Aus der Amazon.de-Redaktion
Herbert Röttgen, Gründer des linken Trikont-Verlages und seine Frau Mariana haben im Rahmen eines Forschungsprojektes über "Die Bedeutung der traditionellen Religionen für die Wertebildung und Kreativität in einer Kultur der Zukunft" den Buddhismus in einem überaus materialreichen und gründlich recherchierten Werk auf über 800 Seiten unter die Lupe genommen. Der Buddhismus steht bei uns für Frieden und Freiheit, Einsicht, Gewaltlosigkeit und tiefe Weisheit -- eine Ikone des Guten. In einem oberflächlichen Wertevergleich schlägt er das Christentum mit dessen Geschichte der Gewalt, Lüge und Ausbeutung um Längen. Wenn allerdings kritische Maßstäbe angelegt werden, dann werden ähnliche Schattenseiten deutlich, und die werden von den Autoren schonungslos offengelegt.
Die Kritikpunkte sind glasklar dokumentiert. Zu ihnen gehört die innige Verbindung zwischen Kirche und Staat, deren Zerschlagung im Westen einst zu den Errungenschaften der Aufklärung gehört hatte, um die religiöse Verbrämung der Macht aufzuheben. Als Altlinke sind die Autoren besonders allergisch gegenüber absoluter Herrschaft, und genau die ist im buddhistischen Guru-Wesen zutiefst verankert. Die Schüler-Meister-Beziehung, die den Buddhismus prägt, ist natürlich höchst anfällig gegen Machtmissbrauch. Und der lässt sich in der tibetischen Geschichte allenthalben finden, bis hin zum gegenwärtigen Dalai Lama.
Die Autoren schauen sich auch die Rolle der Frauen im Buddhismus an, und sie finden die in allen patriarchalischen Gesellschaften bekannte Gleichstellung des Weiblichen mit dem Bösen -- mit allen unerfreulichen Ausblühungen des Kampfes gegen dieses Böse. Der Buddhismus ist eine Männerwelt, das wird dabei überdeutlich. Ganz zum Schluss ihrer desillusionierenden Analyse öffnet sich aber doch noch die vorsichtige Vision einer tantrischen Überwindung der Gegensätze. Wer sich ernsthaft mit dem Buddhismus beschäftigt, kommt an diesem Buch nicht vorbei. --Hans-Curt Flemming
Neue Zürcher Zeitung
Eine zweifelhafte Streitschrift
«Ex oriente lux» die christliche Verheissung nach Matthäus 2, 2, dass den erlösungsbedürftigen Menschen «aus dem Osten das Licht» komme, entfaltet seit einiger Zeit ihren ironischen Gehalt. Denn inzwischen ist es weniger die Frohe Botschaft der Evangelien, die da leuchtet, als das Heils- und Erleuchtungsversprechen der östlichen Religionen, zumal der verschiedenen Buddhismen. Das ist plausibel angesichts der Anziehungskraft eines authentischen, nicht guruzentrisch und mystagogisch pervertierten Buddhismus. Aber es hat auch den Charakter einer Kompromissbildung, die den ihrer Tradition entlaufenen westlichen Kindern des Christentums gestattet, unter östlichen Vorzeichen ihr metaphysisches Bedürfnis zu befriedigen.
Zuviel wäre es behauptet, dass sie jene kritische Distanz, die in der 300jährigen Geschichte der europäischen Aufklärung so mühselig in bezug auf das Christentum erlernt und geübt wurde, gerechterweise auch gegenüber den östlichen Religionen praktizierten. Eine zweite, nun universale Aufklärung, die freilich an die buddhistische und auch die islamische Aufklärung anschliessen könnte, wäre die Aufgabe. Die Notwehr der konkurrenzgefährdeten Altreligionen, die entweder auf ökumenische Assimilation oder die Entsorgung durch ihre sogenannten «Sektenbeauftragten» setzen, genügt nicht. Eine Reaktion, vielleicht sogar das Umschlagen einer Idealisierung in Desillusionierung war unter diesen Umständen überfällig. Ein provozierendes Buch des neuseeländischen Soto-Zen-Priesters Brian A. Victoria hat jüngst die Verstrickung des Zen-Buddhismus in den japanischen Nationalismus und Imperialismus offengelegt (NZZ vom 1. 6. 99). Die «Kriminal-, die Verbrechensgeschichte» des Zen-Buddhismus Karlheinz Deschners christentumskritisches Jahrhundertwerk kann durchaus ihre östlichen Pendants finden.
