"Die Kontemplation und die Tätigkeit haben ihre Scheinwahrheit; aber erst die von der
Kontemplation ausgesendete oder vielmehr die zu ihr zurückkehrende Tätigkeit ist die Wahrheit."
(Franz Kafka in:
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande)
Wer Peter Sloterdijk (1947-) liest, öffnet ein Buch, welches eine Liaison mit allen Büchern eingeht. Diese bravouröse Essayistik entsteht aus der Lässigkeit eines scheinbar hingeworfenen Zitats oder eines Gleichnisses antiker Zeiten und führt als Konvolut weitverzweigter Gedanken zu einem Leseerlebnis, welches einem Bauer gleichkommt, der seinen Acker erntet. Dieses Lesen ist ernten auf den Feldern des Wissens.
So liegt es nahe, intertextuelle Zusammenhänge zu erwarten. Der letzte Satz in Platons "Phaidon", dem Äskulap einen Hahn schuldig zu sein, wird zur Parodie des Lamms als agnus dei. Es verschmelzen Sokrates und Jesus in eine Lebenszone am Rande des Todes. Diese nahe Grenze erwirkt auf beide eine Reinigung und wie Sokrates es selbst sagte, bewirkt der Tod die Heilung von der Krankheit des Lebens. Dieses im Leben bereits zu denken ist jene Phase, die Sloterdijk als "Scheintod im Denken" bezeichnet, die in äußerster Kontemplation einen neuen Sinn des Lebens bewirkt, eben jenes Eins-Sein, wie es Ovid in seinen dritten Buch der Metamorphosen am Beispiel Dianas und des Jägers Aktaion zeigte. Giordano Bruno nahm genau jene Szene zur Begründung des Aufgehen-Wollens im Vorgestellten. All diese Scheintode im Denken im Sinne einer beschaulichen Kontemplation oder eines In-sich-gekehrt-Seins fernöstlicher Prägung, von Pythagoras über Cicero, Bruno u.a. findet im deutschen Idealismus eine deutlich andere Prägung. Fichtes aufgeben des Welt-Ichs zugunsten eines Ichs, welches sich selbst reflektiert ohne Spiegelung des Äußeren, wird, so Sloterdijk, "zu einer "Einberufung in den heiligen Krieg zur vernunftgemäßen Weltgestaltung". Der Aufbruch ins Geisterreich Fichtes scheint dann für jenen der Sieg über alle Übel. Und dennoch findet sich genau an der Grenze zwischen Leben und Tod jene Übereinstimmung aller, nämlich dort "ist die Todesstunde Stunde der Geburt zu einem neuen herrlichen Leben" (Fichte).
Das Interesse am Scheintod, an jenem "bios theoretikós" ist nicht weniger als jenes Streben nach Heiligkeit zu Lebzeiten. Der Mensch tritt zurück aus seiner Welt und wird zum Beschauer derselben. Der profane Verstand, der das vorstellbar Göttliche nur gegenständlich betrachten konnte, wird abgelöst dadurch, dass er die hohen Wahrheiten selbst erfasst (Bruno), er selbst wird in das Erfaßte verwandelt wie im Gleichnis des Ovids. Der Tausch des trivialen Lebens gegen das Leben des Geistes war über die Jahrtausende mehr oder weniger die Lust am Leben, es die Annäherung an den Zustand des Erkenntnis fördernden Beinah-Todes und selbst im 20. Jahrhundert hat diese Idee seine Bewunderer. Goethes Todessehnsucht in den Gedichten des Divans wie in Hölderlins Empedokles und bei all den Romantikern ist die Chiffre des Verlangens nach höherem Leben, ein Leben im sterblichen Körper einquartiert, wie auch Platon bereits entdeckte. In der Modernen ist Valerys Idee des intellektuellen Monsieur Teste jener erste Mann ohne Eigenschaften aber aller Möglichkeiten, wie die Idee auch bei Robert Musil und mit Fernado Pessoa ihre deutlichen Ausprägungen fand. Valerys Cahiers wie vielleicht auch Kafkas Oktaven sind Beispiel jener Exerzitien und Übungen des Geistes, die letztendlich ein Design-Verfahren darstellen als die Kunst am Menschen im reinen und banalen Ort (vgl. Valery ebd.)
