Der Begriff "Kalendergeschichten" steht normalerweise ja nicht für literarische Hochkaräter -- aber es gibt eine Ausnahme (Gut! Es gibt mindestens zwei Ausnahmen. Aber wir reden hier von der ersten), nämlich das "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" von Johann Peter Hebel. Der brave badische Pfarrer hatte Anfang des 19. Jahrhunderts jahrelang Kalendergeschichten verfasst: Geschichten für den Kalender, belehrende und belustigende aus dem Leben des einfachen Volks fürs einfache Volk; Geschichten, die bald weit über die Grenzen Badens hinaus bekanntwurden. 1811 redigierte Hebel daher seine Kalendergeschichten ein wenig und gab sie in Buchform heraus. Dieses Buch ist ein Dauerbrenner bis heute, und Geschichten wie die vom Herrn Kannitverstan oder vom Zundelfrieder, vom Mittagessen im Hof, vom Unverhofften Wiedersehen oder von den beiden Postillionen kennt heute fast jeder. Das Erstaunliche: Nicht nur diese Evergreens lohnen sich (wieder) zu lesen, sondern alles, was Hebel hier erzählt -- kein Wunder, dass Hebels Einfluss nicht nur auf Brechts "Kalendergeschichten" unübersehbar ist.
Hebels Erfolg hat gute Gründe: Im Gegensatz zu vielen volkstümelnden Zeitgenossen kannte Hebel nicht nur die Sprache der Bauern und Handwerker, er schrieb auch in ihr. Seine Geschichten und Anekdoten aus dem Badischen, aus der Zeit der Befreiungskriege und auch aus einem Orient, wie man ihn sich im Volk vorstellte, trafen und treffen bis heute haargenau den richtigen Erzählton, geradlinig und verschmitzt, bodenständig und weise. Kein Schwulst, keine künstliche Einfalt, kein Anbiedern, keine besserwisserische Überheblichkeit gegenüber dem vermeintlich ungebildeten Volk. Genau so erzählen Großeltern ihren Enkeln -- wenn die Enkel Glück haben. Hebel zeichnet seine Szenen, sein Figurenpanoptikum mit wenigen Worten, und er ist ein Meister der Pointe: So wie Alltagssituationen ganz schnell ins Groteske umschlagen können, so erzählt Hebel seine Geschichten: Er konzentriert sich aufs Wesentliche, lässt das Auge auf genau den entscheidenden Details ruhen, und steht immer auf der Seite des Menschlichen. Hebels Kunst besteht darin, einfach zu erzählen; eine große Kunst.