Jetzt wird die derzeit populärste, ja modischste Form des Buddhismus vom Bildersturm ereilt: der tibetische, in seinem Zentrum der XIV. Dalai Lama, als Friedensnobelpreisträger 1989 auch zu höchsten westlichen Ehren gekommen. Man reibt sich die Augen: Just er, dieser friedfertigste, urbanste, auch witzigste, selbstironischste aller lebenden Götter hienieden, diese Ikone einer undogmatischen, wahrhaft humanen Religion, nach Gandhi das Paradestück eines religiösen Weltethos, soll vom Sockel stürzen? Die Ex-Grüne Jutta Ditfurth hat als Antipodin ihrer Parteigenossen Petra Kelly und Gert Bastian, die ihrerseits in dem anzuzeigenden Buch das Opfer einer Spekulation über einen tantristischen Ritualmord und Selbstmord werden, schon heftig genug das Denkmal attackiert. Nun versuchen Victor und Victoria Trimondi, vormals als Herbert und Mariana Röttgen Verleger des linken Trikont-Verlags, in den siebziger Jahren spirituell angehaucht, in den Neunzigern allem Anschein nach auf dem Rückweg zu den Altreligionen, die Götterdämmerung zu vollenden: «Ex oriente lux»? Weit gefehlt: «Ex oriente nox!», «Aus dem Osten die Nacht».
Westliche Ignoranz
Die Situation für den rücksichtslosen Frontalangriff ist in der Tat nicht ungünstig. Zu ignorant ist man im Westen in bezug auf die Geschichte Tibets und den tibetischen Buddhismus, zu stark die Neigung, angesichts der chinesischen Okkupation und der von ihr verübten Verbrechen nur in Schwarz und Weiss zu malen. Vergessen wird dabei, dass es auch militante tibetische Okkupationen chinesischen Territoriums gegeben hat und generell die Beziehungen zwischen beiden Ländern historisch äusserst verwickelt sind; dass der Lamaismus als feudalistisch strukturierte Theokratie in seiner Geschichte keineswegs die Inkarnation einer idealen Gesellschaft war; dass die tibetische Variante des Buddhismus, der tantristische Vajrayana-Buddhismus, mit seinen zwei Seiten, seiner subtilen esoterischen Lehre und seinem gelinde gesagt missverständlichen exoterischen Gehalt, erhebliche Irritationen auslösen kann; dass man schliesslich aktuell, wie es die Auseinandersetzungen um den 17. Karmapa der Kagyüpa-Konfession und die Shugden-Affäre bis hin zu religionspolitischen Morden in Dharamsala, dem indischen Exil des Dalai Lama, zeigen, auch in seinem direkten Umfeld mit einiger Militanz und einer tibetischen Form des Fundamentalismus rechnen muss.
Die Trimondis fallen also nicht über ein harmlos-friedliches Paradies, das für Mentaltouristen so anziehende Shangri-La, her, sondern sie stechen derzeit eher in ein Wespennest. Sie tun das freilich bei allen Recherchen, mit denen sie ein über 800seitiges Buch füllen mit einem sehr groben Stachel. Sie stützen fast ihre gesamte Argumentation auf eine vergleichsweise schmale Quellenbasis: auf das Kalachakra-Tantra aus dem 10. Jahrhundert u. Z. Dieser hochgradig interpretationsbedürftige Text, den die Autoren gnadenlos beim Wort nehmen, ohne ihm die hermeneutisch mildernden Umstände angedeihen zu lassen, die die Theologie der Bibel seit je einräumt, ist nur in einer erheblich kürzeren Fassung überliefert. Und auch diese ist bisher nicht annähernd vollständig, wie die Autoren immerhin einräumen, in eine westliche Sprache übersetzt.
«Heiliger Krieg»?
Vor allem zweierlei lesen sie aus dem Kalachakra heraus: einmal im frontalen Widerspruch zu einer westlich-feministisch inspirierten Lesart, die diesem Text im besonderen, dem tantristischen Buddhismus im allgemeinen eine besonders weibliche Note abgewinnt, eine androzentrische Ausbeutung der weiblichen Energie, der «Gynergie». «Das Mysterium des tantrischen Buddhismus besteht in der Aufopferung des weiblichen Prinzips und in der Manipulation des Eros zur Erlangung universeller androzentrischer Macht.» Diese Interpretation ist trotz der Gewalt, die sie ihrerseits dem weiblichen Prinzip im Tantra antut, nicht völlig abwegig. Westliche Tibet-Reisende werden sich aber weiterhin an der augenfälligen Autonomie tibetischer Frauen erfreuen können.
