Der katholischen Kirche mag es zwar an Nachwuchs für das Priesteramt fehlen, doch finanziell scheinen ihr Kirchenaustritte wenig zu schaden, hat sie sich doch eine umfangreiche Finanzierung durch den Staat Italien verschafft, die auf einem breiten politischen Konsens fußt. Der italienische Journalist und bekennende Laizist Curzio Malteste hat mit "Scheinheilige Geschäfte" einen Tabubruch gewagt und diese Verquickung von Kirche und Politik aufgegriffen, die zwar etwas vor allem für Italien spezifisches ist, aber dennoch ein faszinierendes Bild vom "Unternehmen Kirche" vermittelt.
Der Vatikan ist zwar ein eigenständiger Staat, doch die Art wie er Einfluss auf die italienische Innenpolitik erscheint unerhört. Der Klerus ist in den Medien etwa genauso oft vertreten wie die Politiker und gegen den Willen des Vatikans kann sich keine Regierung im Amt halten, wie der Fall Romano Prodis belegt. Steuerbefreiungen, Direktzuschüsse, die großzügige Übernahme von Kosten und politische Willfährigkeit werden unter dem scheinheiligen Deckmantel der Wohltätigkeit verborgen, wobei man gerne übersieht, dass die Kirche die den Menschen dienen will, nur knapp ein Fünftel der Einnahmen durch die Kirchensteuer in wohltätige Projekte investiert. Viel mehr ist die Kirche milliardenschwerer Immobilienbesitzer, Großinvestor und durch die Vatikanbank immer wieder auch in dubiose Geschäfte verstrickt, während sie für all das keinen Cent Steuern zu entrichten braucht.
Es gehört zur gängigen Praxis, dass die Kirche eigene Hotels für Pilger unterhält, mit Nonnen, Mönchen und Priestern als billigen Arbeitskräften und damit enorm vom gestiegenen Interesse an Pilgerreisen profitiert, während der Rest von Italiens Tourismusbranche eher auf dem Niveau der 80er-Jahre zurückgeblieben ist und Konkurrenz vom benachbarten Balkan fürchten muss. Dazu kommen eigene Privatschulen und Universitäten, die entgegen der Rechtslage vom Steuerzahler wie staatliche Institutionen mitfinanziert werden. Versucht jemand diese finanzielle Sonderstellung des Vatikans zu beschneiden, sieht er sich bald harscher Kritik seitens der Kurie und ihrer willigen Diener ausgesetzt. Die Lage wie Maltese sie beschreibt ist bestürzend und erinnert mehr an islamische Länder, denen man solches Verhalten sofort zur Last legen würde. Doch genau das macht auch deutlich, dass es einen eklatanten Unterschied zwischen der römisch-katholischer Religion und ihrer Institution gibt, der sich nicht zuletzt darin äußert dass letztere entgegen ihres Ideals kein Problem darin sieht zu nehmen und sich Vorteile, wie Reichtümer zu verschaffen, die in keiner Relation mehr zu ihrem "mildtätigen Werk" stehen.
Es ist kein Wunder, wenn durchaus gläubige Katholiken, wie sie Maltese aufzählt die Sonderstellung der Kirche eben aufgrund ihrer Religiosität angreifen und dabei mit Repressalien konfrontiert werden, die in Form gesellschaftlicher Ausgrenzung und Rufmords zumindest nicht mehr den Strafmaßnahmen der Inquisition entsprechen. Als Institution sollte sich die katholische Kirche in nichts von anderen Glaubensgemeinschaften unterscheiden, dennoch wird sie teils wie ein Wirtschaftsunternehmen geführt, das aufgrund seiner gefestigten finanziellen Stellung und dank der Finanzierung durch den italienischen Staat den Verlust von Gläubigen problemlos verkraftet, solange ihre Geschäftsfähigkeit nicht davon betroffen ist. Curzio Maltese bezieht sich nun ausdrücklich nur auf Italien, das eine schon allein geschichtlich einzigartige Beziehung zum Vatikan hat, der als Kirchenstaat lange Zeit gegen eine Einigung des Landes stand und in den Lateran-Verträgen später eine Art Opferstatus für sich reklamierte, die er vor allem durch seinen unverhältnismäßigen Einfluss auf die Politik des Landes mit finanzielle Entschädigungen in Verbindung brachte. Hinzu kommt natürlich auch, dass der Papst von Clemens VII. bis Johannes Paul I. über Jahrhunderte immer Italiener und oft Mitglied einflussreicher und somit auch politisch wirkender Familienclans war.
Fazit:
Interessante wenngleich eindeutig länderspefzifische Lektüre über die sehr unheiligen Geschäftsinteressen des Vatikans.