Seit "Lauf, Jane, lauf" hat Joy Fielding sich einen Namen gemacht als Thrillerautoren, die ihre Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesseln kann. "Schau dich nicht um" ist eines ihrer früheren Werke aus dem Jahr 1995, dennoch schafft auch dieses Buch es, den Leser von Beginn an gefangen zu nehmen.
Jess Koster arbeitet als Staatsanwältin. Dass es vor Gericht nicht immer um die Wahrheit geht, wird ihr klar, als ein Vergewaltiger freigesprochen wird, nur weil die Frau keinen Slip getragen hat. Dass er ihr ein Messer an den Hals gehalten hat, überzeugt die Geschworenen nicht. Auch ihr nächster Fall droht schwierig zu werden: Die Zeugin, die überfallen und vergewaltigt wurde, wird von ihrem Übeltäter bedroht, sodass sie ihre Aussage zurückziehen will. Doch Jess kann sie überreden, doch vor Gericht auszusagen, um Rick Ferguson, der in ihre Wohnung eingedrungen und sie brutal misshandelt hat, hinter Gitter wandert. Der aber bedroht nicht nur Jess' Zeugin, sondern auch sie selbst.
Und dabei hat Jess ohnehin schon genügend andere Probleme: Vor Jahren ist ihre Mutter spurlos verschwunden, als sie auf dem Weg zum Arzt war. Jess' Ehe ist nach vier Jahren in die Brüche gegangen, sodass sie nun seit vier Jahren alleine mit ihrem Kanarienvogel Fred lebt. Eines Tages lernt sie beim Schuhe kaufen einen Mann kennen, der sie interessiert und der offensichtlich auch etwas für sie empfindet, doch auch Adam hat Schreckliches erlebt, so lavieren die beiden bei ihren Gesprächen hin und her, weil zu viele Gesprächsthemen zu schmerzhaft für sie sind. Einzige Stütze ist für Jess ihr Exmann Don, der in allen schwierigen Situationen zu ihr hält. Doch dann verteidigt er ausgerechnet Rick Ferguson, vor dem Jess sich immer mehr ängstigt. Als dann auch noch ihre Zeugin verschwindet, ist Jess davon überzeugt, dass Ferguson dahinter steckt, ihr Exmann jedoch verteidigt seinen Mandanten bis aufs Blut und stößt Jess damit immer mehr vor den Kopf. Als sie auch noch einen ekelhaften Brief erhält, ihr Auto verschandelt und sie mehrfach von einem weißen Chrysler in Bedrängnis gebracht wird, muss Jess um ihr Leben fürchten...
Im Mittelpunkt des Romans steht die erfolgreiche Staatsanwältin Jess Koster, die nur nach außen hin stark wirkt, die privat aber immer größere Probleme zu bewältigen hat. Sie wird von Panikanfällen heimgesucht, sie muss um ihr Leben fürchten und verkracht sich auch noch mit ihrer Familie. Bei ihr scheint alles schief zu laufen, und Jess findet einfach keinen Weg aus dieser Unglücksspirale heraus. Es ist zum Verzweifeln und sie entfacht sämtliches Mitleid beim Leser, obwohl Joy Fielding in ihrer Charakterzeichnung durchaus etwas dick aufträgt, da Jess manchmal allzu tragisch dargestellt wird.
Die männlichen Hauptcharaktere sind der verständnisvolle Don, der seine Exfrau immer noch liebt, der nette Schuhverkäufer, der offensichtlich einiges zu verbergen hat und der fiese Rick Ferguson, der an seinen Tatorten nie Spuren hinterlässt und deswegen nicht greifbar wird. Die drei könnten kaum unterschiedlicher sein. Joy Fielding gelingt es sehr gut, die Charaktere widersprüchlich darzustellen, sodass man hin und her schwankt und gar nicht weiß, wem man vertrauen soll.
Der Spannungbogen ist ebenfalls gut gelungen, man möchte einfach wissen, ob Jess Koster Rick Ferguson endlich hinter Gittern bringen kann und wer sie immer wieder bedroht, außerdem möchte man natürlich hinter Adams Fassade blicken und erfahren, ob Jess sich wieder mit Don versöhnt. Viele Handlungsstränge sorgen hier für Spannung, und natürlich hat die Autorin am Ende für uns eine dicke Überraschung parat, mit der ich nie gerechnet hätte. Doch hier liegt auch ein Problem versteckt, denn die Wendung am Ende wirkt allzu unrealistisch. Vielleicht hätte die allerletzte "Wendung" nicht sein gemusst?!
Unter dem Strich ist "Schau dich nicht um" eine durchaus spannende und kurzweilige Lektüre, die einen für ein paar Stunden gefangen nimmt. In puncto Charakterzeichnung trägt Fielding in der Person Jess' etwas zu dick auf, auch wenn die männlichen Charaktere gelungen dargestellt sind. Das Ende überzeugt nicht vollkommen, sodass es nur zu einer durchschnittlichen Bewertung reicht.