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Produktinformation
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Dass Leopold II. seine "private" Kolonie wieder verlor, ist letztlich dem Engagement eines einzigen Mannes zu verdanken: Edmund Morel, ein Kontorist bei einer Liverpooler Schifffahrtslinie, erkannte 1897 das ganze Ausmaß des Terrors im Kongo, und machte den Kampf gegen das Grauen zu seinem persönlichen Kreuzzug. Es war der Beginn der ersten großen internationalen Menschenrechtsbewegung, die das 20. Jahrhundert kannte, der Congo Reform Association.
Adam Hochschilds herausragendes Buch Schatten über dem Kongo handelt von dieser Bewegung, von den grausamen Verbrechen, gegen die sie sich richtete, und von der langen Zeit der Forschungsreisen und Eroberungen, die der Kolonisierung des Kongos vorausging. Es handelt aber auch von dem Vergessen, dem die Welt einen der großen Massenmorde der jüngeren Geschichte überantwortet hat.
Geschickt konzentriert Hochschild seine fesselnde Erzählung auf ein paar faszinierende Persönlichleiten: König Leopold II. und den Abenteurer Henry Morton Stanley, der in seinem Auftrag den Kongo eroberte; Hauptmann Léon Rom, ein skrupelloser Helfershelfer, der die Kolonie mit unmenschlichen Methoden ausbeutete, und natürlich Edmund Morel, dessen leidenschaftliches Engagement Leopolds Terrorherrschaft schließlich ein Ende setzte. --Stephan Fingerle
Ein Panorama von Gier und Gewalt
Die belgische Herrschaft im Kongo
Jedes Frühjahr, wenn die riesigen Gewächshäuser der königlichen Residenz Schloss Laeken in Brüssel für das Publikum geöffnet werden, strömen Tausende von Besuchern an der mit Kamelien und Azaleen geschmückten Büste Leopolds II. (18651905) vorbei. Er war es, der die königlichen Schlösser prunkvoll ausstatten und umbauen liess, der die Gewächshäuser und den fünfstöckigen Japanischen Turm, den monumentalen Triumphbogen im Parc du Cinquantenaire und den Königlichen Museumspalast für Zentralafrika erbauen liess. Doch nirgendwo findet sich ein Hinweis darauf, woher die Milliarden kamen, welche die Errichtung dieser und anderer Prachtbauten möglich machten.
Eine Antwort, die ein Panorama von Gier und Gewalt, von raffinierter Täuschung der Öffentlichkeit und grenzenlos scheinender Bestechlichkeit, aber auch von geradezu heroischem Engagement für Menschenrechte aufrollt, gibt das Buch des amerikanischen Journalisten Adam Hochschild. Es besticht aus mehreren Gründen. Hochschild lässt, soweit er sie auffinden konnte, die in den offiziellen Darstellungen übergangenen Stimmen der Opfer der Eroberung und Ausbeutung des zentralafrikanischen Staates vernehmlich werden, die durch Zufall in irgendwelchen Archiven erhalten, aber bisher unbeachtet geblieben waren. Ferner skizziert er auf prägnante Weise die Lebensläufe der Hauptakteure bei der «zivilisatorischen» Erschliessung des Kongo, um herauszufinden, wie es zu einem Genozid an Millionen von Afrikanern, zu Menschenhandel und Versklavung und in ihrer Perversität kaum vorstellbaren Strafaktionen kommen konnte. Gebührendes Gewicht aber erhalten auch die mutigen Aktionen jener, die sich oft als Einzelne den Machenschaften menschenverachtender Profiteure entgegenstellten und dabei in erstaunlichem Masse erfolgreich waren.
