Die hilfreichsten Kundenrezensionen
12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wunderbar viktorianisch, 5. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Schatten der Zeit: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ausnahmsweise die Bewertung zuerst: Meinerseits begeisterte fünf Sterne - allerdings wohlwissend, daß dieses Buch nicht jedermanns Sache sein wird. Vor dem Kauf darin zu blättern und sich ein wenig einzulesen kann ich jedem Interessenten nur ausdrücklich empfehlen. "Schatten der Zeit" ist die Fortsetzung des Romans "In der Mitte der Nacht", der die Geschichte eines Verbrechens aus der Perspektive des Verbrechers erzählt. Es ist aber nicht nötig ist, den ersten Teil zu kennen - ich habe ihn vor Monaten versucht zu lesen, sehr bald entnervt weggelegt und bin deshalb umso überraschter, wie gut mir "Der Schatten der Zeit" gefällt. Die Handlung: Die Ich-Erzählerin mit dem etwas sperrigen Namen Esperanza Alice Gorst wird von der wohlhabenden Lady Tansor als Zofe eingestellt. Esperanza, Waise und für die Stelle als Zofe eigentlich überqualifiziert, wird allerdings von ihren Pflegeeltern ferngesteuert, denn in ihrer aller Vergangenheit gibt es mehrere Geheimnisse, für die Lady Tansor zur Rechenschaft gezogen werden soll. Während Esperanza - die dafür etwas länger braucht als der Leser - erst nach und nach herausfindet, worin diese Geheimnisse bestehen, geschehen noch ein paar unvorhergesehene Dinge: Erstens entwickelt Lady Tansor mütterliche Gefühle für Esperanza und zweitens entwickelt Esperanza alle möglichen Gefühle für Lady Tansors Söhne. Esperanza widerfährt alles, was einer viktorianischen Romanheldin widerfahren kann: Sie schleicht durch staubige Geheimgänge, wird mit diversen Toten in einem dunklen Mausoleum eingeschlossen, hat es mit einem finsteren Bösewicht ebenso zu tun wie mit wohlwollenden Gutmenschen, liest in anderer Leute Tagebüchern und Briefen und darf sich glücklich bis unglücklich verlieben. Ein ganz besonderes Buch wird "Schatten der Zeit" dadurch, daß es Michael Cox wirklich bis in den letzten Winkel seiner Geschichte gelingt, seiner Erzählerin die authentische Stimme einer Frau aus dem England des 19. Jahrhundert zu verleihen. Ihr kommt kein modernes Wort über die Lippen, ihr Verhalten ist das einer Frau ihrer Zeit, und wo Zurückhaltung angebracht ist - etwa bei ihrer Liebesgeschichte - wird sich eben wohltuend zurückgehalten. Damit komme ich aber auch zu dem Grund, aus dem dieses Buch nicht jedermanns Sache sein wird: Erzählt wird eben so, wie das vor hundertfünfzig Jahren üblich war - gerne mal ein wenig umständlich, mit Gedicht-Zitaten und vielen Einfügungen aus Tagebüchern und Briefen, und als Dreingabe gibt es noch reichlich Fußnoten, die mit Vorliebe auf nicht-existierende Bücher verweisen. Genau dieses Vorgehensweise war es, die mir die Lektüre des Vorgängers irgendwann verleidet hat - bei "Schatten der Zeit" war ich hingegen schlichtweg fasziniert, wie perfekt Michael Cox seine viktorianischen Vorgänger studiert und nachgeahmt hat. Mein Sinneswandel könnte etwas damit zu tun haben, daß mir eine junge Waise als Heldin schlichtweg sympathischer ist als der verzweifelte Mörder aus "In der Mitte der Nacht". Wer von den nutzlosen Fußnoten und Verweisen des ersten Teils genauso genervt war wie ich, wird außerdem feststellen, daß sie hier deutlich seltener zum Einsatz kommen. Fazit: Englische Literaturwissenschaftler werden wahrscheinlich ihre Freude daran haben, dieses Buch auf seine Vorbilder hin zu untersuchen - ich hatte meine Freude an intelligenter Unterhaltung auf höchstem Niveau.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wunderbare Reminiszenz an den viktorianischen Schauer- und Detektivroman, 6. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Schatten der Zeit: Roman (Gebundene Ausgabe)
