Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eine wenig bekannte Realität intensiv, teilweise ungenau beschrieben, 21. März 2008
In den Niederlande hat Kleijwegts Reportage Furore gemacht, weil sie kurz nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 herauskam und der Mörder Mohammed Bouyeri zufällig in eben dem Quartier Amsterdam-Wests aufgewachsen ist, in dem Kleijwegt eine achte Klasse ein Jahr lang besucht hatte.
Das Calvijn met Junior College gilt als "Schwarze" Schule, weil hier praktisch nur Immigrantenkinder den Unterricht besuchen. Ihre Eltern stammen aus Marokko, der Türkei, Surinam, Indonesien, Kenia, der dominikanischen Republik und in einem einzigen Fall auch aus den Niederlanden.
Kleijwegt berichtet von "Terrorkids", von monatelangen Absenzen, von Einschüchterung und Perspektivenlosigkeit. Bei manchen ihrer Besuche ist Kleijwegt die erste Niederländerin, die überhaupt zu ihnen nachhause kommt. In einigen Familien ist sie nicht willkommen und kann Gespräche nur dank Vermittlung religiöser oder staatlicher Stellen einfädeln.
Die meisten Mütter und viel Väter sprechen schlecht oder gar kein Niederländisch und Kleijwegt ist auf die Übersetzungsdienste der Kinder angewiesen. Die Eltern wissen oft nicht, dass ihre Kinder den Unterricht schwänzen oder ihn massiv stören, dass sie andere einschüchtern.
Für viele ist ein konservativer Islam die einzige Rettung, praktisch alle Frauen und Mädchen tragen Kopftücher. Einige Jungs besuchen islamische Internate.
Kleijwegt beleuchtet an den Problemen der Schülerinnen und Schüler vor allem die Rolle ihrer Eltern. Die traditionelle Autorität der Väter ist beschädigt, weil sie oft keine Arbeit haben, weil sie schlecht niederländisch sprechen, weil ihr sozialer Status ganz allgemein tief ist.
Ihre Ferien in Marokko oder der Türkei empfinden die Kinder dagegen als idyllisch, es werden Häuser gebaut, der soziale Status ist hoch. Kein Wunder identifizieren sie sich in dieser Situation lieber mit der Kultur ihrer Herkunftsländer.
Viele Eltern - ganz speziell die Mütter - haben kaum Kontakt zu Niederländern. Sie gehen nicht aus, besuchen keine Elternabende. Und auch ihrer die Kinder sind weitgehend unter sich. Kleijwegt empört sich über die Passivität der Eltern, die ihren Kindern keine echten Grenzen setzen. Und sie fordert Lehrer und Sozialarbeiter auf, mit den Eltern zu sprechen, sie zu besuchen.
Kleijwegts Reportage ist auch für Deutschland oder die Schweiz höchst relevant. Trotzdem bin ich mit dem Buch nicht richtig glücklich geworden. Das liegt einerseits an den vielen banalen Urteilen, mit denen der Text stellenweise durchtränkt ist.
An anderen Stellen ist mir Kleijwegt nicht präzise genug - unnötigerweise, kann sie sich doch über ein ganzes Buch ausbreiten. Zum Beispiel hier:
"Ein paar Wochen später berichten die sozialen Instanzen einander, dass es mit Jason Probleme gibt. Nachbarn beschweren sich über den Krach, den er mit seinen Freunden macht. Es wird vermutet, dass Jason Alkohol und Drogen konsumiert. Man versucht alles, aber nichts gelingt."
Hat Kleijwegt Einsicht in Behördendokumente bekommen? Hat sie selbst mit Nachbarn gesprochen? Wer vermutet Jasons Drogenkonsum? Wer versucht hier was?
Besonders geärgert haben mich eine Art Pseudodialoge, bei denen Kleijwegt Zitatschnippsel der beiden Elternteile wild aneinanderfügt. Ähnlich konzeptlos ist die Gesamtanlage des Buches, was bei den zahlreichen über ein Jahr verteilten Besuchen bei 19 Familien allerdings auch nicht ganz einfach ist.
Insgesamt dennoch ein empfehlenswertes Buch, das an einem ungestörten Nachmittag rasch gelesen ist.
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5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Nichts Neues, 27. Februar 2008
Die Autorin ging ein Jahr lang in das vorwiegend von Marokkanern und anderen Muslimen bewohnte Amsterdamer Viertel, in dem auch der Mörder Theo van Goghs wohnte, besuchte dort verschiedene Familien und die Schule, in die die Kinder gehen. Das ist interessant, weil die Begegnung mit einzelnen Personen natürlich eindrucksvoller ist, als wenn man irgendwelche Statistiken über "die" Ausländer liest, die sich irgendwie als graue Masse hinter den Zahlen verbergen.
