – für Maura Isles nichts Ungewöhnliches. Doch als die Pathologin den Leichensack öffnet, schlägt die vermeintlich Tote plötzlich die Augen auf. Maura fährt die unterkühlte Frau sofort ins Krankenhaus. Aber kaum dort angelangt, tötet die Unbekannte einen Wachmann und nimmt erst Maura und, nachdem diese fliehen kann, Patienten als Geiseln – darunter Detective Jane Rizzoli, die kurz vor der Entbindung steht. Als Maura und Janes Ehemann Gabriel selbst zu ermitteln beginnen, zeigen plötzlich Vertreter von Bundesbehörden größtes Interesse an dem Fall …

Tess Gerritsen ist wieder einmal ein hochgradig packender Thriller gelungen – mit rasantem Tempo, psychologischer Finesse und atemberaubender Spannung!

Klappentext

"Gerritsens Romane, mit stilistischer Eleganz geschrieben, wirken eindringlich, weil sie tiefe menschliche Ängste widerspiegeln."
Der Spiegel

"Auch den neuen Roman von Tess Gerritsen kann man einfach nicht aus der Hand legen: Klasse!"
Hamburger Morgenpost

"Gerritsen packt viel Stoff in ihren Roman, aber das, wie immer, gekonnt und extrem spannend."
Brigitte

Über den Autor

So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Der große internationale Durchbruch gelang ihr mit Die Chirurgin. Tess Gerritsen lebt mit ihrer Familie in Maine.

Auszug aus Scheintot von Tess Gerritsen, Andreas Jäger. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich heiße Mila, und dies ist meine Geschichte.
Es gibt so viele Orte, an denen ich die Erzählung beginnen könnte. Ich könnte in der Stadt anfangen, in der ich aufgewachsen bin, in Kryvichy am Ufer des Servach, im Bezirk Myadzyel. Ich könnte beginnen, als ich acht Jahre alt war, an dem Tag, als meine Mutter starb, oder als ich zwölf war und mein Vater vom Lastwagen des Nachbarn überrollt wurde. Aber ich glaube, ich sollte mit meiner Geschichte hier anfangen, in der Wüste Mexikos, so weit weg von meiner weißrussischen Heimat. Hier habe ich meine Unschuld verloren. Hier musste ich meine Träume begraben.
Es ist ein wolkenloser Novembertag, und große schwarze Vögel kreisen an einem Himmel, der blauer ist als alles, was ich im Leben je gesehen habe. Ich sitze in einem weißen Kleinbus. Der Fahrer und der Beifahrer kennen meinen richtigen Namen nicht, und sie scheinen sich auch nicht dafür zu interessieren. Sie lachen nur und nennen mich Red Sonja - den Namen haben sie mir in dem Moment gegeben, als sie mich in Mexiko City aus dem Flugzeug steigen sahen. Anja sagt, es sei wegen meiner Haare. Red Sonja ist der Titel eines Films, den ich nie gesehen habe, aber Anja kennt ihn. Sie flüstert mir zu, dass er von einer schönen Kriegerin handelt, die ihre Feinde mit dem Schwert fällt. Jetzt glaube ich, dass die Männer sich mit diesem Namen über mich lustig machen, denn ich bin nicht schön. Ich bin keine Kriegerin. Ich bin erst siebzehn, und ich habe Angst, weil ich nicht weiß, was als Nächstes passieren wird.
Wir halten uns an den Händen, Anja und ich, während der Bus uns und fünf andere Mädchen durch eine wüstenartige, mit dürren Sträuchern bestandene Landschaft fährt. Einen »Pauschalurlaub in Mexiko« - das hat die Frau in Minsk uns versprochen, aber wir wussten, was das in Wirklichkeit hieß: eine Möglichkeit zu entkommen. Eine Chance. Ihr nehmt ein Flugzeug nach Mexiko, erklärte sie uns, und am Flughafen werdet ihr von Leuten abgeholt, die euch über die Grenze bringen und euch helfen, euer neues Leben zu beginnen. »Was habt ihr denn hier für eine Zukunft?«, hat sie uns gefragt. »Hier gibt es keine guten Jobs für Mädchen wie euch, keine Wohnungen, keine anständigen Männer. Ihr habt keine Eltern, die euch unterstützen. Und du, Mila - du sprichst so gut Englisch«, sagte sie zu mir. »Du wirst dich in Amerika im Handumdrehen zurechtfinden. Nur keine Angst! Lasst euch die Gelegenheit nicht entgehen. Eure künftigen Arbeitgeber übernehmen alle Kosten - also, worauf wartet ihr beiden noch?«
Nicht auf das hier, denke ich, während die endlose Wüste an unseren Fenstern vorüberzieht. Während Anja sich eng an mich schmiegt und die anderen Mädchen im Wagen ganz still sind. Allmählich drängt sich uns allen dieselbe Frage auf: Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?