Als ich mit der Lektüre des Romans "Schatten der Zeit" von Michael Cox begann, war mir nicht klar, dass dieser eng mit dem vorherigen Roman des Autors "In der Mitte der Nacht" verbunden ist. Erfreulicherweise wurde mein Lesevergnügen aber in keiner Weise dadurch beeinträchtigt, dass ich "In der Mitte der Nacht" noch nicht gelesen hatte. Ich vermute sogar, dass ich mit entsprechender Vorkenntnis die Geschichte der Esperanza Alice Gorst auf Evenwood weniger spannend gefunden hätte. 1876: Die 19-jährige Esperanza Alice Gorst bewirbt sich um die Position der persönlichen Zofe der Herrin von Evenwood: Lady Tansor. Obwohl Esperanza oder Alice, wie sie von ihrer späteren Herrin genannt wird, jung ist, gelingt es ihr, die gestrenge Lady Tansor für sich zu gewinnen. Alice ist allerdings auch keine gewöhnliche Zofe. Ihr Auftreten, ihre Sprache, ihre Ansichten zeigen, dass sie nie dazu erzogen wurde, sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu müssen. Neben Lady Tansor leben auf Evenwood noch deren Söhne und etliche Hausangestellte. Schnell lebt sich Alice in Evenwood ein, findet Freunde, erkennt, dass es Personen gibt, bei denen Vorsicht geboten ist. Alice ist nicht zufällig auf Evenwood. Ihre Mentorin hat sie nach Evenwood zur Erfüllung einer Aufgabe geschickt, einer Aufgabe, deren Details Alice erst nach und nach erfährt: die Enthüllung des dunklen, gefährlichen Geheimnisses, das Lady Tansor unter Verschluss halten will, um ein in der Vergangenheit geschehenes Unrecht wieder gut zu machen. Zunächst ahnt Alice nicht, dass ihr eigenes Schicksal eng mit dem begangenen Unrecht verknüpft ist. Als sie diesen Verbindungen auf die Spur kommt, ist sie bereits in einem Netz aus Intrigen, Mord und Verrat gefangen, und die Beziehung, die sie zu den unterschiedlichen Personen der Tansors entwickelt, machen die Erfüllung ihrer Aufgabe nicht gerade leichter... Michael Cox erzählt die Geschichte von Esperanza Alice Gorst in fünf Akten, Epilog und Prolog. Stilistisch erinnert sowohl der Aufbau des Romans als auch seine Sprache an viktorianische Schauer- und Detektivromane, denen er über seine Protagonistin gelegentliche Reminiszenz erweist. Da der Roman aus der Sicht von Esperanza Alice Gorst erzählt wird, weiß der Leser nie mehr als die Protagonistin, der Autor hat die Beobachtungen von Alice so aufgebaut, dass der Leser immer Vorahnungen über die Zusammenhänge hat, dem Geschehen also permanent ein wenig voraus ist. Trotz dieser Vorhersehbarkeit, habe ich die Lektüre zum Einen wegen der stimmungsvollen Erzählweise, zum Anderen aber auch, weil ich natürlich wissen wollte, ob es so käme, wie ich immer vermutete, sehr genossen. Im letzten Akt gewinnt der zuvor eher langsam erzählte Roman deutlich an Tempo und überrascht mit einigen unerwarteten Wendungen, die gelegentliche Längen im Mittelteil verzeihen lassen. Ich habe "Schatten der Zeit" als stimmungsvollen, detailverliebten und ausgefeilten Roman in der Tradition viktorianischer Schauer- und Detektivromane empfunden, die Zeile für Zeile die Liebe des Autors zu seinem Fachgebiet zeigt, und bedauere, dass es neben "In der Mitte der Nacht" wohl keine weiteren Romanveröffentlichungen von Michael Cox geben wird. Einige Sätze im letzten Akt von Schatten der Zeit" deuten zwar darauf hin, dass Michael Cox einen dritten Teil in Planung hatte, diesen konnte er jedoch nicht mehr beenden, da er im Frühjahr 2009 seiner Krebskrankheit erlag.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein
|
|
|