Marie Cardinal wird von "der Sache", wie sie die Gefühle nennt, die sie zur "Verrückten" werden lassen, gepeinigt. Ihr Puls hat tagelang 130 oder 140 Schläge, ihre Angst ist so gross, dass sie kaum noch das Haus verlässt und sie hat fast nie endende Blutungen, deren Ursache keiner der Gynäkologen, die sie immer wieder aufsucht, wirklich finden kann. Als ihr Zustand auch nach aussen hin deutlich wird, geht sie auf Druck der Familie in die Klinik eines mit der Familie befreundeten Neurologen, wo sie mit Medikamenten beruhigt werden soll. Kurz vorm Aufgeben bäumt sich der gesunde Teil in ihr auf, sie flieht aus der Klinik und gelangt über eine Freundin an einen Psychoanalytiker, bei dem sie eine dreistündige Psychoanalyse beginnt, die sieben Jahre dauern wird.
Sie schöpft Hoffnung, als die Blutung nach der zweiten Stunde versiegt. Ihr wird klar, dass das, was sie bedroht, in ihren Gedanken ist und beschließt zu kämpfen, die Sache zu enttarnen:
"Eines war nun sicher: die Sache steckte mitten in meinem Hirn und nicht sonst irgendwo in meinem Körper, auch nicht außerhalb. Ich war alleine mit ihr. Mein ganzes Leben war die Geschichte zwischen ihr und mir. Von nun an bekam meine Isolation einen neuen Sinn. Sie war vielleicht ein Übergang, eine Häutung. Werde ich wieder leben können? Ich litt sehr unter der Entfremdung, in die ich mich geflüchtet hatte. In ihr offenbarte sich meine ganze Zerrissenheit. Von den anderen erwartete ich Lösungsversuche, die mich jedoch jedesmal so verletzten, dass ich mich noch mehr zuzückzog."
"Montag, Mittwoch, Freitag. Drei Stationen in meiner Rastlosigkeit, wo ich Ernte einholen und mich mit jemanden unterhalten konnte. Meine einzigen Kontaktstellen zum Leben der anderen. Die Pause von Freitag auf Montag war kaum auszuhalten. Den ganzen Sonntag über wartete ich und sparte mit meinen Kräften, blieb, so gut es ging, in Deckung. Und montags fand ich meine regennasse Gasse wieder, in grenzenloser Freude und tiefster Hoffnung."
Sie ist bedrohlich, die Sache, sie hat die "Verrückte", den ängstlichen Teil von Marie Cardinal, fest im Griff. Mit dem Mut der Verzweiflung lernt sie im laufe der Analyse ihren eigenen Erinnerungen und Gedanken zu trauen. Sie begegnet sich als Mädchen, der Tochter einer Mutter, die sie nicht lieben konnte. Es ist zu Anfang des Buches bedrückend und aufwühlend zu lesen, durch welche Gefühlswirren Marie Cardinal gehen muss, welche Spaltungen, Verleugnungen und Illusionen sie aushält, wie viel vergrabene Trauer und Wut auftauchen, bis es ihr gelingt, nach und nach die Augen zu öffnen und die Spannungen und Ängste langsam nachlassen.
Wie ein Fest ist es, satt und prall, zu lesen, wie sie allmählich gesundet. Auch die seit langem auf Eis liegende Beziehung zu ihrem Ehemann wendet sich zum positiven je mehr sie sich selbst annehmen kann. Sie, die immer glaubte, eine Verrückte unter Normalen zu sein, entdeckt auch, wie viele "Verrückte" es gibt, überall, alltäglich und wie viel Energie darauf verwandt wird, das nicht zu sehen oder nicht sichtbar werden zu lassen. Und an der Stelle, ist das Buch, meiner Meinung nach, ein Plädoyer für die Psychoanalyse.
Als Leser begleiten wir Marie Cardinal durch lange Erinnerungspassagen, immer wieder unterbrochen durch Abschnitte, in denen wir etwas über ihr Leben zur Zeit der Analyse erfahren. Diese Abschnitte hätte ich mir insgesamt ausführlicher gewünscht, auch wenn sie gegen Ende des Buches länger werden. Vielleicht war dies ein Entwicklungszeichen in der Analyse: je mehr Erinnerungen bearbeitet werden konnten, desto mehr konnte ihr aktuelles Leben stattfinden.
Wunderbar ist ihr Schreibstil: Kraftvoll, klar, lebensnah, voller Bilder.
Dieses Buch ist auf jeden Fall denjenigen zu empfehlen, die selbst eine Psychoanalyse machen und an den Erfahrungen anderer Analysanten interessiert sind. Da solche Bücher rar sind, empfehle ich an dieser Stelle außerdem das Buch "Unsichtbare Fesseln lösen" von Christa Schmidt und Viola K., Ernst Reinhardt Verlag.