Stephanie zu Guttenberg ist von Beruf, tja, das ist nicht ganz klar. Jedenfalls ist sie Ehefrau des Verteidigungsministers und tritt im Fernsehen gegen sexuellen Misbrauch auf. Dieses Buch wurde ghostgewritten von Anne-Ev Ustorf, die sonst in "Brigitte" oder der "Süddeutschen" schreibt.
Fast jeder dürfte mit dem erklärten Ziel der Autorinnen übereinstimmen, sexuell misshandelten Kindern Unterstützung zu gewähren und weitere Gewalt gegen sie zu verhindern. Diesen Teil des Buches in den ersten beiden Kapiteln des Buches finde ich respektabel und nützlich.
Dann macht die Autorin in Kapitel 3 einen Schlenker zu "Gewalt in den Neuen Medien". Sie schildert Beispiele von sexuellen Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche, die von den Tätern über das Internet kommerziell ausgenutzt wurden. Anschließend berichtet sie, wie ihr Verein einigen Opfern versucht hat zu helfen. Auch das finde ich unterstützenswert. In Kapitel 4 beschreibt die Autorin die Missbrauchsskandale an katholischen Einrichtungen und der Odenwaldschule. Es ist ein Fortschritt, dass konservative Politiker die Kultur des Schweigens kritisieren und die Opfer stärken. Das war nicht immer so. Im nächsten Kapitel widmet sich Frau Guttenberg der Sexualisierung in den Medien. Sie schildert Fernsehsendungen, die ich noch nie gesehen habe und für durchaus verzichtbar halte.
Einige Zitate:
"Es ist kein gutes Gefühl, dass auch unsere Kinder sich dort im Internet tummeln, dort chatten und surfen, wo viele Täter unterwegs sind" (S. 13)
"Bis heute habe ich nicht verstanden, dass unsere Informationsfreiheit dahin gehen muss, dass wir Straftaten gegen Kinder im Internet dulden". (S. 14)
"Wir müssen unsere Kinder davor warnen, dass auch Menschen im Netz unterwegs sein können, die keine positiven Absichten haben. Nun sind meine beiden Töchter noch jung, aber schon jetzt weiß ich: In ihren eigenen Zimmern wird kein Rechner stehen." (S. 92)
"Ein Blick auf die Straßen an einem regulären Samstagabend zeigt: kurze Röcke, tiefe Dekolletès, viel nackte Haut sind heute besonders bei sehr jungen Mädchen angesagt. Auch bei fünf Grad und Nieselregen." (143)
"Überhaupt neigen wir heute dazu, unsere Kinder zu überfrachten ' nicht nur mit unseren eigenen Problemen, sondern auch mit unserem Ehrgeiz und unseren Anforderungen" (151)
Bei der Lektüre kommen mir einige Fragen:
- Bin ich der einzige, oder wundern sich auch andere darüber, dass sich die Frau eines Verteidigungsministers gegen Gewalt engagiert? Ich meine, auch die glühendsten Anhänger von Karl-Theodor-zu werden doch einräumen, dass der nicht völlig gewaltfrei handelt, oder?
- Wenn "wir" Straftaten gegen Kinder im Internet dulden müssen, weil wir zuviel Freiheit haben, was ist dann mit anderen Straftaten? "Wir" müssen mit vielen Gewalttaten leben, in Schulen, Elternhäusern und Arbeitsplätzen. Wenn der Staat diese nicht verhindern kann, folgt daraus nicht, dass diese legal oder akzeptiert wären.
- Auch wenn Frau Guttenbergs Töchter keinen Computer im Kinderzimmer haben dürfen, irgendwann dürften sie ein Smartphone oder iPad in die Hände bekommen, notfalls bei Freunden. Dann hilft nur noch Medienkompetenz, aber woher sollen sie die bekommen?
- Wie bringt die Autorin ihre Medienkritik mit ihren eigenen Auftritten bei RTL und Bild-Zeitung zusammen? Die vermarkten doch genau das Menschenbild, das Frau Guttenberg ablehnt, warum nennt sie die nicht beim Namen?
Fazit:
Insgesamt ist das Buch bestenfalls gut gemeint, aber spießig und technisch altmodisch. Der Ansatz von Gesellschaftskritik wirkt hilflos. Es ist anständig, Opfern helfen zu wollen, aber Internetsperren werden ihnen ebenso wenig helfen wie Straßensperren. Die Autorinnen gehen den Ursachen der Gewalt nicht auf den Grund. Somit ist das Werk eher eine Reklame für eine Verteidigungsministerehefrau und ansonsten weitgehend vergeblich.