Wichtiger noch ist den Autoren die mit dem mythischen Königreich «Shambhala» verbundene religiös-politische Phantasie eine Machtphantasie, die in eschatologischer Zuspitzung auf eine «Buddhokratie» und hochaktuell auf einen apokalyptischen «heiligen Krieg» gegen die «Mlecchas», die Anhänger des Islams, hinausläuft. Gemeint ist letztlich aber die «Shambhalisierung» der ganzen Welt. Und dieses Weltherrschaftsprojekt soll nun der Dalai Lama als eine Art Gelbmützenversion Mao Tsetungs so wie dieser der rote Dalai Lama war , mit List und Tücke, aussen Lamm, innen Wolf, verfolgen. Deswegen so die Trimondis seine weltweite Reisediplomatie. Deswegen seine raffinierten Public Relations, die den virtuos gespielten bescheidenen Mönch zu einem der effektivsten Macht-Manager gemacht haben. Deswegen auch hinter der demokratischen Maske seine intensiven Kontakte zu allen braunen Esoterikern dieser Erde, angefangen beim SS-Mann Heinrich Harrer, fortgesetzt mit Mussolinis Chefideologen Julius Evola und Miguel Serrano, der Speerspitze des «esoterischen Hitlerismus», endend beim mörderischen AUM-Sektenführer Shoko Asahara. Der Buddhokrat und seine «Fünfte Kolonne».
Das ist starker Tobak. Der Dalai Lama wäre fürwahr ein geradezu diabolisch begabter Schauspieler. Doch dieses Porträt ist seinerseits von einer ausgewachsenen politisch-religiösen Phantasie diktiert. Um den tibetischen Buddhismus, auch seine derzeitigen fundamentalistischen Versuchungen, denen der Dalai Lama opponiert (!), ernst zu nehmen, genügt weniger aggressives Geschütz.
Dem Dalai Lama Weltherrschaftspläne zuzuschreiben, in einer Situation, in der er und das tibetische Volk das ohnmächtige Opfer einer imperialistischen Politik sind, das ist absurd, objektiv zynisch. Und es steht in einer fatalen Tradition. Das Kalachakra ist keine Fälschung. Aber die angeblichen Weltherrschafts-,die Shambhala-Phantasien des tibetischen Buddhismus sind das Phantasma einer Paranoia, wie es im Westen mit den sogenannten «Protokollen der Weisen von Zion» verbunden ist die «Protokolle des Weisen von Lhasa» sozusagen. Die Autoren bekennen sich gerne zu einem religiösen Friedensethos. Tatsächlich leisten sie ihren Beitrag zum ominösen «Kampf der Kulturen».
Ludger Lütkehaus
Klappentext
Der Autor über sein Buch
Eine ständige und fundierte Auseinandersetzung mit den bestehenden Religionen und neuen religiösen Strömungen - darüber sind sich alle Kulturologen einig - zählt heute, im Zeitalter der Globalisierung, zu einer der dringlichsten Aufgaben. Ein Großteil der jüngsten internationalen Konflikte haben religiöse Ursachen, beziehungsweise benutzen die Parteien religiöse Bilder in ihrer Propaganda und als Motive für ihr Handeln. Ob es sich um den Kosovo Krieg, den Tscheschenien Krieg, den Kaschmir Krieg, den Nahost Konflikt oder um die Tibetpolitik Chinas handelt - in allen Fällen finden wir die Religionen im Zentrum des Geschehens. Aber auch umgekehrt - die globale Friedenspolitik wird heute von vielen Menschen primär als eine Aufgabe der Glaubensgemeinschaften und nicht nur der Staaten gesehen.
Das "profane" Kulturverständnis des Westens lässt - gemäß dem Toleranzprinzip - alle weltanschaulichen Strömungen sich frei entwickeln, soweit diese keine machtpolitischen Ansprüche stellen, die den Grundsätzen des modernen Staates widersprechen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Glaubenssystemen, die sich immer weiter verbreiten, findet nur begrenzt statt. Vor allem gibt es sie im Zusammenhang mit dem Islam.