Wir fahren schon den ganzen Morgen. Die zwei Männer auf den Vordersitzen reden nicht mit uns, aber der Beifahrer dreht sich immer wieder zu uns um und wirft uns merkwürdige Blicke zu. Immer wieder heften sich seine Augen auf Anja, und die Art und Weise, wie er sie anstarrt, gefällt mir ganz und gar nicht. Sie bekommt nichts davon mit, weil sie an meiner Schulter eingeschlafen ist. Das Mäuschen - so haben wir sie in der Schule immer genannt, weil sie so schüchtern ist. Sobald ein Junge sie auch nur anschaut, wird sie knallrot. Sie ist so alt wie ich, aber wenn ich in Anjas schlafendes Gesicht schaue, dann sehe ich ein Kind. Und ich denke: Ich hätte sie nicht mitnehmen sollen. Ich hätte ihr sagen müssen, dass sie in Kryvichy bleiben soll.
Endlich biegt der Bus von der Schnellstraße ab und rumpelt weiter über eine ungeteerte Piste. Die anderen Mädchen wachen auf und starren aus den Fenstern auf braune Hügel, übersät mit Felsbrocken, die wie ausgebleichte Knochen aussehen. In meiner Heimatstadt ist schon der erste Schnee gefallen, aber hier in diesem winterlosen Land gibt es nur Staub und blauen Himmel und dürre Sträucher. Wir halten an, und die beiden Männer drehen sich zu uns um.
Der Fahrer sagt auf Russisch: »Jetzt heißt's raus aus dem Auto und zu Fuß weitergehen. Das ist der einzige Weg über die Grenze.«
Sie öffnen die Schiebetür, und eine nach der anderen steigen wir aus, sieben Mädchen, die blinzeln und sich nach der langen Autofahrt recken und strecken. Trotz des strahlenden Sonnenscheins ist es kühl hier, viel kälter, als ich gedacht hatte. Anja birgt ihre Hand in meiner, und sie zittert.
»Hier entlang«, befiehlt der Fahrer und geht voran. Er biegt von der Schotterstraße ab und folgt einem Pfad, der hinauf in die Berge führt. Wir klettern um Felsbrocken herum, vorbei an Dornbüschen, die nach unseren Beinen krallen. Anja trägt offene Schuhe, und sie muss oft stehen bleiben, um die spitzen Steinchen hinauszuschütteln. Wir sind alle durstig, aber die Männer lassen uns nur einmal anhalten, um Wasser zu trinken. Dann geht es weiter; wie unbeholfene Ziegen klettern wir den steinigen Pfad hinauf. Wir erreichen den Hügelkamm und schlittern auf der anderen Seite bergab, auf eine Baumgruppe zu. Erst als wir unten ankommen, sehen wir, dass wir vor einem ausgetrockneten Flussbett stehen. Am Ufer verstreut liegen die Hinterlassenschaften derjenigen, die vor uns die Grenze überquert haben: Plastikwasserflaschen, eine schmutzige Windel und ein alter Schuh, der Kunststoff rissig vom Liegen in der prallen Sonne. An einem Ast flattert ein Fetzen einer blauen Zeltplane. So viele Träumer sind schon hier entlanggekommen, und wir sind sieben weitere, die ihren Fußstapfen in Richtung Amerika folgen. Plötzlich verfliegt meine Angst, denn der Müll, der hier herumliegt, ist der Beweis dafür, dass es nicht mehr weit sein kann.
Die Männer winken uns weiter, und wir machen uns daran, das gegenüberliegende Ufer zu erklimmen.
Anja zieht an meinem Arm. »Mila, ich kann nicht weitergehen«, flüstert sie.
»Du musst.«
»Aber mein Fuß blutet.«
Ich blicke auf ihre wunden Zehen hinunter, sehe das Blut, das aus der zarten Haut quillt, und rufe den Männern zu: »Meine Freundin hat sich den Fuß aufgeschnitten!«
»Ist mir egal«, sagt der Fahrer. »Los, weitergehen.«
»Wir können nicht weitergehen. Sie braucht einen Verband.«
»Entweder geht ihr jetzt weiter, oder wir lassen euch beide zurück.«
»Geben Sie ihr wenigstens Zeit, sich andere Schuhe anzuziehen!«
Der Mann dreht sich um. In diesem Augenblick geht eine Verwandlung mit ihm vor. Sein Blick lässt Anja ängstlich zurückweichen. Die anderen Mädchen stehen stocksteif und mit weit aufgerissenen Augen da, wie Schafe, die sich furchtsam zusammendrängen. Er kommt langsam auf mich zu.
Der Schlag trifft mich so plötzlich, dass ich ihn nicht kommen sehe. Plötzlich knie ich auf der Erde, und ein paar Sekunden lang ist alles dunkel. Dann registriere ich den Schmerz, das Pochen in meinem Kiefer. Ich schmecke Blut. Ich sehe es in leuchtend roten Spritzern auf die Steine im Flussbett tropfen.