Betrogene
Als der portugiesische Kapitän Diogo Cão 1482 auf der Suche nach Gold die Westküste Afrikas entlangsegelte, «entdeckte» er als erster Europäer die riesige Mündung des Kongo. Ein wenig flussaufwärts lebte die Bevölkerung in einem hochentwickelten Staatswesen, an dessen Spitze der Mani-Kongo (Herr des Kongo) Nzinga Mbemba stand. Die Schwarzen begegneten den Weissen gastfreundlich und arglos. Nach kurzer Zeit begann ein reger Briefwechsel zwischen dem portugiesischen König Manuel und dem kongolesischen Herrscher, einem weltoffenen, wissbegierigen Mann, der rasch die portugiesische Sprache erlernt hatte. Doch er musste schon bald erkennen, dass es sich nicht um eine faire Beziehung handelte. Die Schwarzen erfüllten die Forderungen der Portugiesen nach der Lieferung von Elfenbein und Sklaven. Sie selber bekamen aber nicht die erbetenen Lehrer, Ärzte, Bootsbauer, Medikamente, sondern lediglich Stoffe und veraltete Waffen. Wachsende Bitterkeit schlug in Verzweiflung um, als zehn Neffen des Mani-Kongo, die er zum Studium nach Portugal geschickt hatte, dort als Sklaven verkauft wurden.
1665 kam es zu einer Schlacht, in der die Portugiesen siegten und nach der der letzte Mani-Kongo enthauptet wurde. Ein Menschenhandel von unvorstellbaren Ausmassen setzte ein, an dem sich Portugiesen, Franzosen, Holländer, Briten und Belgier beteiligten. Millionen von Afrikanern wurden nach Brasilien, Mittel- und Südamerika verschleppt. Mit der Abschaffung des Sklavenhandels 1838 war die Ausbeutung Schwarzafrikas keineswegs beendet. Unter dem philanthropischen Deckmantel, Schwarzafrika die Zivilisation zu bringen, wurde das Land weiter geplündert.
Der belgische König Leopold II., der den Ehrgeiz hatte, über ein eigenes Kolonialreich zu herrschen, gründete die «Internationale Afrikanische Gesellschaft» (deren einziger Gesellschafter er war), um den Kongo «unter Schutz zu stellen». Es gelte, den «arabischen» Sklavenhandel zu unterbinden, die Wissenschaft zu fördern und «die Wilden» zu kultivieren. Zu seinem Instrument und Mittäter wurde ein berühmter Forschungsreisender: Henry Morton Stanley, der den verschollen geglaubten Missionar und Arzt David Livingstone im Herzen Afrikas aufgespürt hatte. Nun zog er im Auftrag Leopolds den Kongo hinauf, um den Flussverlauf zwecks späterer Erschliessung kartographisch zu erfassen. Ein Zug von 400 Afrikanern begleitete ihn, die Unmengen an Waffen und Ausrüstung zu schleppen hatten. Jedes Anzeichen von Feindseligkeit seitens der Bevölkerung wurde sofort hart geahndet. Hunderte von Leichen säumten Stanleys Weg, Dutzende von Städten und Dörfern wurden zerstört, Handelsstationen errichtet, in denen man Elfenbein hortete, und die Niederlassung oberhalb der grossen Katarakte (Stanley Falls) wurde in Léopoldville umbenannt.
1884 kehrte Stanley mit einem Bündel von Verträgen nach Brüssel zurück, in denen die Häuptlinge ihr Land angeblich Leopold II. übertragen hatten. Dabei war für Afrikaner, die nur gemeinschaftlich genutztes Land kannten, privates Eigentum an Grund und Boden unvorstellbar. Durch Bestechung und Intrigen brachte der König zahlreiche europäische und amerikanische Zeitungen dazu, Lobeshymnen auf sein humanitäres Engagement zu publizieren. Durch falsche Versprechungen, etwa die Zusage, er werde den Kongo zur Freihandelszone erklären, durch listiges Taktieren und Ausspielen der Grossmächte gegeneinander erreichte er es, dass am Ende der Berliner Konferenz vom Februar 1885 an der weder ein Afrikaner teilnahm noch jemand, der Afrika bereist hatte ein Abkommen unterzeichnet wurde, das ihm den Kongo als Privateigentum zusprach.