Ein entsprechendes Interesse und Engagement ist im Kontext zum Buddhismus nicht festzustellen. Im Gegenteil - während man im Falle des Islams davon ausgeht, dass die Lehre des Propheten mit der westlichen Moderne vielfache Widersprüche aufweist - ist es dem Buddhismus (insbesondere tibetischer Prägung) gelungen, sich als völlig kompatibel mit dem westlichen Wertvorstellungen, ja geradezu als dessen potentielle Fortentwicklung darzustellen. Im internationalen Kulturvergleich präsentiert sich der tibetische Buddhismus mittlerweile als das beste Weltmodell für eine Kultur des neuen Milleniums, als eine lamaistische Kultur, die alle positiven Werte des Westens vorteilhaft in sich integrieren soll. (Siehe hierzu das Buch von Robert Thurman - "Innere Revolution"). Insbesondere vermittelt der XIV Dalai Lama ständig durch Schrift und Wort, die Kompatibilität seiner Religion mit dem Westen. Dies hat zu dem spektakulären Erfolg des tibetischen Buddhismus in Europa, Amerika, ja selbst in Israel und Ostasien geführt.
Die Verträglichkeit des Lamaismus mit Wertvorstellungen der westlichen Moderne (Demokratie, Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Gleichberechtigung der Geschlechter usw.) ist jedoch nur sehr bedingt gegeben. Bei einer intensiveren, unvoreingenommenen Beschäftigung mit dem tibetischen Buddhismus, mit seinen Dogmen, seinen religiösen Praktiken, seiner Geschichte und seiner Gegenwartspolitik wird man sehr bald zu dem Schluss kommen, dass es sich hierbei um ein mittelalterliches (atavistisches) Systems handelt, welches stark "fundamentlistische" Züge aufweist. Die Arbeiten von Melvin C. Goldstein, June Campbell, Colin Goldner, Bernard Faure, Peter Bishop deuten dies schon an. Die intensive Diskussion über unser Buch "Der Schatten des Dalai Lama" haben gezeigt, wie notwendig die Aufklärung über den Lamaismus hier im Westen ist.
Mit guten Gründen interpretiert der Amerikaner Samuel P. Huntington in seinem vieldisku-tierten Buch Kampf der Kulturen ("The Clash of Civilizations") die zukünftigen kriegerischen Auseinandersetzungen als ein Aufeinanderprallen religiöser Weltanschauungen. Der Autor ist der Meinung, daß die westliche Weltkultur mit ihren Werten (Demokratie, Menschenrechte, Kapitalismus) dabei ist, zu verblassen und daß schon sehr bald an ihre Stelle mehrere Kulturblöcke treten, deren Ideologien aufs engste mit bestehenden traditionellen Religionen verbunden sind. Das Resultat (im 21. Jahrhundert) ist nach Huntington ein "Kampf der Kulturen" oder besser ausgedrückt: ein "Kampf der Religionen". Diese schöpfen die Legitimation für ihre gegenseitigen Kriege aus ihren traditionellen Dogmen, Visionen und Mysterien. Die einzige Möglichkeit, dass es nicht zu dem prognostizierten Clash kommt, ist eine ständige, ehrliche, kritische und wissenschaftliche Kulturdebatte.
Es erscheint deswegen kulturpolitisch sinnvoll und geradezu dringend, auch mit einer Debatte über den Buddhismus zu beginnen, beziehungsweise diese weiterzuführen, um die unkritische und uninformierte Übernahme von problematischen und unhumanen religiösen Wertvorstellungen aus diesem System zu begrenzen. Erst dann wird es möglich sein, dass sich eine Reformbewegung - wie es sie schon für den Islam gibt - auch für den Buddhismus herauskristallisiert. So versucht der muslimische Tibetologe Bassam Tibi seit Jahren, islamische Grundsätze mit westlichen Werten in Einklang zu bringen, beziehungsweise - im Sinne einer gegenseitigen Befruchtung - aufeinander abzustimmen. Ein entsprechender Diskurs steht für den tibetischen Buddhismus noch aus.
Mit unserer Homepage (http://www.trimondi.de) haben wir die Buddhismusdebatte eröffnet. Dort wird über folgende Themen diskutiert: Buddhismus und Frauenfrage # Buddhismus und Aggressivität # Buddhismus - Mythos und Geschichte/Ritual und Politik # Buddhismus und Faschismus # Buddhismus und Demokratie # Buddhokratie und Weltenherrschaft # Buddhismus (Tantrismus) und Sexualität # Die Karmapa Affäre # Reform des Buddhismus Die kontroverse Auseinandersetzung mit unserem Buch "Der Schatten des Dalai Lama" steht im Mittelpunkt der Homepage.
Victor und Victoria Trimondi