Was diese Menschen am Rande des Lebens erreicht haben, ist, Epochen gestaltet oder eingeleitet zu haben. Sie haben sich aus dem Leben geschlichen, aus der Arena der Teilhabe und sind in die Beobachtung ausgewichen. Wie der Melancholische sich dem Leben entschleicht und in seiner Gedankenwelt unverstellbares gebiert, so können eben diese Gedanken in der Unendlichkeit aller Möglichkeiten zu dem zusammen kommen, was man die Einheit nennt. (vgl De docta ignorantia, Cusanus) Der Scheintote ist eben jener, der dem eigenen Lebensprozeß nur beiwohnt, der auch sich selbst vom Posten des Beobachters aus betrachtet, jener homo interior, der wie Rilke den Weltinnenraum besitzt und letztendlich unter Abzug des Menschen zur geistigen Instanz wird.
Jene seiner selbst entfernten Haltung auf dem Posten der Beobachtung wird hier von Sloterdijk bestens entwickelt. Will man die Gedanken so abschließen, dann wäre es Akzeptanz oder Toleranz, vielleicht schweigende Gleichgültigkeit gegenüber den Konsequenzen des bios theoretikós. Was sagt die Moderne oder die mangels eines besseren Wortes genannte Postmoderne zu diesem auch dem Selbst gegenüber neutralen Beobachter? Max Bense empfiehlt, sich immer wieder aus der abstrakten Reflexion hinauszustehlen, "um jene kaum eingestandene Unmenschlichkeit des Geistes in eine schöne Unmittelbarkeit zu verwandeln". Sloterdijk geht in seiner Tübinger Vorlesung weiter. Er nimmt wieder jene Anamnesis auf, die auf die Texte der Zeiten und ihre Verbindungen sich bezieht. Damit wird es nichts Neues unter der Sonne geben, sondern alles bleibt in einem Prozeß im Laufe der Geschichte, beschienen von den manigfaltigsten Seiten. So wie Sartre die Idee der engagieren Existenz (Was ist Literatur?) nutzte, so mußte er von der Geschichte losgelöst die reine Existenz zur Wahl stellen und damit jede Kontemplation unterbinden. Diese und weitere "Attentate gegen den neutralen Beobachter" zeigt Sloterdijk auf als eine "Zehn-Dolche-Synopse" als eine "Kritik der theoretischen Vernunft". Seine Entfaltungsstufen des platonischen Scheintod-Schemas sind welt- und geschichtsumfassend. Sie zeigen auf, wie Platons In-Szene-Setzung "des besonnenen Lebens als Vorlaufen in den schönen Tod" ungeheure, epochemachende Konsequenzen auf die historische Zeit und das Denken in ihr hatte. Der Logos war in Philosophie und Wissenschaft verarmt, weil er die Weltbezüge in der Fatalität des Todes verengte. Weltwissen aus der Literatur, der Poesie, den Mythen und Religionen führten ein Schattendasein. Die Integration ist eine Aufgabe. Denn, so sein Ansinnen, ist es durchaus angebracht, die Wiedereingliederung der Wissenschaft in die Lebenswelt anzugehen wie auch die Wiedererweckung der wissenschaftlich oder philosophisch Erkennenden zum "verkörperten Dasein" ins Allzumenschliche voranzutreiben. Glück und Elend des theoretischen Lebens lesen sich, wie Pessoa schrieb, im Erkennen der Erhabenheit des Mönchs Einsamkeit und im Betrachten seiner selbst: "Und an meinem Tisch [...] schreibe ich namenloser kleiner Angestellter Worte, die die Rettung meiner Seele sind [...]"
Eine sehr lesenswerte Vorlesung, in Folge seines letzen Groß-Essays "Du mußt dein Leben ändern" entstanden und mit jenem lediglich verbunden über den Gedanken der Exerzitien und der Übung, es ist keine Kurzfassung. Dieses Buch (wie auch Sloterdijks letztes) hat konstruktive Aufmerksamkeit verdient.
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