Auch dieses Scherer-Werk habe ich wieder verschlungen: Ich habe zugestimmt, genickt, nach-gedacht, gelernt, voraus-geschaut, war berührt, habe mitgefühlt, gelächelt, gegrinst, laut aufgelacht und widersprochen - ja auch widersprochen! - Es ist also alles dabei, was ein Buch braucht, das man gar nicht mehr weglegen will, weil es einen in eine heilsame Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Leben führt. Und so eines ist das hier!
Während Hermann Scherer in „Jenseits vom Mittelmaß“ Unternehmen aus der mausgrauen Mittelmäßigkeit herausführt, möchte er dies nun beim Menschen tun: das ganz Besondere in jedem Menschen entdecken, seine Einmaligkeit wahrnehmen, all das eben, was jenseits des Mittelmaßes liegt. Das, was in Wirklichkeit jeder leben wollen würde - und doch so oft als ungelebten Traum und als vertane Chance mit ins Grab nimmt. Seinen eigenen Schatz finden. Ihn heben. Ihn leben. Dafür plädiert er: Für ein Leben vor dem Tod.
So lautet dann auch seine Kernbotschaft: Willst du dein Leben lediglich für die anderen leben und deren Ziele verfolgen, dann halte die dir vorgegebenen Regeln ruhig ein und verharre in deiner Routine. Wenn du dagegen dein Leben nicht mit öden, dünnen schwarz-weißen Strichen langweilig und mittelmäßig entwerfen, sondern mit großen Pinselstrichen designen willst - farbig, interessant, einzigartig, großzügig, sinnvoll und erfolgreich - dann musst du es auch immer mal wieder gegen den Strich der Gewohnheit, der Routine, der Regeln bürsten.
Und Scherer macht unmissverständlich deutlich: wenn wir die vorgegebenen Regeln nicht an den Stellen brechen, an denen sie unser Leben einschränken, einengen, eng und arm machen, dann leben wir an unserer ureigenen grandiosen Lebensmission schlichtweg vorbei, denn: „Regelbrecher erreichen ihre eigenen Ziele, Regelkonformisten erreichen die Ziele der anderen!“ Und er zeigt, dass es sich für wirklich jedes einzelne Leben lohnt, erstmals - oder wieder einmal - genau hinzusehen, wo wir unsere Träume unbemerkt vor den Karren der anderen spannen lassen.
Dabei deckt er Unschlüssiges und Widersprüchliches auf, er polarisiert und provoziert. Er rüttelt auf und entlarvt, nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, manchmal auch mit dem einen oder anderen Seitenhieb - so wie man ihn eben kennt. Und er lässt dabei keine Entschuldigung gelten für die zahlreiche Gründe, mit denen wir unseren Opferfaktor zementieren wollen. Der Autor ermutigt, das vorgegebene Leben mit seinen äußeren oder biografischen Begrenzungen nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern das Optimum heraus zu holen. Das sind wir uns schuldig. Und dass das möglich ist, zeigt er beeindruckend an Menschen mit Handicaps, die scheinbar unüberwindbare Grenzen überwunden haben. Und glücklich sind.
Ich selbst hatte nach einem schlimmen Verlust sechs Jahre meines Lebens vergeudet, bis ich den Umschwung schaffte. Diese Jahre sind einfach futsch. Ich wäre froh gewesen, wenn mir so ein ermutigendes Buch schon damals in die Hände gefallen wäre. Ich hätte gerne schon früher gewusst, dass der totale Zusammenbruch eines menschlichen Lebens - über die Katastrophe hinaus - die beste Chance für etwas ganz Neues ist. Für etwas Einzigartiges, Großartiges.
So weit, so gut. Das alles wären möglicherweise banale Allgemeinplätze und Postulate eines Businessmenschen - wenn er uns das selbst alles nicht schon vorgemacht hätte. Damals, als er mit 24 Jahren von seinem Arzt das Todesurteil in Form einer unheilbaren Diagnose überreicht bekam. Wer es in einer solch ausweglosen Lage schafft, aus dem Sumpf der Resignation und Hoffnungslosigkeit herauszukriechen und der verbleibendem Lebenszeit alles abzugewinnen, was möglich ist, der verdient nicht nur meinen Respekt, der hat für mich auch die Autorität, ein derart herausforderndes Buch zu schreiben.
„Schatzfinder“ ist jedoch nicht nur kämpferisch. Es ist auch sehr persönlich. Man lernt Scherer auch von seiner weichen Seite kennen, z.B. wenn er mit seiner kleinen Tochter in die Musikstunde fährt und auch da erst einmal regelkonform mitspielt. Oder wenn er offen von seinen Selbstzweifeln und Ängsten, sich lächerlich zu machen berichtet, die in verschiedenen Situationen seines Lebens den Weg zum Erfolg pflasterten. Diese Geständnisse gipfeln auf der letzten Seite in dem Hinweis, wie das Buch zu lesen ist: dass bitte auch ein Hermann Scherer, der all diese klugen Gedanken schreibt, nicht zum Maßstab genommen werden darf, weil auch er auf dem Weg ist und mit all dem, was er selbst schreibt, im Leben durchaus seine Mühe hat. Das macht das Buch sehr sympathisch.
Alles in allem ist Scherer mit den „Schatzfindern“ wieder ein sehr aufrüttelndes und ermutigendes Buch gelungen - für ein Leben, in dem wir die Ketten der inneren Unfreiheit allmählich ablegen. Und unseren Träumen nicht mehr hinterher rennen, sondern sie in die Realität bringen - vor dem Tod!
Mit diesem Buch hat man an sich schon einen Schatz gefunden! Daher auch diesmal wieder volle Punktzahl!
Jutta Wimmer