Die ungewöhnliche Komödie 'Schatten und Nebel' stellt in mehrerer Hinsicht eine Besonderheit im Werk von Woody Allen dar. Hier hat der legendäre Regisseur seiner Liebe zur deutschen Kultur der Zwischenkriegszeit ein Denkmal gesetzt. Die düsteren Schwarz/Weiß Aufnahmen erinnern an das expressionistische Kino von Murnau und Lang und der aberwitzige Plot ist eine Art liebevolle Parodie von Kafkas 'Der Prozess'. Dass große Stars gerne bei Allens Filmen mitwirken ist normal, aber für dieses ungewöhnliche Projekt gelang es, ein Ensemble zusammenzustellen, das ausschließlich aus absoluten Topstars besteht. Neben für ihre Seriosität bekannten Schauspielern, wie John Malkovich und Jodie Foster, hat hier sogar die Pop Ikone Madonna einen Cameo Auftritt. Leider erhielt der Film nie die Aufmerksamkeit, die er eigentlich verdient, obwohl Allen in diesem Kontext als Hauptdarsteller und Regisseur zur Höchstform findet.
Die Story nimmt die düsteren Elemente des klassischen Horrorfilms auf und wirbelt sie gekonnt durcheinander, wie das wohl nur Woody Allen vermag. Manches hier könnte auch Fritz Lang oder Murnau sein: Ein Würger terrorisiert des Nachts die Stadt und eine Bürgerwehr formiert sich, um gegen ihn anzutreten. Aber die Hauptfigur ist hier ein gewisser Kleinmann (ein mehr als sprechender Name und die ideale Rolle für Allen), der eines Nachts von seinen Kollegen bei der Bürgerwehr geweckt wird und vehement dazu aufgefordert wird, sofort nach draußen zu gehen und bei einem gezielten Plan gegen den Mörder zu helfen. Nur sind alle leider so in Eile, dass man vergisst, dem völlig verwirrten und ängstlichen Kleinmann zu sagen, was denn eigentlich seine Aufgabe bei der ganzen Sache sein soll. Nun irrt der arme Büroangestellte alleine durch die nächtlichen Straßen und versucht verzweifelt herauszufinden, was den eigentlich vor sich geht, nur um dabei in ein Missgeschick nach dem anderen zu stolpern.... (bereits hier wird Kafka Kennern bewusst werden, dass das natürlich eine geniale Verkehrung der Grundkonstellation aus 'Der Prozess' ist, wo K. in der Früh geweckt wird und den Rest des Romans damit verbringt herauszufinden, warum ihn der Prozess gemacht wird, wobei er ebenso von einer Unpässlichkeit in die Nächste gerät.)
Die verschiedenen Gestalten die Kleinmann auf seiner nächtlichen Odyssee begegnen, sind nicht ganz so bedrohlich wie jene in 'Nosferatu' und auch nicht ganz so seltsam wie jene in 'Der Prozess', aber sorgen in ihrer skurrilen Weise für eine humoristische Einlage nach der anderen. Für den ängstlichen Kleinmann wird die Suche nach dem Mörder zu einer Bewährungsprobe, wo er es endlich schaffen muss, seine große Ängstlichkeit, die sein ganzes Leben bisher bestimmt hat, zu überwinden.
Kann sein, dass 'Schatten und Nebel' mit seinen vielen Anspielungen in erster Linie Kenner des deutschen Expressionismus ansprechen wird. Aber eigentlich braucht man kein großes Vorwissen, um die einfach gehaltene Figur Kleinmann zu verstehen und mit ihr die Gefahren einer nebligen Nacht zu durchleiden. Angst kennt schließlich jeder und selten wurde sie so humorvoll eingefangen, wie hier von Woody Allen. Irgendwie ist Kleinmanns absolute Ahnungslosigkeit in Bezug auf die größeren Zusammenhänge der nächtlichen Ereignisse auch eine Metapher für die Situation des Menschen überhaupt, so wie Ks Prozess bei Kafka es gewesen ist. Man treibt durch das Leben ohne zu wissen, ob es vielleicht einen göttlichen Plan oder irgendeinen versteckten Sinn gibt... Das ist das Lebensgefühl des modernen Menschen und wo es bei 'Der Prozess' von Schrecken begleitet ist, ist es bei 'Schatten und Nebel' von Gelächter eingerahmt. Allen hat das ganz bewusst so gestaltet und lässt den ratlosen Kleinmann dreimal in dieser Nacht in den skurrilsten Situationen nach Gott gefragt werden. Dabei ist Kleinmanns Auskunft, dass er gerne an einen Gott glauben würde, aber es einfach nicht kann, erneut bezeichnend. Jedoch bietet Allen am Ende eine spielerische Lösung für das philosophische Dilemma, die auch in anderen seiner Filme, wie 'Hannah und ihre Schwestern' angedeutet wird und 'Schatten und Nebel' somit trotz aller Kafka Einflüsse fest im Allen Kosmos verankert.
'Schatten und Nebel' sollte daher von keinem Woody Allen Fan ausgelassen werden. Allein die mysteriösen Settings und die großartigen Schauspieler machen den Film sehenswert. Schade ist lediglich, dass die Nebenhandlung um die Beziehungskrise einer Schwertschluckerin und eines Clowns nicht ganz so lustig ist, wie die Ereignisse um Kleinmann. Dazu ist die Eifersuchtsgeschichte doch zu konventionell. Daher kann man 'Schatten und Nebel' vielleicht nicht als total gelungen bezeichnen. Aber die interessanten Elemente überwiegen bei weitem und einige Szenen sind so witzig, dass man sie noch lange im Gedächtnis behalten wird.
Und das ist ja von jeher eine der größten Stärken von Woody Allen und Grund genug sich jeden Film von ihm anzuschauen.