»Steh auf. Los, steh auf! Wir haben schon genug Zeit verloren.«
Ich rappele mich schwankend auf. Anja starrt mich entsetzt an. »Mila, gib einfach Ruhe!«, flüstert sie. »Wir müssen tun, was sie uns sagen! Meine Füße tun auch gar nicht mehr weh, ehrlich. Ich kann gehen.«
»Habt ihr's jetzt endlich kapiert?«, sagt der Mann zu mir. Er dreht sich um und mustert die anderen Mädchen mit finsterem Blick. »Habt ihr gesehen, was passiert, wenn ihr mich auf die Palme bringt? Wenn ihr mir so frech kommt? Jetzt geht endlich weiter!«
Und plötzlich haben es alle Mädchen sehr eilig, das Flussbett zu durchqueren. Anja packt meine Hand und zerrt mich weiter. Ich bin zu benommen, um mich zu wehren, und so stolpere ich hinter ihr her, schlucke das Blut hinunter. Ich kann den Pfad vor uns kaum sehen.
Es ist nur noch ein kurzes Stück. Wir erklimmen die Uferböschung auf der anderen Seite, schlängeln uns zwischen ein paar Bäumen hindurch, und plötzlich stehen wir wieder auf einer Schotterstraße.
Dort parken zwei Kleinbusse; sie haben auf uns gewartet.
»Stellt euch in einer Reihe auf«, sagt unser Fahrer. »Los, beeilt euch. Sie wollen euch in Augenschein nehmen.«
Die Aufforderung verwirrt uns, aber wir stellen uns dennoch nebeneinander auf, sieben erschöpfte Mädchen mit schmerzenden Füßen und staubigen Kleidern.
Vier Männer steigen aus den Bussen und begrüßen unseren Fahrer auf Englisch. Es sind Amerikaner. Ein korpulenter Mann schreitet langsam unsere Reihe ab und beäugt uns. Er trägt eine Baseballkappe und sieht aus wie ein sonnengebräunter Farmer, der seine Kühe inspiziert. Vor mir bleibt er stehen und betrachtet stirnrunzelnd mein Gesicht. »Was ist denn mit der hier passiert?«
»Ach, die - die ist frech geworden«, antwortet unser Fahrer. »Ist bloß ein blauer Fleck.«
»Die ist sowieso zu dürr. Wer will denn schon so eine?«
Weiß er, dass ich Englisch verstehe? Interessiert ihn das überhaupt? Ich bin vielleicht dürr, denke ich, aber du hast ein Gesicht wie ein Schwein.
Seine Augen sind schon weitergewandert, zu den anderen Mädchen neben mir. »Okay«, sagt er und grinst plötzlich übers ganze Gesicht. »Wollen mal sehen, was sie so zu bieten haben.«
Unser Fahrer sieht uns an. »Zieht euch aus!«, befiehlt er auf Russisch.
Wir starren ihn schockiert an. Bis zu diesem Moment hatte ich mir noch einen Funken Hoffnung bewahrt, dass die Frau in Minsk uns die Wahrheit gesagt hat, dass sie uns tatsächlich Jobs in Amerika besorgt hat. Dass Anja als Babysitterin für drei kleine Mädchen arbeiten wird, dass ich selbst in einem Geschäft für Brautmoden Kleider nähen werde. Selbst nachdem der Fahrer uns unsere Pässe abgenommen hatte, selbst als wir diesen steinigen Pfad entlangstolperten, dachte ich stets: Es kann immer noch alles gut werden. Es kann sich immer noch als wahr herausstellen.
Keine von uns rührt einen Finger. Wir können immer noch nicht glauben, was er da von uns verlangt hat.
»Habt ihr nicht gehört?«, sagt unser Fahrer. »Wollt ihr vielleicht alle so aussehen wie sie?« Er deutet auf mein verschwollenes Gesicht, das von seinem Schlag noch schmerzhaft pocht. »Los, macht schon!«
Eines der Mädchen schüttelt den Kopf und beginnt zu weinen. Das macht ihn nur noch wütender. Sein Schlag lässt ihren Kopf herumwirbeln, und sie taumelt seitwärts. Er packt sie am Arm und zerrt sie hoch, greift in ihre Bluse und reißt sie auf. Schreiend versucht sie, ihn wegzustoßen. Der zweite Schlag streckt sie zu Boden. Als ob das noch nicht genug wäre, geht er auf sie zu und versetzt ihr einen brutalen Tritt in die Rippen.
