Pauken und Trompeten hat Minette Walters, bekannt durch ihre großen Erfolge
Im Eishaus und
Die Schandmaske, in ihrem 2007 erschienenen Roman "Der Schatten des Chamäleons" nicht zu bieten - man sollte sich auf ein Buch der leisen Töne einstellen. Um bei dem Musik-Vergleich zu bleiben: den Leser erwartet eher Ligeti als Mussorgski.
Ein junger Soldat wird im Irak-Krieg schwer am Kopf verwundet. Drei Ärzte begleiten ihn nacheinander auf dem schweren Weg, mit den Folgen seiner Verletzungen fertig zu werden. Ein besonderes Problem scheint dem jungen Mann die Nähe von Frauen zu bereiten - anscheinend lösen körperliche Annäherungen generell Aggressions-Attacken bei ihm aus.
Gleichzeitig sucht die Polizei verzweifelt und ohne Erfolg nach einem brutalen Serienmörder, der seine Opfer mit einer Art Keule malträtiert. Und immer häufiger ergeben sich Verbindungen zwischen den Ermittlungen und dem jungen Soldaten.
Es ist nachvollziehbar, dass einigen Lesern der Roman nicht das zu bieten schien, was sie von einem "Psycho-Thriller" erwarten. Insbesondere fehlt das typische Element, dass eine oder mehrere sympathische Figuren in immerzu steigende Gefahren geraten, gänzlich. Auch, wer auf "schwache Frau in Not findet einsamen, starken Held" hofft, wird enttäuscht werden. Aber überrascht sollte man nicht darüber sein - schließlich ist bekannt, dass Minette Walters ihre Romane nicht "frei" erfindet und konstruiert, sondern an sorgfältig recherchierten, wahren Gegebenheiten ausrichtet.
Mir jedenfalls hat der Roman vorzüglich gefallen - aber ich lese auch kreuz und quer durch alle Genres und habe daher sicher eine andere Erwartungshaltung als der typische "Thriller"-Liebhaber. Und ich wurde nicht enttäuscht: bei der Lektüre entwickelte sich so eine Art Sog, die mich das stattliche Buch in zwei Tagen verschlingen ließ. Da war nämlich schon eine Spannung, aber eine ganz andere als gewöhnlich.
Man "lernt" nebenher eine Menge über psychologische Probleme verschiedenster Art. Schließlich kennt Minette Walters durch ihren Vater die Situation von Armee-Offizieren, durch ihr Engagement in der Resozialisierung Straffälliger ist sie mit den Problemen der Wiedereingliederung vertraut. So erklären sich auch die absolut "lebendigen" Figuren; schon bald entsteht die Illusion, man würde die Menschen wirklich kennen.
Natürlich fragt man sich zunehmend, wohin das Ganze überhaupt laufen soll. Erst das Ende macht aus einer Vielzahl von Unsicherheiten einen gelungenen Roman. Gleichzeitig frappierend wie erlösend bringt es den wirklich seltenen, großen "Aha-Effekt". Und im Nachverdauen wird deutlich: Das war genial entwickelt.
jury 4* A0580 15.4.2011e 7 A