Aber wirklich Neues hat Margalith Kleijwegt dabei nicht herausgefunden. Das Viertel hat ghettoähnliche Strukturen, die Einwanderer bleiben unter sich. Sie fühlen sich unerwünscht, ausgegrenzt und im Stich gelassen, was im hohen Maße zu Frustrationen führt. Die meisten Mütter können gar kein Niederländisch oder nur sehr wenig. Die meisten Eltern versagen bei der Erziehung. Wenn die Kinder die Schule schwänzen oder sich aggressiv verhalten, fühlen sie sich hilflos und können nicht adäquat darauf reagieren. Also suchen und finden die Migranten Halt und Identität in der Religion, die auf diese Weise einen immer höheren Stellenwert erhält und mystisch überhöht wird. Wird die Religion dann öffentlich beleidigt, kochen die Emotionen über und es kann zu Taten wie der Ermordung des Regisseurs Theo van Gogh kommen. Und dann wundern sich die Lehrer in der Schule, dass einige ihrer Schüler diesen Mord verstehen oder sogar gutheißen.
Wundern müsste man sich aber eigentlich über anderes, z.B. darüber, dass nicht viel mehr Muslime, die ohne Lebensperspektive in solchen Ghettos stecken, gewalttätig werden. Wundern kann man sich auch über die Behörden, die auf die Situation mit einem Mischmasch aus Gleichgültigkeit, Hilflosigkeit und ein paar sozialen Angeboten reagieren. Dabei fehlt ihnen die Konsequenz. Ob die Frauen in ihrem Niederländischkurs die Sprache lernen oder nicht, ist ihnen offensichtlich egal. Die Frauen, die Kleijwegt beschreibt, lernen sie überwiegend nicht, was auch daran liegt, dass Sätze wie "Hier darf man mit dem Motorrad nicht links abbiegen", nicht wirklich motivierend wirken. Wenn die Kinder über Monate hinweg nicht in der Schule auftauchen, bekommen die Eltern ein Schreiben und es kann ein Bußgeld verhängt werden. Das war's dann. Die Kinder bleiben weiterhin der Schule fern und niemand kommt auf die Idee, mal zu Hause vorbeizuschauen.
Am Schluss fasst die Autorin noch einmal zusammen, was bei der Integration falsch gemacht wird. Zusätzlich gibt es noch ein Kapitel über die Situation in Deutschland, die nicht viel anders ist als in den Niederlanden. Allerdings wird dort noch beschrieben, was Frau Kleijwegt in ihrem ganzen Buch mit keinem Wort erwähnt, nämlich dass Kinder aus Migrantenfamilien überdurchschnittlich häufig in ihren Familien Gewalt erfahren und sie so von ihren Vätern deutlich vor Augen geführt bekommen, dass die Anwendung von Gewalt und männliches Macho-Gehabe bei der Durchsetzung von Zielen allzuoft zum Erfolg führt.
Die Schlussfolgerung lautet schließlich, dass nicht mehr länger weggesehen werden darf, weil "nur eine Kultur des Hinsehens, Zivilcourage, kann dazu beitragen, Gewalt zu verhindern". Das ist schön formuliert, nur stimmt es leider nicht. "Hinsehen" tun mittlerweile viele. Medien produzieren Schlagzeilen, Politiker machen mit dem Thema Wahlkampf, der brave Bürger schaut ebenfalls hin, meistens ziemlich verschreckt, und einzelne Akte der Zivilcourage sind lobenswert, lösen das Problem aber auch nicht, denn obwohl das Thema überall präsent ist, wird immer nur an einzelnen "Baustellen" herumgedoktert. Mal wird diskutiert wie jugendliche Straftäter zu behandeln sind, dann rückt das Sprachenproblem in den Vordergrund, dann die Undurchlässigkeit des Bildungssystems oder die Gewaltprävention. Alles Themen, die auch im letzten Kapitel dieses Buches angesprochen werden. Aber genau das ist die Misere. Theoretisch weiß jeder, was geändert werden müsste, es ändert sich aber kaum etwas. Es wird viel geredet und wenig getan. Und auch dieses Buch ist nur eine weitere Bestandsaufnahme, es stellt wieder einmal fest, was im Grunde altbekannt ist. Ein klares Konzept, das ja durchaus verschiedene Ansätze enthalten könnte, das aber von allen Parteien mitgetragen und in allen Bundesländern konsequent durchgesetzt wird, gibt es nicht und dieses Buch liefert auch keines. Erst wenn aus "Schaut endlich hin!" "Wir tun endlich etwas!" wird und die Gesellschaft aufhört, integrationswillige Migranten auszugrenzen und sie in ihren Ghettos zu belassen, kann sich etwas ändern.
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