Die Antwort auf die Frage nach dem Mörder ist in diesem Roman völlig unwichtig. Es handelt sich hier nicht um einen Mordfall im herkömmlichen Sinne mit konstruierten Verdachtsmomenten, Zeugenvernehmungen und Motivsuche.
Ein Motiv hatten alle fünf in Frage kommenden Verdächtigen. Doch wer davon am Ende als Mörder präsentiert wird, ist im Grunde belanglos.
Statt um die Frage "Wer ist der Mörder?" geht es hier um "Schuld oder Schicksal?"
Kann man für die Verkettung der Umstände einen einzelnen Auslöser zu Beginn der Kette verantwortlich machen oder hat der Mensch als Individuum genügend Einflußmöglichkeiten, das Geschehen in eine andere Bahn zu lenken? Eine Schuld im gesetzmäßigen Sinne ist David in keinem Fall zuzuspechen. Egoismus und Feigheit ist ihm vorzuwerfen, mehr auch nicht.
Wie bei jedem Buch von Charlotte Link, das man in die Hand nimmt, weiß man vorher nicht, was man zu erwarten hat. Sie ist eine solch vielschichtige und flexible Autorin, die sich in kein Schema pressen lässt, so das jeder Roman von ihr etwas völlig Neues ist.
Doch eine Gemeinsamkeit hat der Großteil ihrer Bücher: Sie werden nicht in chronologischer Abfolge erzählt. Das Buch beginnt mit der Vorgeschichte um Andreas Bredow, der David sein Imperium vermacht hat. Dann folgt das Treffen und der Mord. Danach ist jedem der vier Jugendfreunde ein langes Kapitel gewidmet, in dem ihre Lebensgeschichte erzählt wird. Daran anschließend wird ihr weiteres Leben in den 10 Jahren vor dem Mord geschildert. Schließlich kehrt die Autorin wieder zum aktuellen Geschehen zurück, um anschließend noch die Biografie von Davids Freundin Laura zu erzählen.
Die Darstellung von Charakteren ist eine Stärke von Charlotte Link. Hier befasst sich das Buch natürlich im überwiegenden Teil damit. Bei kaum einem anderen Autor sind die Personen so vielschichtig und oft widersprüchlich. Dies legt sie sehr differenziert dar.
Dadurch, daß ihre Charaktere so vielschichtig sind, findet der Leser unweigerlich in jeder Person auch Züge, die er an sich selbst finden kann, so daß die Identifizierung mit der jeweiligen Person nicht schwer fällt.