Es ist ein ganz kleines, brillantes Buch in dem es um das Schlimmste geht, was einem widerfahren kann, um den Tod des eigenen Kindes. Dieses Schlimmste ist P.F. Thomése, dem 1958 in Holland geborenen Autor widerfahren. Er beschreibt diesen wahnsinnigen, ohnmächtigen Schmerz mit den Worten eines Schriftstellers, ohne einen Funken von Sentimentalität. Er analysiert seine Gefühle sehr nüchtern, mit Worten und Gedanken, die die wahre Kraft der Literatur zum Vorschein bringen. Und dabei hat das Buch vom ersten bis zum 49. Kapitel einen milden und darüber hinaus doch sehr traurigen Ton. In diesen vielen Kapiteln großartigster Literatur legt der Schriftsteller in ergreifender Form, in immer wieder neuen Bildern, seine Gedanken über diesen großen Schmerz offen.
Und er findet in den fortlaufenden prägnant titulierten Kapiteln wunderbare Worte, Erkenntnisse und Fragen wie: "Eine Frau, die ihren Mann begräbt, wird Witwe genannt, ein Mann, der ohne seine Frau zurückbleibt, Witwer. Ein Kind ohne Eltern ist ein Waise. Wie aber heißen Vater und Mutter eines gestorbenen Kindes?" oder" Ich hatte das Leben in der Hand, aber jetzt bin ich ihm in die Hände gefallen. Ich leugnete den Tod, jetzt bin ich bei ihm zu Hause. Ich weiß dann demnächst, wo ich hin muss: Ich war schon mal da".
Und unter dem Kapitel „Salomonssiegel" sagt er:" Wenn noch etwas da ist, hält es sich im Schatten auf, an Stellen, wo das Licht (und damit das Auge) gerade nicht mehr hinreicht. Kein Himmel, sondern die Erde. Kein Engelchen, sondern ein Schattenkind. Eine Lilie unter den Blumen".
Und erschütternd seine Worte im Kapitel Pietà:" Willst du es, das Baby, die kleine Tote, das tote Baby? Willst du es jetzt mal halten, fragtest du. Es ist so schwer, es ist so schwer zu tragen".
Und in einem anderen Kapitel sagt er:" Der Geruch frischer Bettwäsche, das Schlafzimmerfenster offen. Ei neuer Tag. Das Sonnenlicht, das ins Zimmer fällt und sie nirgends findet".
Er bringt auch eindrucksvoll die Betrachtung über die „Gottheit" in eins seiner so übertitelten Kapitel." Eine Gottheit ist wie ein Toter ein Umhergetriebener, der keinen Körper mehr hat. Eine Gottheit erscheint im Inneren, wenn es ihr gefällt. Dadurch, dass sie keinen Körper mehr haben und dennoch, auf ihre Weise gegenwärtig bleiben, erwecken sie den Eindruck, unsterblich zu sein. Was natürlich nicht der Fall ist, denn unsterblich ist nur, was nie gelebt hat. Zur Gottheit sprechen bedeutet: Selbstgespräche führen".
Und er hat viele Begrifflichkeiten geschaffen die den Leser tief im Inneren treffen. Durch seine Taten und sein Handeln muss man leben und man muss die Trauer Innen erleben. So schreibt er in dem Kapitel "Kein Ende": "Erst stirbt sie in unseren Armen, wird sie schwerer, als sie je zuvor gewesen ist ( weil es nichts mehr gibt, das sie trägt, keine geflügelte Seele, die ihren kleinen Körper unaufhörlich in die Höhe schraubt, gegen die Kräfte er Erde) Was sie aufrecht gehalten hat wird uns übertragen. Jetzt müssen wir sie zu halten versuchen. Das macht uns schwerer, Oder trägt es uns? So dass wir leichter werden? Das Sterben wird's lehren. (Sterben: anderes Wort für Zeit)" und an anderer Stelle " Und inzwischen stirbt sie ruhig weiter. Vor allem jedoch stirbt sie in uns. Wo sie gedacht worden ist, da muss sie sterben. Wo sie gedacht werden wird, da wird sie tot sein müssen. Aber es ist unmöglich und es wird unmöglich sein, sie nicht zu denken. Darum wird es schließlich keinen Ort geben, an dem sie nicht gestorben ist".
Es ist so dialektisch, dass was er aussagt und es erfordert sehr viel Zeit über die tiefgründigen Aussagen nachzudenken, wie diese letzte:" Im Rückblick ist nichts von einem „Bis hierhin" zu erkennen. Die Sekunden purzeln in die Schluchten hinab, in null Komma nichts klafft ein Loch, das Immer und Ewig heißt. Ist man hier angekommen, hier auf diesem Stuhl neben dem leeren Bettchen, gibt es auf einmal nichts anders mehr, nichts anders mehr als nichts".
Wenn Thomése also in diesen vielen Kapiteln versucht die Trauer in Worte zu fassen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, so sagt er uns doch damit auch immer wieder das am Ende eines jeden Lebens der Tod steht, der großen Schmerz und lähmende Orientierungslosigkeit verursacht. Im Schattenkind, einem sehr intimen Buch, liefert uns der Autor großartige Literatur.
Ein Buch das tief anrührt.