Die Autorin arbeitet seit über 20 Jahren als Therapeutin für Familien-, Paar- und Psychotherapie. Neben diesem Ratgeber von 2009 hat sie noch einige weitere Bücher herausgebracht. Das Taschenbuch behandelt in vier Kapiteln auf 109 Seiten, mit großen Absätzen und großer Schrift sowie einigen Abbildungen, das Thema Scheidungskinder. Es ist also schnell durchzulesen.
WAS VERSPRICHT DAS BUCH?
"Der praxisnahe Ratgeber" soll Eltern anhand einfühlsamer Ratschläge zeigen, wie sie sich bei einer Trennung ihrem Kind gegenüber richtig verhalten. Eltern sollen angeregt werden, den Blickwinkel von sich selbst auf das Kind zu lenken, um so neue, heilende Impulse für die ganze Familie zu erhalten.
INHALT UND MEINUNG
In Kapitel 1 gibt es Auskünfte zum Thema Herkunftsfamilie. Die Autorin stellt in sechs kurzen Sätzen inklusiver einer Aufzählung fest, dass wir alle Eltern haben, die uns das Leben schenkten. Dazu gibt es ein Schaubild, welches über fünf Stationen bei den Ur-Ur-Großeltern und beim (Scheidungs-)Kind endet. Hiernach ermahnt die Verfasserin, "nachdem sie sich ihrer Familiengeschichte bewusst geworden sind", widme ich mich nun dem nächsten Thema. Selten dürfte so flugs der Einstieg in die systemische Familientherapie gelungen sein. So fragt man sich schon zu Beginn, was soll dieses Buch einem geben? Wie soll man sich nach flüchtigen Sätzen auf zwei Seiten und einem Bild, das selbsterklärend ist, zu einem Bewusstsein über die eigene Familiengeschichte gekommen sein? Da es kein Satire-Buch ist, kann man diesen Ratgeber schon an dieser Stelle als Plunder unter dem Deckmantel der Fachlichkeit empfinden.
Hiernach geht die Autorin in gleicher Kürze den Weg zur Elternschaft durch. Das Paar findet sich, eine Familie wird geplant, man wird Eltern, das Paar trennt sich. Erklärt wird der systemische Ansatz damit, das man selbst die Summe aller familiären Erfahrungen ist, was in Teilen stimmen dürfte und sogar logisch ist, hier aber als einziger Anbeginn des Verstehens verkauft wird. Auf Seite 22 bekommt man dann schnell noch die nächste Mahnung: "Nachdem sie ihren Ursprung und somit den Blickwinkel erweitert haben..."; mir ist keins von dem bis hierhin anhand der Ausführungen gelungen. Zur Vertiefung gibt es das Schaubild von Seite 16 auf Seite 20 noch mal, diesmal aber vertikal, nicht horizontal, was eine gewisse Kreativität verrät.
Nach der eher uneindringlichen Erläuterung, dass ein Kind Teil beider Eltern ist, einer weiteren Ermahnung, dass man nun nach 26 Seiten Dinge verstanden hat, die viele ihr ganzes Leben lang nicht kapieren, werden fünf Trennungsgründe aufgezählt. Jeweils mit einer kurzen Info wie man es hätte besser machen können. Über Klischees geht es nicht hinaus und so was kann man in jeder schlechten Frauenzeitschrift gleichfalls nachlesen.
Längere Ausführungen folgen zu dem Aspekt Trennung sowie der Frage, was das Kind dabei empfindet. Dies wird garniert mit Merksätzen, die alle ihre Berechtigung haben, aber in der Art ihrer Darreichung weder das schlichte noch ein anderes Gemüt wirklich erreichen dürften. All dies basiert auf richtigen und ernstzunehmenden Aussagen, beachtet vor allem die Sichtweise der Kinder, es ist aber zu bezweifeln, dass es ein Elternteil anhand dieser Zeilen wirklich nachfühlt, wirklich zum Nachdenken angeregt wird. Zu schnell dürfte die Regung kommen, dass man das ganz "als doch klar" abtut, denn die Oberfläche ist fast jedem klar, egal in welchen emotionalen Verwirrungen er gerade steckt. Fazit: Die wichtigen Kernaussagen, was die Seele des Kindes betrifft, sind vorhanden, werden aber so kaum ihren Adressaten finden.
Im zweiten Kapitel werden beispielhaft zahlreiche Fälle aus der Praxis geschildert. Dies nach dem "Problem-Lösung-Stil". Erkenntnisse gewinnt man kaum, außer diverser Kernsätze und Lösungen, auf die man auch ohne psychologische Ausbildung z. B. nur mit Herz und Verstand kommt. Diese beiden Eigenschaften zu wecken, gelingt dem Buch aber nicht. Abgeschlossen wird mit Ausführungen zu den geschlechtspezifischen Unterschieden in der Gefühlslage bei einer Trennung. Diese sind arg traditionell und stereotyp. Es verwundert nicht, dass Paartherapie kaum funktioniert, wenn die Therapeuten immer noch mit dem Ansatz in die Angelegenheit gehen, dass Frauen ihre Emotionen ausdrücken können, also offensichtlich verletzt sind, während Männer alles im stillen Kämmerlein ausmachen. Dies dürfte im 21. Jahrhundert allmählich, auch dank eines gesellschaftlichen Wandels, allmählich überholt sein und blockiert den sinnvollen Fortgang einer Therapie. Letztlich sollte Sachlichkeit nicht immer mit unterdrückten Emotionen verwechselt werden.
Kapitel 3 widmet sich dem "Weg zur Heilung". Hier wird das Vorgeschriebene, was man nun also erfahren hat, in Ratschläge umgewandet noch mal aufgekocht. Die durchaus wichtige Quintessenz ist, hören sie auf das andere Elternteil schlecht zu machen, auch wenn man dort ggf. sogar nahrealistisch nichts Gutes findet. Der Ratschlag ist wichtig, kann anhand dieses Ratgebers aber dem Leser kaum implantiert werden.
Im letzten Kapitel werden auf neun Seiten "praktische Fragestellungen" erörtert. Wie sagt man es dem Kind, neuer Lebenspartner, Patchworkfamilie und Alleinerziehende sind die Themen. Wer darin was findet, was er nicht aus Instinkt und Vernunft mitbringt, sollte es auch als Goldsucher versuchen.
Ohne Frage, der Verfasserin gelingt es, mit den wenigen und zudem sehr oberflächlichen Ausführungen zumindest ihr scheinbar großes vorhandenes Mitgefühl für Kinder und Eltern zu übermitteln. Dies muss aber nicht unbedingt durch ein Ratgeber-Buch zum Thema Scheidungskinder übertragen werden. Liebe und Geduld sind sicher bei allen psychosozialen Konflikten lobenswerte Voraussetzungen. Sie sind aber nicht spontan abrufbar und es hilft dem Kind wenig, wenn außer der Therapeutin/Autorin, keiner das Gefühl hat, was Gutes getan zu haben. Was hier und auch in der Praxis fehlt ist, dass man den Finger auch mal in die Wunde legt, das Klartext gesprochen wird. Das hilft dem Kind kurz- und mittelfristig mehr, als das unverantwortliche Elternteil zu einer Einsicht aufzufordern, die man noch nicht mal ansatzweise gut erklärt und näher bringt.
FAZIT
Selbst für den geringen Preis kein lohnendes Buch. Mehr als Broschürenmitteilungen sind nicht enthalten. Und die bekommt man auch in jeder guten Familienberatungsstelle.