Das vorliegende Buch berichtet über die erste Langzeitstudie zu den psychosozialen Folgen, die Scheidungskinder verarbeiten müssen. Die Studie wurde an 131 Scheidungskindern über 25 Jahre durchgeführt; diese Gruppe wurde mit 44 Erwachsenen verglichen, die in einer intakten Familie aufwuchsen. Die Studie räumt mit dem Mythos auf, dass, wenn die Eltern - durch eine Scheidung - glücklicher werden, auch die Kinder glücklicher sein werden. Offensichtlich werden Kinder aus Scheidungsfamilien nicht dadurch glücklicher oder psychisch gesünder, wenn ein Elternteil oder beide Eltern glücklich sind. Empirische Studien belegen, dass Kinder aus geschiedenen oder wiederverheirateten Familien sich gegenüber ihren Eltern und Lehrern aggressiver verhalten, vermehrt Depressionen und Lernprobleme aufweisen, und somit ein spezifisches Handycup gegenüber Kindern aus intakten Familien vorliegt.
Noch konsequenter räumt die Studie mit einem zweiten Mythos auf: Nämlich der Vermutung, bei einer Ehescheidung handelt es sich aus der Perspektive der Kinder nur - wie man Jahrzehnte vermutete - um eine vorübergehende Krise, die auf die unmittelbare Zeit nach der Scheidung begrenzt ist. Die Langzeitstudie zeigt, dass erst im Erwachsenenalter die Scheidungskinder am stärksten leiden. „Die Wucht der elterlichen Scheidung trifft sie besonders grausam im Rahmen ihrer Suche nach Liebe, Bindung und sexueller Intimität." (S. 304 f.) Erst vom dritten zum vierten Lebensjahrzehnt gelingt es vielen Scheidungskindern, ihre Furcht vor Verlust und Vertrauensbruch zu überwinden.
Die zentrale Erkenntnis der Langzeitstudie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Eine Scheidung führt bei Kindern zu einer langandauernden Krise. Die Kinder erleben - anders als ihre Eltern - langfristig negative Konsequenzen, die sich im Zeitverlauf tragisch zuspitzen, das heißt die Wirkungen nehmen mit der Zeit zu und in jeder Entwicklungsstufe werden die Konsequenzen anders erfahren. Vor allem ist langfristig die zwischenmenschliche Vertrauensbereitschaft und die Möglichkeit, enge Bindungen einzugehen, beeinträchtigt. Scheidungskindern fehlt die „Vorlage" für ihre eigene Familie. Das Fehlen einer guten Vorlage wirkt sich negativ auf ihre Suche nach Liebe und persönlicher Bindung aus. Wenn sich der elterliche Kontakt auflöst, „ändern sich die zwischen Eltern und Kindern bestehenden wechselseitigen Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse." (S. 32)
Abschließend beleuchten die Autorinnen den gesellschaftlichen Hintergrund der Scheidungskultur in den USA: Die sich in den letzten 30 Jahren entwickelnde Scheidungskultur führt zu folgenden Fakten: Zirka 50 % der Erst-Ehen und 60 % der Zweit-Ehen werden geschieden, 25 % der heute 18- bis 45-jährigen entstammen aus einer geschiedenen Ehe. Die damit verbundenen Risiken äußern sich wie folgt: Kinder erfahren heute weit weniger Zuwendung, Schutz und elterliche Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahrzehnten.
Das vorliegende Buch bleibt dadurch besonders gut lesbar, da die Autorinnen sich entschlossen haben, ihre Forschungsergebnisse in Fallbeispielen dem Leser nahe zu bringen. Die Fallbeispiele stellen Prototypen von Scheidungskindern dar, die zu einer faktenreichen und betroffen machenden Lektüre zusammengefasst sind. Durch einen kleinen Anhang zum methodischen Vorgehen wird die Langzeitstudie für den methodisch interessierten Leser transparent. Die zentralen Aussagen der Studie basieren aus aufwändigen und wiederholt durchgeführten Interviews. Die erzielten Ergebnisse stellen für jeden klinischen Familien- und Kinderpsychologen eine Herausforderung dar. Wir sind durch die Ergebnisse aufgefordert, die langfristigen Folgen für Scheidungskinder durch Präventionsangebote zu reduzieren. Das vorliegende Buch liefert uns eine fundierte Basis und differenzierte Analyse des Problemfeldes.
Prof. Dr. Franz Petermann, Bremen