»So«, sagt er und dreht sich zu uns Übrigen um. »Wer will die Nächste sein?«
Eines der Mädchen beginnt hastig, an den Knöpfen ihrer Bluse zu nesteln. Jetzt folgen wir alle dem Befehl, streifen unsere Blusen ab, öffnen die Reißverschlüsse unserer Röcke und Hosen. Sogar Anja, die schüchterne kleine Anja, zieht folgsam ihr Top über den Kopf.
»Alles«, befiehlt unser Fahrer. »Alles ausziehen. Wieso seid ihr Schlampen bloß so lahm? Na ja, ihr werdet bald lernen, euch dabei ein bisschen mehr zu sputen.« Er geht auf ein Mädchen zu, das mit vor der Brust verschränkten Armen dasteht. Sie hat ihre Unterwäsche nicht ausgezogen. Er greift in den Bund der Unterhose, und sie zuckt zusammen, als er sie ihr vom Leib reißt.
Die vier Amerikaner beginnen, uns zu umkreisen wie Wölfe, und lassen ihre Blicke über unsere nackten Leiber wandern. Anja zittert so heftig, dass ich ihre Zähne klappern höre.
»Mit der hier werd ich mal 'ne Probefahrt machen.« Eines der Mädchen schluchzt, als sie aus der Reihe gezerrt wird. Der Mann macht sich nicht einmal die Mühe, die Vergewaltigung vor unseren Blicken zu verbergen. Er stößt das Mädchen einfach mit dem Gesicht gegen einen der Transporter, öffnet den Reißverschluss seiner Hose und dringt in sie ein. Sie stößt einen schrillen Schrei aus.
Die anderen Männer treten näher und treffen ihre Wahl. Plötzlich wird Anja von meiner Seite weggerissen. Ich will sie nicht gehen lassen, doch der Fahrer windet meine Hand von ihrer los.
»Dich will niemand haben«, sagt er. Er stößt mich in den Wagen und sperrt mich darin ein.
Durch das Fenster kann ich alles sehen und hören. Ich höre das Lachen der Männer, die Schreie der sich sträubenden Mädchen. Ich kann den Anblick nicht ertragen, aber ich kann die Augen auch nicht abwenden.
»Mila!«, schreit Anja. »Mila, hilf mir!«
Ich hämmere gegen die verschlossene Tür, versuche verzweifelt, zu ihr zu gelangen. Der Mann hat sie zu Boden gestoßen und ihre Schenkel auseinander gezwungen. Sie liegt da, die Handgelenke in den Staub gedrückt, die Augen vor Schmerzen fest zugekniffen. Auch ich schreie, meine Fäuste trommeln an die Fensterscheibe, aber es gelingt mir nicht, aus meinem Gefängnis auszubrechen.
Als der Mann endlich von ihr ablässt, ist er mit ihrem Blut verschmiert. Er zieht seinen Reißverschluss hoch und erklärt mit lauter Stimme: »Gut. Sehr gut.«
Ich starre Anja an. Zuerst glaube ich, sie müsse tot sein, denn sie rührt sich nicht mehr. Der Mann blickt sich nicht einmal zu ihr um; stattdessen greift er in einen Rucksack und zieht eine Wasserflasche heraus. Er nimmt einen langen Schluck. Dabei sieht er nicht, wie Anja wieder zu sich kommt.
Plötzlich springt sie auf und beginnt zu laufen.
Während sie in die Wüste flieht, presse ich die Handflächen gegen die Fensterscheibe. Lauf, Anja! Los, schneller!
»Hey!«, ruft einer der Männer. »Da haut eine ab!«
Anja flüchtet immer noch. Sie ist barfuß, splitternackt, und die scharfkantigen Steine müssen ihr die Fußsohlen zerschneiden. Aber vor ihr liegt die offene Wüste, und sie läuft unbeirrt weiter.
Sieh dich nicht um. Lauf weiter. Lauf...
Der Schuss lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.
Anja fällt vornüber und stürzt der Länge nach zu Boden. Aber noch ist sie nicht besiegt. Sie rappelt sich auf, wankt wie eine Betrunkene ein paar Schritte weiter und sinkt dann auf die Knie. Sie kriecht jetzt auf allen vieren, jeder Zentimeter ein Kampf, ein Triumph. Sie streckt den Arm aus, wie um nach einer helfenden Hand zu greifen, die keine von uns sehen kann.
Ein zweiter Schuss ertönt.
Diesmal fällt Anja und steht nicht wieder auf.
Der Fahrer des Busses steckt die Pistole in den Gürtel und sieht die Mädchen an. Sie weinen alle und halten sich in den Armen, während sie in die Wüste hinausstarren, wo Anja tot im Staub liegt.
»Echt schade um die Kleine«, sagt der Mann, der sie vergewaltigt hat.
