Dies ist ein böses, kluges Büchlein, das ich vor ein paar Jahren vermutlich empört in die Ecke gefeuert hätte. Aber sieben Jahre Berlin machen, wenn auch nicht klug, so doch empfindlich für all das, was die Autoren hier zusammengetragen haben über die ewig im Roh- und Umbau befindliche Hauptstadt. Für ihre Bewohner, die selten aus dem eigenen Kiez herauskommen, jedoch gerne die Großartigkeit der "spannendsten Metropole der Welt" für sich in Anspruch nehmen - eine Übung, die leicht gelingt, wenn man das Universum jenseits von Charlottenburg und Friedrichshain nach Kräften ignoriert. Es geht um das ewige Chaos; die mit religiöser Inbrunst verfolgte "Jeder-macht-seins"-Mentalität; die Kampfradler; das notdürftig kaschierte Elend jenseits der In-Viertel, in denen sich nervöse Pseudohipster gegenseitig auf den Füßen herumstehen und manch andere Facette des selbstgenügsamen Berliner Betriebes.
Dabei ist dies nicht einfach ein Kübel Hauptstadt-Hass, den die Autoren hier ausschütten: Gerade zwischen den Zeilen der letzten Texte blitzt auch eine etwas verzweifelte, melancholische Zuneigung auf; wie zu einer Geliebten, die nachts aufgelöst nach Hause kommt, und man weiß, dass man sie besser nicht nach dem woher und warum fragt.
Auch lässt sich an der narzisstischen Hauptstadt als übergroßer Zielscheibe natürlich trefflich die Durchschnittlichkeit deutscher Politik herunterdeklinieren: das zerrupfte (Berlin-)Mitte als traurige Metapher für eine Politik, die sich die neue (gesellschaftliche) Mitte ausdachte, aber - wie Georg Diez schreibt - übersah, dass man aus einer Bande von Egoisten nicht einfach eine Schicht basteln und dieser dann gesellschaftliche Verantwortung zuschieben kann. Wir - so die ernüchternde Botschaft - sind alle ein bisschen Berlin; manch einer eben etwas mehr.
Kurz und traurig: Das glamouröse, "neue" Berlin, von dem die Presse gerne und hingerissen berichtet, wird vor allem von Lebenslügen zusammengehalten. Da wird pure Gammelei zur kreativen Improvisation, Kaltschnäuzigkeit zu Coolness und jeder noch so prekäre Müßiggang zum avantgardistischen Akt umgerubelt. Berlin ist subventioniertes Theater; tragisch, komisch, selbstverliebt. Wer das verstanden hat, wird sich mit der täglichen Inszenierung abfinden oder den Weg zum Ausgang suchen. "Schaut auf diese Stadt" eignet sich als Ausgangspunkt für beides. Kurzweil für einen Nachmittag, bevor man sich wieder unter die Wolfskinder der Kastanienallee begibt, wo es den Ernst des Lebens zu vermeiden gilt.