Opa war im Krieg, Opa erzählt vom Krieg. Aber Opa ist so maulfaul. Man kann ihn fragen, doch wir wollen nicht nur wissen, wo er wann mit wem gewesen ist, sondern was genau geschah. Was in ihm vorging. Wie er zu all dem gestanden hat. Informationen von dieser Qualität sind in der intrafamiliären und -generationellen Kommunikation seit Jahrzehnten gefühlte Leerstellen oder notdürftig gewässert mit reflexhaften Satzbausteinen, vor allem dann, wenn - und das ist wohl unvermeidlich - Tod, Selbstzweifel und erst recht der Holocaust berührt werden. In der lesenswerten Studie "Geschichte machen" von Olaf Jensen wird eine Redeweise beschrieben, die insbesondere das Täterhandeln gesichtslos erscheinen lässt. Gleichsam gab es immer wieder Männer, die ihre Soldatenzeit en detail beschreiben, gerne auch im Selbstverlag, doch hat das fast immer mit Landser-Romantik zu tun. Dieter Wellershoff, dessen "Der Liebeswunsch" mir hochgradig überbewertet zu sein scheint, hat ein Buch über sein Erleben der braunen Zeit verfasst ("Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges"), und einige der Selbstbeobachtungen und Erlebnisse dort fließen auch in die mündliche Rede auf diesen drei CDs (215 Minuten) ein. Durch die Lektüre des Kriegsbuches ist Klaus Sander mit Sicherheit erst auf Wellershoff gestoßen, zumal ihm eine Parteimitgliedschaft - zumindest auf dem Papier - nachgewiesen werden konnte, die er sich selbst offenbar nicht erklären kann und auf dieser Veröffentlichung auch keine Erwähnung findet.
Es ist wieder einmal eine großartige Produktion, die mit dem späteren Schriftsteller Wellershoff in keinerlei Verbindung steht, somit muss man gar nicht wissen, was Wellershoffs Prosa ausmacht. Wir hören vielmehr einem alten Mann dabei zu, wie er - ohne hörbare Schere im Kopf - von der Zeit damals erzählt, und weder ist da Nostalgie & Verklärung beigemischt noch nachgetragene Abscheureflexe. Wellershoff soll, so Sander, vor den Aufnahmen jedes Mal unruhig geschlafen haben, er wollte darüber reden, es sprudelte nur so aus ihm heraus, und dabei ist ein so artikulierter Mensch wie er wohl am ehesten jemand, der das alles nicht zum ersten Mal transportiert, schon vorher mehrfach die Gelegenheit hatte, nur eben nicht in dieser Großform. Diese Biographie beginnt nicht erst 1939, sondern sehr viel früher, ist eine Beschreibung der Eltern, der Freunde und dem Leben in Grevenbroich in vielerlei Facetten - aus der Sicht eines Kindes, eines Jugendlichen. Wellershoff ist einem sehr nahe, er sitzt dort in dem anderen Sessel mir gegenüber, hält gefühlten Blickkontakt, Erinnerungslawinen bändigend, er gräbt Beobachtungen aus, die den Blick nicht etwa verstellen, sondern alles fühlbar machen, dabei ist nichts daran ornamental oder romanhaft, und obwohl Wellershoff selbstverständlich nicht mir persönlich vom Schießen, Verletzungen, Befehlen, Lazaretten und scheuen Mädchen erzählt hat, bilde ich mir ein, dass es doch so war, dass ich ihn Dieter nennen kann, er mein neuer Opa ist. Natürlich liegt das an der unsichtbaren Gesprächsführung, den wohl gesetzten Schnitten, am Kamingesprächgefühl, das während der Aufnahmen geherrscht haben muss.
Glück hat er gleich mehrfach gehabt: Ein Fehlschuss knapp über seinem Kopf, nicht in ein Massaker verwickelt zu werden, zufälligerweise einen Heimatschuss zu bekommen und nicht etwa Kugeln in den Hals. Obgleich der junge Dieter so gar nicht dem Musternazi entspricht, geht er im Soldatischen auf, hat Respekt vor Uniformen, und es erfüllt ihn mit Stolz, den Vater in der Uniform eines Luftwaffenoffiziers zu sehen. Für seine schwächliche Mutter schämte er sich, weil sie Lebensmittel hamsterte und Angst vor Bombenfliegern hatte. "Auf einmal klappte alles in Deutschland", so beschreibt er die Stimmung Mitte der 30er. Dann der Krieg mit allem, was erwartet werden darf. Die Pophelden von damals: Jagdflieger und U-Boot-Kapitäne ("So müssen Männer sein"). Dann diese Todessehnsucht, die Wellershoff heute kaum noch begreifen kann und sich auch schon bei Schiller ("Im Felde ist der Mann noch was wert") und erst recht Hölderlin findet ("Lieb ich, zu fallen am Opferhügel"). Um der Waffen-SS zu entgehen ("Hitlers Mordkommando"), rät ihm der Vater, der Elitedivision von Göring beizutreten. Erstaunlich ist Wellershoffs Objektivierungsfähigkeit, eine Art Immunisierungsstrategie gegen Todesangst. Er berichtet uns von der Lazarettstadt Bad Reichenhall, wie er wieder an die Ostfront kommt und ein Fahrrad ihn rettet, von Gefangenschaft und dem Wiedersehen mit seinem Vater, dem Baumeister, der im Krieg erst für Flak-Aufstellungen verantwortlich zeichnete und später falsche Fabrikbauten errichtete, damit die Alliierten ihre Bomben verschwenden.
Das kleine Bärtchen von Hitler, seine "Schmachtlocke": "So kann kein deutscher Führer aussehen." Wellershoff dachte eher an den Bamberger Reiter, das sei eine Führerfigur. Wellershoff kann, so scheint es, selbst nicht mehr ganz nachvollziehen, wie er als junger Mann gedacht und gefühlt hat. Immer wieder meine ich, ein ungläubiges Lächeln zu hören. Als würde er sich andauernd fragen: Was war ich damals nur für einer?