»Ist zu mühsam, ihnen hinterherzurennen«, meint der Fahrer. »Sie haben ja immer noch sechs zur Auswahl.«
Sie haben die Ware getestet; jetzt machen die Männer sich ans Handeln. Als sie damit fertig sind, teilen sie uns auf wie Vieh. Drei Mädchen pro Bus. Ich habe nicht mitbekommen, wie viel sie für uns bezahlen; ich weiß nur, dass ich das Schnäppchen bin, die Dreingabe, als Teil irgendeines anderen Geschäfts.
Als wir losfahren, werfe ich einen letzten Blick zurück auf Anjas Leiche. Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, sie zu verscharren, und sie liegt da, Sonne und Wind ausgesetzt, während über ihr in der Luft schon die hungrigen Vögel kreisen. In ein paar Wochen wird nichts mehr von ihr übrig sein. Sie wird verschwinden, genau wie ich bald verschwunden sein werde, untergetaucht in einem Land, wo niemand meinen Namen kennt. In Amerika.
Wir biegen auf eine Schnellstraße ab. Ich kann ein Schild sehen: US 94.

Dr. Maura Isles hatte den ganzen Tag noch keine frische Luft gerochen. Seit sieben Uhr früh atmete sie nun schon die Ausdünstungen des Todes ein, jene Gerüche, die ihr so vertraut waren, dass sie längst nicht mehr zurückzuckte, wenn ihr Skalpell die kalte Haut durchschnitt, wenn der üble Gestank von den freigelegten Organen aufstieg. Die Polizeibeamten, die gelegentlich mit ihr im Sektionssaal standen und bei den Obduktionen zusahen, waren nicht so unerschütterlich. Manchmal konnte Maura die Mentholsalbe riechen, die sie sich unter die Nase rieben, um den Gestank zu überdecken. Manchmal reichte auch die Mentholsalbe nicht aus, und dann konnte sie beobachten, wie die Jungs plötzlich weiche Knie bekamen, sich umdrehten und im nächsten Moment würgend über dem Waschbecken hingen. Die Cops waren nicht wie sie an die beißenden Formalindünste gewöhnt, an den schwefligen Geruch des verwesenden Gewebes.
Heute war diesem Cocktail von Gerüchen eine überraschend süßliche Note beigemischt - der Duft von Kokosöl, den die Haut von Mrs. Gloria Leder ausströmte, als sie vor Maura auf dem Seziertisch lag. Sie war fünfzig Jahre alt, geschieden, eine Frau mit breiten Hüften und schweren Brüsten, die Zehennägel grellrosa lackiert. Ausgeprägte Bräunungslinien markierten die Ränder des Bikinis, den sie getragen hatte, als sie am Pool ihres Apartmentblocks tot aufgefunden worden war. Ein Bikini war nicht unbedingt die vorteilhafteste Badebekleidung für einen Körper, der mit den Jahren deutlich auseinander gegangen war. Wann hatte ich das letzte Mal Gelegenheit, meine Badesachen anzuziehen?, dachte Maura und verspürte einen Anflug von absurdem Neid auf Mrs. Gloria Leder, die in den letzten Augenblicken ihres Lebens den herrlichen Sommertag hatte genießen können. Es war fast schon August, und Maura war noch kein einziges Mal am Strand oder im Schwimmbad gewesen; nicht einmal ein Sonnenbad im Garten hatte sie sich gegönnt.
»Cola-Rum«, sagte der junge Polizist, der am Fuß des Tisches stand. »Ich glaube, das war es, was sie in ihrem Glas hatte. Es stand neben ihrem Liegestuhl.«
Es war das erste Mal, dass Maura Officer Buchanan in ihrem Sektionssaal sah. Es machte sie ganz nervös, wie er unentwegt an seinem Mundschutz aus Papier herumhantierte und von einem Bein auf das andere trat. Der Kerl sah viel zu jung aus für einen Polizisten. Neuerdings sahen sie alle irgendwie zu jung aus.
»Haben Sie den Inhalt des Glases aufbewahrt?«, fragte sie ihn.
»Äh... nein, Ma'am. Ich hab aber ausgiebig dran gerochen. Sie hat ganz eindeutig Cola-Rum getrunken.«
»Um neun Uhr morgens?« Über den Tisch hinweg warf Maura ihrem Assistenten Yoshima einen Blick zu. Er war schweigsam wie immer, doch sie sah, wie eine dunkle Augenbraue dezent nach oben rutschte. Einen beredteren Kommentar würde sie von Yoshima kaum bekommen.
»Allzu viel hat sie davon nicht mehr trinken können«, sagte Officer Buchanan. »Das Glas war noch ziemlich voll.«
»Okay«, sagte Maura. »Sehen wir uns mal ihren Rücken an.«
Mit vereinten Kräften drehten sie und Yoshima die Leiche auf die Seite.
»Da ist eine Tätowierung auf der Hüfte«, bemerkte Maura. »Ein kleiner blauer Schmetterling.«
»Boah!«, meinte Buchanan. »Eine Frau in ihrem Alter?«
Maura blickte zu ihm auf. »Sie meinen wohl, mit fünfzig ist man schon steinalt, wie?«
»Ich meine - na ja, meine Mutter ist so alt.«
Vorsicht, Bürschchen. Ich bin nur zehn Jahre jünger.
