In meiner Kindheit gehörte es zu den ganz besonderen Vergnügen, wenn mein Vater uns durch sein selbst gebautes Kaleidoskop sehen ließ. Einmal schütteln: ein fröhliches, farbenfrohes Muster erscheint. Bein nächsten Schütteln: diesmal ist es streng geometrisch und düster. Und wieder und wieder habe ich das Kaleidoskop gedreht und geschüttelt, immer war das Muster anders, immer faszinierend. Daran hat mich das Buch "Im Schatten von Notre Dame" erinnert. Mal geschichtstreues Werk - dann wieder schlägt der Autor kühn einen historischen Purzelbaum. Mal geht es fröhlich, derb,bunt zu - dann wieder wird es extrem spannend und außerordentlich düster. Was Wunder, dass auch der Held kein schlichter "Superman" ohne Fehl und Tadel ist: Armand, der Kopist, ist von Natur her eher ein Feigling und das weiß er auch, er ist sich selbst gegenüber von sympathischer Ehrlichkeit. Aber besondere Umstände (häufig hormonell bedingt ...) bedürfen besonderer Anstrengungen, und so stürzt sich Armand dann doch tollkühn in Abenteuer, die zuweilen eine Nummer zu groß für ihn sind. Wie gut, dass er Menschen in seiner Umgebung hat, die ein wachsames Auge auf ihn haben - sonst hätte das Buch wohl nur die Hälfte der Seitenzahl. Wer Spannung, Humor und einen nicht zu moralischen Helden mag, der ist mit diesem Buch sehr gut bedient und hat ein wunderbar genussreiches Schmökerabenteuer vor sich