Die vorliegende niederländische Ausgabe entspricht der französischen, lediglich das Cover ist ein anderes. Neben dem Originalton liegt lediglich die französische Synchronfassung vor. Es gibt englische, aber keine deutschen Untertitel.
1954 inszenierte Fritz Lang das erste Mal seit knapp zwanzig Jahren wieder einen Film für MGM, diesmal eine Verfilmung eines Romans von John Meade Falkner und -als Premiere für Lang- in Cinemascope. Wie schon bei "Fury" entwickelte sich die Zusammenarbeit schwierig.
Zur Handlung: Die englische Südküste 1757: Auf Wunsch seiner Mutter soll der zehnjährige Waisenjunge John Mohune (John Whiteley) bei ihrem ehemaligen Verlobten Jeremy Fox (Stewart Granger) leben. Dieser versucht den Jungen zwar schnell auf ein Internat abzuschieben, doch John bekräftigt seinen Wunsch, mit seinem vermeintlichen Freund auf Moonfleet zu leben, dem ehemaligen Zuhause seiner Mutter. Durch ein sentimentales Lied Johns wird Jeremy an seine alte Liebe erinnert und er beschließt, sich von seiner Geliebten Ann (Viveca Lindfors) zu trennen, ein Fehler, denn Ann hat alles für ihn aufgegeben und hat nichts zu verlieren. Durch einen Unfall auf dem Friedhof ist John inzwischen in eine schlecht gesicherte Gruft gestürzt, die als Versteck von Schmugglern dient. Zu seinem Erschrecken erkennt er, dass der von ihm bewunderte Jeremy der Kopf der Bande ist. Als Ann Jeremy an die Polizei verrät, flüchten Jeremy und John. Der Junge verfügt über einen verrätselten Brief, der die beiden zu einem von Johns Vorfahren versteckten Diamanten führen soll. Insgeheim hat Jeremy vor, den Diamanten als Grundkapital für die Partnerschaft an einem krummen Geschäft mit dem windigen Adeligen Ashwood (George Sanders), mit dessen Frau (Joan Greenwood) er auch schon mal lose angebändelt hat, zu verwenden. Doch die inzwischen väterlichen Gefühle gegenüber John lassen ihn schließlich anders handeln.
Das Auffälligste an dieser Schmugglerballade ist die ausgeklügelte Farbdramaturgie. Fast alle Szenen werden von den Farben Dunkelblau, Braun und einem leicht blaustichigen Rot beherrscht. Nur in zwei Szenen sind Pastellfarben bzw leuchtend helle Farben eingesetzt. Fast immer scheint es spätabends oder Nacht zu sein, was gerade die Szenen in der Kirche und auf dem Friedhof besonders unheimlich erscheinen lässt. Die erste helle Szene folgt direkt auf die Einstellung, in der John vergeblich versucht, aus der verschlossenen Gruft zu entkommen. Fast zwangsläufig wird man an die Unterstadt und Oberstadt in Langs "Metropolis" erinnert. Erst die Verzweiflung des Jungen nicht nur über seine missliche Lage, sondern auch aufgrund der Demaskierung seines Idols, dort der angeblich leichtlebige und genusssüchtige Gentleman, der beim Blinde-Kuh-Spiel aufgrund eines Kusses erkannt wird.
Fast psychedelisch wirkt die Ankunft Johns in Moonfleet, Farne und Kraute werden im Bild eingefangen und weichen, so als sähe die Kamera mit Johns Augen. Besonders bedrohlich zeigt sich eine Engelfigur auf dem Friedhof, da die Augen aus ganz anderem Material zu sein scheinen.
Der Film beginnt mit einem Blick auf die wilde Brandung und es lässt sich schon erahnen, dass der Film von unbändig starken Gefühlen handelt. Die von Miklos Rozsa komponierte Musik ist angenehm kräftig und kaum sentimental. Der Weg des jungen John über die Ebene erinnert an die Anfangssequenz von Leans
Great Expectations Restored [UK Import] und endet, wie Lang es ausdrückte, in der "ghost story" - beim Erwachen aus einer Ohnmacht schauen ihn sechs besonders schräge Schmuggler an. Besonders furios ist auch eine Szene gefilmt, in der sich John aus einer Kutsche fallen lässt, sich wieder aufrappelt und sich zu Tode erschreckt. Die Kamera fährt zurück und offenbart den Grund seines Erschreckens. Immer wieder sind kreisende Bewegungen von Bedeutung, die eine Wendung in der Handlung andeuten. Zum Beispiel tanzt eine Zigeunerin erst um den Tisch, dann auf dem Tisch, kurz bevor John erscheint. Besonders elegant ist auch eine Kampfszenen zwischen Jeremy und einem der Schmuggler gefilmt, in der der Gegner versucht, Jeremy mit dem Kreisen eines langstieligen Beils in Schach zu halten. Jeremy hat sich entschlossen, John nicht als lästigen Zeugen ihres Treibens zu töten. Die Szene, in der sich Stewart Granger mit einem Degen wehrt, dürfte zu den bekanntesten Standfotos des Films gehören. Ich wundere mich, warum nicht diese Szene fürs DVD-Cover gewählt wurde statt dieses ziemlich verkitschten Filmplakats.