Sie nahm das Skalpell zur Hand und begann zu schneiden. Es war ihre fünfte Obduktion für heute, und sie arbeitete zügig. Dr. Costas hatte Urlaub, und nach einer Massenkarambolage in der vergangenen Nacht hatte sie den Kühlraum am Morgen voller frischer Leichensäcke vorgefunden. Noch während sie damit beschäftigt gewesen war, den Rückstand aufzuholen, waren zwei weitere Leichen in die Kühlkammer eingeliefert worden. Die beiden würden bis morgen warten müssen. Das Verwaltungspersonal des Rechtsmedizinischen Instituts hatte schon Feierabend gemacht, und Yoshima sah immer wieder auf die Uhr - offensichtlich konnte er es kaum erwarten, sich endlich auf den Heimweg zu machen.
Sie durchschnitt die Hautschichten, weidete Brust- und Bauchhöhle aus. Hob die triefenden Organe heraus und legte sie auf die Schneidunterlage, um sie zu sezieren. Nach und nach gab Gloria Leder ihre Geheimnisse preis: eine Fettleber, die verriet, dass sie sich wohl ein paar Cuba Libres zu viel gegönnt hatte; eine von knotigen Fibromen durchzogene Gebärmutter.
Und schließlich - als sie den Schädel eröffneten - das, was ihren Tod verursacht hatte. Maura sah es, als sie das Gehirn in ihre behandschuhten Hände nahm. »Subarachnoidalblutung«, sagte sie und blickte zu Buchanan auf. Er war merklich blasser geworden, seit er den Raum betreten hatte. »Diese Frau hatte wahrscheinlich ein Beerenaneurysma - eine Schwachstelle in einer der Arterien an der Basis des Gehirns. Bluthochdruck dürfte das Problem verschlimmert haben.«
Buchanan schluckte, die Augen starr auf den schlaffen Hautlappen gerichtet, der einmal Gloria Leders Kopfhaut gewesen und nun nach vorn über ihr Gesicht gezogen war. Das war normalerweise der Punkt, an dem die Beobachter das kalte Grausen überkam, der Moment, da viele von ihnen zusammenzuckten oder sich entsetzt abwandten - wenn das Gesicht der Leiche wie eine ausgeleierte Gummimaske in sich zusammenfiel.
»Sie meinen also... dass es ein natürlicher Tod war?«, fragte er leise.
»Genau. Hier gibt es nichts mehr, was Sie unbedingt sehen müssten.«
Der junge Mann streifte schon seinen Kittel ab, während er vom Seziertisch zurückwich. »Ich glaube, ich brauche ein bisschen frische Luft...«
Ich auch, dachte Maura. Es ist ein Sommerabend, meine Gartenpflanzen wollen gegossen werden, und ich war den ganzen Tag noch nicht vor der Tür.
Doch eine Stunde später war sie immer noch im Institut. Sie saß an ihrem Schreibtisch, sah Laborausdrucke durch und diktierte Berichte. Obwohl sie sich ihrer OP-Kleidung entledigt und sich umgezogen hatte, schien der Geruch des Sektionssaals noch an ihr zu haften; ein Geruch, der sich auch mit noch so viel Seife und Wasser nicht tilgen ließ - denn es war die Erinnerung daran, die stets zurückblieb. Sie griff nach dem Diktiergerät und begann, ihren Bericht über Gloria Leder aufzuzeichnen.
»Fünfzigjährige Weiße, im Liegestuhl am Swimmingpool ihres Apartmentblocks leblos aufgefunden. Es handelt sich um eine gut entwickelte, wohlgenährte Frau ohne sichtbare Verletzungen. Bei der äußeren Besichtigung wurde eine alte Operationsnarbe am Abdomen festgestellt, wahrscheinlich von einer Appendektomie herrührend. Eine kleine Tätowierung in Form eines blauen Schmetterlings findet sich auf ihrer...« Maura hielt inne und versuchte, sich die Tätowierung in Erinnerung zu rufen. War sie an der linken oder an der rechten Hüfte? Gott, ich bin so müde, dachte sie. Ich kann mich nicht mehr erinnern. So ein belangloses Detail. Es änderte nichts an ihren Schlussfolgerungen, aber sie hasste nun einmal alle Ungenauigkeiten.
Sie stand auf und ging durch den menschenleeren Flur zum Treppenhaus, wo ihre Schritte auf den Betonstufen hallten. Unten stieß sie die Tür zum Sektionssaal auf und sah, dass Yoshima ihn wie üblich in makellosem Zustand zurückgelassen hatte - die Tische so gründlich geputzt, dass sie glänzten, die Böden sauber gewischt. Sie ging weiter zum Kühlraum und zog die schwere Abschlusstür auf. Wölkchen von kaltem Nebel quollen heraus. Reflexartig holte sie noch einmal tief Luft, als wollte sie in fauliges Wasser eintauchen, und betrat die Kammer.
