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Manchen Lesern wird daher die Geschichte, die Richard Powers in seinem Roman Schattenflucht erzählt, auf den ersten Blick ziemlich anachronistisch vorkommen. In einem Labor in Seattle arbeitet ein Team von Computerspezialisten an einem virtuellen Projektionsraum, die Höhle genannt, der alles in den Schatten stellen soll, was auf diesem Gebiet bisher geleistet wurde. Für die Grafikerin Adie Klarpol, die sich von der New Yorker Kunstszene desillusioniert verabschiedet hat, und von einem Freund überredet wird, das visuelle Design der Höhle zu gestalten, erscheint das Vorhaben zunächst als Frevel und Verrat an der wahren Kunst. Doch bald schon wächst ihre Begeisterung angesichts der unvorstellbaren Möglichkeiten, die in der neuen Technologie stecken. So widmet sie sich bald der digitalen Optimierung gemalter Meisterwerke, bevölkert Henri Rousseaus Dschungelszenen mit flatternden Vögeln und lässt die Dielen in van Goghs "Zimmer in Arles" täuschend echt knarren. Ihr Meisterwerk jedoch soll das alles noch übertreffen: die Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul als virtueller Raum, den die Besucher der Höhle nach eigenem Willen schwerelos erkunden können.
Das alles wäre tatsächlich unerträglich anachronistisch und naiv, würde Powers nur diese eine Geschichte erzählen. Doch wie schon in seinem Roman Galatea 2.2, der den amerikanischen Autoren endlich auch in Deutschland bekannt machte, sind die Verheißungen der Technik nur ein Anlass, über grundsätzlichere Dinge nachzudenken. Schattenflucht stellt daher konsequent der virtuellen Realität der Höhle die brutale Realität des Virtuellen gegenüber: die leere schäbige Zelle von Taimur Martin, einem Englischlehrer in Beirut, der von einer obskuren Gruppe muslimischer Befreiungskämpfer als Geisel gefangen genommen wird. In dieser unwirklichen Situation werden Vorstellung und Erinnerung zu virtuellen Projektionen, die das reale Überleben ermöglichen. Wie Powers die beiden Geschichten gestaltet und in Beziehung setzt, macht das Buch in besonderer Weise lesenswert. --Peter Schneck
einer Höhle isoliert. Auch er schafft künstliche Welten, nicht der Technik, sondern der Fantasie, durch die er überlebt und auf die gleichen Bilder stößt wie Adie. Kunstvoll wie eine Doppelhelix verknüpft Richard Powers die beiden Geschichten zu einer genauen Vision über den Verlust der Sinnlichkeit im leeren Sog der Logarithmen und zu einer Liebesgeschichte, deren Charme und Poesie den Leser nicht mehr verlässt. ""Schattenflucht" ist der erste Roman, der das 21. Jahrhundert im Wappen trägt." Seattle Times Richard Powers ist der Schriftsteller der technischen Zwischenreiche. Unerschrocken folgt er seinen Figuren in die virtuellen Räume der Computer und Pixel, um uns ein Bild zu geben, von dem, was uns schon längst erwartet und bald umschließt: eine Welt elektronischen Heimwehs.
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