Bei Helga Rohra wird im Alter von 54 Jahren Demenz festgestellt. Sie lebt seit drei Jahren mit dieser Diagnose. Für die selbständig arbeitende Fremdsprachenkorrespondentin ist dies ein Schlag mitten ins Gesicht: ihre Fähigkeiten reduzieren sich soweit, dass sie den Beruf als Dolmetscherin nicht mehr ausüben kann, womit dem sozialen Abstieg Tür und Tor geöffnet sind. In ihrem Buch "Aus dem Schatten treten" beschreibt sie ihre Demenzerkrankung von der Diagnose bis zur Selbsthilfe.
Alles beginnt damit, dass ihr Vokabeln beim Dolmetschen nicht mehr einfallen und dass sie beim Schreiben Worte verwechselt. Ihre Konzentrationsfähigkeit lässt nach, sie wird vergesslich und sie kann sich nicht mehr orientieren. In ihrem eigenen Stadtviertel findet sie sich nicht mehr zurecht. Sie möchte sich im Internet mit anderen austauschen, aber sie weiß ihr Password für den PC nicht mehr. Helga Rohra hat einen Sohn, der unter einer milden Form von Autismus leidet, dem Asperger-Syndrom. Vor ihm verschweigt sie zunächst die Diagnose, um sein Abitur nicht zu gefährden.
Nach längerem Hin und Her wird bei Frau Rohra die Lewy-Body-Demenz festgestellt, die im Gegensatz zur Alzheimer-Demenz auch Leute unter 65 treffen kann und weniger bekannt ist. Beide Krankheiten beginnen schleichend und sind nur schwer diagnostizierbar, weil sie im Anfangsstadium anderen Krankheiten ähneln. Beim ersten Arztbesuch wird bei ihr ein "Burn-Out-Syndrom" diagnostiziert.
Helga Rohra beschreibt in ihrem Buch, wie sie es gelernt hat, ihre Einschränkungen zu akzeptieren und mit ihren Defiziten zu leben gelernt hat. Neben der Darstellung der unterschiedlichen Verläufe von Demenzerkrankungen und der persönlichen Berichterstattung, tritt sie für eine höhere Sensibilisierung für Demenzerkrankte, für den Abbau von Behördenbarrieren und eine größere Aufklärung über Demenz ein. Auch geht sie auf das schwierige Thema Angehörige und Kranke ein. Dass sie sich heute als Betroffene im Vorstand der Alzheimer-Gesellschaft befindet, Vorträge hält und eine Berufsunfähigkeitsrente erhält, verlief über den steinigen Weg als Hartz IV-, und Sozialhilfe-Empfängerin. Durch Kampfgeist und Lebensmut baute sie sich selbst ein eigenes Betätigungsfeld auf: Information über die Bewältigung der Demenz.
Das Buch ist leicht verständlich und sehr berührend geschrieben; man hat es in etwa zwei Stunden ausgelesen. Helga Rohra konnte dieses Buch nicht alleine verfassen; als Schreibassistent stand ihr Falko Piest zur Seite. Ich denke, dass es mehr Verständnis für Demenzkranke, die heute in Deutschland noch stark an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, bewirken kann. An mehreren Beispielen macht dies Helga Rohra deutlich: sie wird von zwei älteren Damen im Bus auf ihre Umhängetasche von der Alzheimer Gesellschaft angesprochen: die Tasche sei doch sooo peinlich ... und ein Frankfurter Neurologe oder Psychologe wirft ihr bei einem Vortrag vor, sie gebe doch nur vor, dement zu sein, bei ihrem Sprachvermögen könne sie gar nicht dement sein. Zitat: "Wer käme denn auf die Idee, fälschlich von sich zu behaupten, er hätte eine Demenz?"
Zum Schluss des Buches findet man Buch- und DVD-Tipps und wichtige Adressen. Fazit: informativer und sehr persönlicher Bericht einer Betroffenen, der das Thema Demenz von verschiedensten Seiten beleuchtet. Fünf Punkte.