Acht der Rollbahren waren belegt; die meisten standen schon zur Abholung durch ein Beerdigungsinstitut bereit. Maura schritt die Reihe ab und las die Namen auf den Etiketten, bis sie den von Gloria Leder gefunden hatte. Sie zog den Reißverschluss des Leichensacks auf, schob die Hände unter das Gesäß der Toten und rollte sie so weit zur Seite, bis sie die Tätowierung erkennen konnte.
Sie war an der linken Hüfte.
Maura schloss den Sack und wollte eben die Tür hinter sich zuziehen, als sie plötzlich mitten in der Bewegung innehielt. Sie drehte sich um und starrte in den Kühlraum.
Habe ich da gerade etwas gehört?
Der Ventilator schaltete sich ein und blies eiskalte Luft in den Raum. Ach, es war nichts weiter, dachte sie. Nur der Ventilator. Oder der Kompressor der Kühlanlage. Oder das Wasser, das in den Rohren zirkulierte. Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Sie war so müde, dass sie schon Halluzinationen hatte.
Wieder wandte sie sich zum Gehen.
Und wieder hielt sie inne. Drehte sich um und starrte die Reihe der Rollbahren an. Ihr Herz pochte jetzt so heftig, dass sie außer ihrem eigenen Pulsschlag nichts mehr hören konnte.
Irgendetwas hat sich hier im Raum bewegt. Da bin ich sicher.
Sie öffnete den ersten Sack und erblickte einen Mann, dessen Brust zugenäht war. Schon obduziert, dachte sie. Tot, ohne jeden Zweifel.
Welche war es? Von welcher Bahre war das Geräusch gekommen?
Sie riss den nächsten Reißverschluss auf und erblickte ein mit Prellungen und Quetschungen übersätes Gesicht, einen zerschmetterten Schädel. Tot.
Mit zitternden Händen öffnete sie den Reißverschluss des nächsten Leichensacks. Die Plastikhülle teilte sich, und sie sah in das Gesicht einer blassen jungen Frau mit schwarzen Haaren und bläulich verfärbten Lippen. Als sie den Sack noch weiter öffnete, kam eine durchnässte weiße Bluse zum Vorschein; der Stoff klebte an der weißen Haut, und auf den entblößten Partien glitzerten kalte Wassertröpfchen. Sie streifte die Bluse ab und erblickte volle Brüste, eine schlanke Taille. Der Rumpf war unversehrt, noch nicht mit dem Skalpell eines Pathologen in Berührung gekommen. Die Finger und Zehen waren violett verfärbt, die Arme bläulich marmoriert.
Sie legte die Finger an den Hals der Frau und fühlte eiskalte Haut. Dann beugte sie sich zu ihren Lippen hinunter und wartete auf einen Atemhauch, einen noch so leisen Luftzug an ihrer Wange.
Die Leiche schlug die Augen auf.
Maura stockte der Atem, und sie wich taumelnd zurück. Dabei stieß sie gegen die hinter ihr stehende Bahre und wäre fast gestürzt, als die Räder ins Rollen kamen. Sie rappelte sich auf und sah, dass die Augen der Frau immer noch geöffnet waren; ihr Blick jedoch ging ins Leere. Die bläulich verfärbten Lippen formten stumme Worte.
Schaff sie raus aus dem Kühlraum! Bring sie ins Warme!
Sie wollte die Bahre zur Tür schieben, doch das Ding ließ sich nicht vom Fleck bewegen; in ihrer Panik hatte Maura vergessen, die Bremse zu lockern. Rasch trat sie auf das Pedal, das die Blockierung löste, und lehnte sich erneut gegen die Bahre. Diesmal setzte sie sich in Bewegung und rollte ratternd aus dem Kühlraum hinaus in den wärmeren Anlieferungsbereich.
Die Augen der Frau waren wieder zugefallen. Maura beugte sich über sie und hielt ihre Wange dicht über den Mund der Frau, doch sie registrierte keinen Luftzug. O Gott! Du kannst mir jetzt nicht unter den Händen wegsterben.
Sie wusste nichts über diese fremde Frau - sie kannte weder ihren Namen noch ihre Krankengeschichte. Ihr Körper wimmelte möglicherweise von Viren, aber Maura legte dennoch ihre Lippen auf die der jungen Frau und musste beinahe würgen, als sie die kühle Haut schmeckte. Sie beatmete die Frau mit drei tiefen Stößen und legte dann die Finger an ihre Halsschlagader, um nach einem Puls zu tasten.