Selbst für gelegentlich sparsam eingesetzten Humor ist Platz, so z.B. wenn Jeremy nach einer erfolglosen Razzia den enttäuschten Polizisten zuraunt "You can`t hope to hang a man every morning."
Obwohl Lang für eine Auftragsarbeit eine sehr gute Arbeit leistete, fühlte er sich zunehmend von den amerikanischen Produzenten gegängelt. Er drehte nur noch zwei, verhältnismäßig "kleine" Filme in den USA (u.a. den von mir heiß geliebten
Die Bestie / While the City Sleeps ( News Is Made at Night ) [ UK Fassung, Keine Deutsche Sprache ]) bevor er wieder in Deutschland drehte. Leider sind die Indien-Filme und der Mabuse- Nachschlag keine Belege dafür, dass mit größerer künstlerischer Freiheit automatisch bessere Filme gedreht wurden.
Neben dem Hauptfilm bietet die DVD zwei Specials: eine Szenenanalyse und einen Bericht über die Dreharbeiten. Im ersten wird u.a. anhand von Standfotos gezeigt, wie elegant Lang einen Sturz inszenierte ohne einen Sturz zu zeigen. Dieses Verfahren nutzte ja auch Hitchcock in "Psycho", wo allein durch Detailaufnahmen ein Mord suggeriert wird, der nicht explizit gezeigt wird. Das zweite Special wertet Langs Produktionsnotizen aus, die er einem französischen Filminstitut überlassen hatte, nachdem ein amerikanisches kein Interesse daran gezeigt hatte. Anhand der handschriftlichen Notizen Langs im Drehbuch lassen sich manche Konflikte während der Dreharbeiten rekonstruieren. Mitunter zeigen sie auch eine erfreuliche Skepsis Langs gegenüber den amerikanischen Drehbuchautoren ("How do we know that`s a tavern maid?"). Trotz sparsamen Umgangs mit Produktionsmitteln konnte Lang Produzent John Houseman nicht davon überzeugen, ein paar weitere Einstellungen bei der Ankunft Johns in Moonfleet zu drehen. Zudem konnte er es auch nicht verweigern, die letzte Einstellung zu drehen, die der Geschichte eine leicht optimistische Wendung gibt und letztlich der eher fatalistischen Intention Langs zuwider läuft. Gerade die vorletzte Szene, in der Jeremy wie ein toter Krieger aus archaischer Zeit auf einem Schiff entschwindet, wäre die bessere Schlussszene gewesen. Ganz bewusst lässt der Film offen, ob nicht Jeremy vielleicht Johns leiblicher Vater ist. Es ist ein Film über einen Jungen, der einen Vater sucht und einen Mann, der gerne einen Sohn hätte, aber letztlich an den unverhofft väterlichen Gefühlen scheitert. Für mich ist die Darstellung des Jeremy Fox die beste Leistung Grangers, die ich kenne.
Zur Ausstattung: Das Cover gibt die Laufzeit des Films mit 143 Minuten an (Amazon hat fälschlicherweise die Angabe übernommen), natürlich beträgt er 87 Minuten. Die beiden französischsprachigen Extras sind 18 bzw. 31 Minuten lang. UTs sind für Film UND Extras verfügbar (englisch, französisch, niederländisch, griechisch, schwedisch). An Bild und Ton ist nichts auszusetzen, aber restauriert wurde anscheinend nicht.
Fazit: Eine eher konventionelle Schmugglerballade atemberaubend bildgewaltig umgesetzt, dazu interessantes Bonusmaterial. Nicht nur für Lang- oder Grangerfans ein großer Genuss. Irgendwie gelang es Lang immer aus Dutzendware einen Brillanten zu schleifen.