"Die Verborgenen" ist der erste Band der neuen romantischen Fantasyreihe "Schattenblüte", die wie jedes gute Jugendbuch LeserInnen jeden Alters begeistern könnte. Dazu zähle ich auch Leser, weil die Themen des Romans nicht nur Frauen ansprechen können, obwohl es sich um eine Liebesgeschichte handelt. Das Buch hat ein richtiges Ende und kann deshalb auch unabhängig von der Reihe gelesen werden. Als Urban Fantasy spielt es an realen Schauplätzen, und zwar in der deutschen Hauptstadt, so dass Berliner LeserInnen die Schritte der Figuren im Roman ziemlich genau verfolgen werden können. Sie erscheinen einem so plastisch vor den Augen, dass man fast überrascht wäre, sie nicht an den beschriebenen Orten zu treffen.
Die 17-jährige Luisa hat ihren kleinen Bruder verloren. Die Eltern versuchen den Tod des Kindes zu vergessen und ziehen fluchtartig von Hamburg nach Berlin um. Aber das löst die Probleme nicht: Die Familie droht zu zerfallen, Luisa hält es zu Hause nicht mehr aus, fühlt sich in der neuen Stadt schrecklich, vernachlässigt die Schule und entwickelt langsam eine Essstörung. Sie sucht die Stille des Waldes, wo sie um ihren Bruder trauern kann. Als sie einmal mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen, wird sie von einem geheimnisvollen Jungen aufgehalten. Thursen ist ein Werwolf, der sie schon lange beobachtet hat, und nicht der einzige seiner Art in Grunewald. Aber die Zeit, in der er auch in seiner Menschengestalt leben kann, ist um, und jede neue Verwandlung fällt immer schwerer. Er muss bald endgültig zum Wolf werden. Aus einem alten Gedicht erfährt Luisa, wie sie ihren Geliebten retten könnte - aber die Lösung könnte Thursen auch töten.
Die Geschichte überrascht zunächst nicht: Das junge Mädchen in einer schwierigen Phase trifft einen geheimnisvollen Jungen und beide verlieben sich auf den ersten Blick, aber die Ähnlichkeiten mit anderen Fantasyreihen enden hier. Der Fremde ist diesmal weder der strahlende Held, noch der neue Mädchenschwarm in der Klasse mit den Markenklamotten und dem teuren Auto, der sich als Vampir/Engel/sonstiger Unsterblicher erweist. Es sind gerade die früheren Opfer, die Trauernden, die Verängstigsten, die Gemobbten und die Verlierer, die in "Schattenblüte" im Mittelpunkt stehen und dort Gleichgesinnte finden. Sie sind nicht unsterblich, sondern verletzbar - und brauchen nicht erst von einem Wolf gebissen zu werden, um zu "Verborgenen" zu werden. Was ich damit andeuten möchte, ist - dieser Roman ist eigentlich literarisch und mit einer wunderschön zärtlichen, aber genau so dramatischen Liebesgeschichte, in der keine der beiden Figuren dominiert. Zunächst ist Thursen derjenige, der der untröstlichen Luisa einen neuen Lebenssinn schenkt, aber bald ergreift sie die Initiative, um ihrerseits den Geliebten zu retten.
Das Buch ist aus der Sicht der Ich-Erzählerin Luisa in Präsens geschrieben. Die Sprache ist wunderschön reduziert. Ich war zunächst etwas skeptisch, lernte aber die Unmittelbarkeit und poetische Schönheit des Stils schnell schätzen. Er glänzt durch eine sehr scharfe Beobachtungsgabe, wirklich großartige Sprachbilder, eigene Wortschöpfungen ("Einkaufsmenschen", "Trauerballerina") und an einzelnen Stellen sogar durch recht gelungenen Humor. Für mich wird dieses eines der Lieblingsbücher werden, die man immer wieder in die Hand nimmt und dort neue Perlen entdeckt, bis man sie irgendwann fast auswendig gelernt hat. Die Innerlichkeit des Stils bedeutet aber auf keinen Fall einen langsamen und unspannenden Roman. Luisas Emotionen fügen sich nahtlos in eine straffe, temporeiche Handlung mit immer neuen Wendungen. Keine Szene ist überflüssig und keine Nebenfigur blass, sogar wenn sie nur kurz in der Handlung auftaucht und mit wenigen Strichen charakterisiert wurde.
"Schattenblüte" ist ein traumhaftes Buch: Es verwandelt die Realität in ein Wunder und das Phantastische in Metapher, ist anspruchsvoll und spannend, romantisch, atmosphärisch und originell, über die Notwendigkeit, mit dem eigenen Trauma weiterleben zu lernen, aber auch über das Recht zu trauern.