Bilde ich mir das nur ein? Ist es mein eigener Puls, den ich da fühle, das Pochen des Bluts in meinen Fingerspitzen?
Sie griff nach dem Wandtelefon und wählte die 911.
»Notrufzentrale.«
»Hier spricht Dr. Isles, ich rufe aus der Rechtsmedizin an. Ich brauche einen Rettungswagen. Ich habe hier eine Frau mit Atemstillstand...«
»Verzeihung, sagten Sie eben "Rechtsmedizin"?«
»Ja! Ich bin im hinteren Teil des Gebäudes, gleich hinter der Laderampe. Wir sind in der Albany Street, direkt gegenüber der Klinik!«
»Ich schicke sofort einen Rettungswagen.«
Maura legte auf. Erneut musste sie das Ekelgefühl unterdrücken, als sie ihren Mund auf den der Frau presste. Noch drei schnelle Atemstöße, und wieder legte sie die Finger an die Halsschlagader.
Ein Puls. Da war eindeutig ein Puls!
Plötzlich hörte sie ein Pfeifen, ein Husten. Die Frau atmete jetzt selbstständig, und ein rasselndes Geräusch drang aus ihrer verschleimten Kehle.
Bleib jetzt dran. Atmen, Lady. Atmen!
Lautes Geheul kündigte das Nahen des Rettungswagens an. Maura öffnete die Schiebetüren und blinzelte im grellen Schein des Blaulichts, als der Wagen rückwärts an die Laderampe heranfuhr. Zwei Sanitäter sprangen heraus, die Instrumentenkoffer in der Hand.
»Sie ist hier drin!«, rief Maura.
»Immer noch Atemstillstand?«
»Nein, sie atmet inzwischen. Und ich kann einen Puls fühlen.«
Die beiden Männer trabten in das Gebäude und blieben mit großen Augen vor der Frau auf der Rollbahre stehen. »Mein Gott«, murmelte der eine. »Ist das da ein Leichensack?«
»Ich habe sie im Kühlraum gefunden«, erklärte Maura. »Inzwischen dürfte sie ernsthaft unterkühlt sein.«.
»O Mann. Wenn das nicht die Mutter aller Albträume ist.«
Sofort wurden Sauerstoffmaske und Infusionskatheter ausgepackt, EKG-Elektroden angeschlossen. Der Monitor zeigte einen langsamen Sinusrhythmus an, wie von einem etwas trägen Karikaturisten gezeichnet. Das Herz der Frau schlug, sie atmete, aber sie sah immer noch aus wie eine Leiche.
»Was ist mit ihr passiert?«, fragte einer der Sanitäter, während er einen Stauschlauch um den schlaffen Arm der Frau legte. »Wie ist sie hier reingeraten?«
»Ich weiß absolut nichts über sie«, antwortete Maura. »Ich bin hinuntergegangen, um etwas bei einer anderen Leiche im Kühlraum nachzusehen, und da hörte ich, wie diese hier sich bewegte.«
»Kommt so was hier... öfter vor?«
»Es ist das erste Mal für mich.« Und sie hoffte bei Gott, dass es auch das letzte Mal war.
»Wie lange hat sie in Ihrem Kühlraum gelegen?«
Maura warf einen Blick auf das Klemmbrett an der Wand, wo die Einlieferungen des Tages vermerkt wurden, und sah, dass die unbekannte Tote gegen Mittag in der Rechtsmedizin eingetroffen war. Vor acht Stunden. Acht Stunden eingeschlossen in einem Leichensack. Wenn sie nun auf meinem Seziertisch gelandet wäre? Wenn ich ihr den Brustkorb aufgeschnitten hätte? Nach kurzer Suche im Korb mit dem Posteingang fand sie den Umschlag mit den Papieren, die zu der Frau gehörten. »Die Feuerwehr Weymouth hat sie eingeliefert«, sagte sie. »Es sah alles nach Tod durch Ertrinken aus...«
»He, ganz ruhig!« Der Sanitäter hatte gerade eine Infusionsnadel in die Vene gestochen, worauf die Patientin unvermittelt zum Leben erwacht war und sich in wilden Zuckungen wand. Die Einstichstelle schwoll an und färbte sich wie durch Zauberhand blau, als das Blut aus der Vene sich unter der Haut sammelte.
»Mist, ich hab die Stelle verloren! Hilf mir mal, sie festzuhalten!«
»Mensch, das Mädchen steht gleich auf und spaziert uns davon!«
»Sie wehrt sich mit aller Kraft. Ich krieg den Zugang nicht gelegt.«
»Dann legen wir sie einfach auf eine Trage und nehmen sie mit.«
»Wohin bringen Sie sie?«, fragte Maura.
»Nur über die Straße, in die Notaufnahme. Wenn Sie irgendwelche Papiere haben - die werden eine Kopie haben wollen.«
Sie nickte. »Wir sehen uns dann dort.« -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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