Doch es gab seit den 1890er Jahren mutige Kritiker. Deren Aktivitäten schildert Hochschild realistisch und emphatisch. Der Afroamerikaner George Washington Williams etwa, Historiker und Journalist, fuhr nach Afrika, um zu prüfen, ob die in den USA diskriminierten Schwarzen im Land ihrer Herkunft nicht bessere Lebensbedingungen vorfinden würden. Er umschiffte 1890/91 den Kontinent und bereiste sechs Monate lang den Kongo. Was er sah und hörte, ernüchterte und entsetzte ihn. In einem «Offenen Brief an den König», nämlich Leopold II., versammelte er alle wichtigen Anklagepunkte. In einem Bericht an den Präsidenten der USA forderte er ein Herrschaftssystem, «das afrikanisch und nicht europäisch, gerecht und nicht grausam» wäre. Er klagte Leopolds Kongo-Staat der «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» an. Verärgert liess Leopold Artikel abdrucken, in denen Williams als «geistesgestörter Neger» abgetan wurde. Williams starb wenig später mit nur 41 Jahren.
Ein anderer Kritiker jedoch machte Leopold bis an dessen Lebensende zu schaffen. Edmund Dene Morel, verantwortlich für das Ent- und Beladen von Schiffen der Kongo-Route in Antwerpen, wunderte sich, dass die eintreffenden Schiffe voll mit Elfenbein und Kautschuk waren, im Gegenzug jedoch nur Waffen, Munition und Armeeoffiziere verschifft wurden. Er begriff, dass es keinen Warentausch gab, dass die einlaufenden Schätze nur aus Sklavenarbeit stammen konnten. Nach gründlichen Recherchen kam er zu dem Schluss, «auf eine Geheimgesellschaft von Mördern mit einem König als Oberhalunken gestossen» zu sein. Er gründete eine Zeitung, in der er seine Recherchen veröffentlichte. Er schrieb mit kontrollierter Empörung und akribischer Exaktheit, entlarvte die Bestechungsmanöver des Königs gegenüber Verlegern und Journalisten im In- und Ausland. Er verbündete sich mit Roger Casement, der den Kongo als britischer Botschafter bereiste und einer der schärfsten Kritiker Leopolds und seiner Vasallen wurde, und gründete die «Congo Reform Association», die erste grosse internationale Menschenrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts.
Herz der Finsternis
Kurz vor Leopolds Tod ging der Kongo in belgischen Besitz über. Als das Land nach blutig niedergeschlagenen Massendemonstrationen 1960 unabhängig wurde, meinte der belgische König Baudouin: «Jetzt liegt es bei Ihnen, meine Herren, sich unseres Vertrauens als würdig zu erweisen.» Weil er sowohl für politische wie ökonomische Unabhängigkeit eintrat, erwies sich der neue Premierminister Patrice Lumumba in den Augen Belgiens, Grossbritanniens und der USA, die in den Kongo investiert hatten, als des Vertrauens «unwürdig». Er wurde ermordet. Joseph Désiré Mobutu hingegen, massgeblich an Lumumbas Ermordung beteiligt, wurde mit westlicher Hilfe zum neuen unumschränkten Diktator, der, wie einst Leopold II., bald zu den reichsten Männern der Welt gehörte. «Ganz Europa», so Charles Marlow in Joseph Conrads berühmtem, im Kongo spielendem Roman «Herz der Finsternis» über den machtgierigen Elfenbeinlieferanten Kurtz, für den es viele reale Vorbilder gab, «ganz Europa war am Zustandekommen des Herrn Kurtz beteiligt gewesen.» Wie es zu einem der grössten Menschheitsverbrechen kam und welchen Anteil die westliche Welt an dem Zerstörungswerk Leopolds II. und seiner Vasallen im Kongo hatte, schildert Hochschild so spannend und engagiert, so detailliert wie keiner vor ihm.
Renate Wiggershaus
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25 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Verbrechen an der Menschheit wird aufgedeckt,
Von Ewald Judt (Vienna, Austria) - Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 1000 REZENSENT) (HALL OF FAME REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Schatten über dem Kongo (Taschenbuch)
"Schatten über dem Kongo" (rororo 61312 - "King Leopold's Ghost. A Story of Greed, Terror and Heroism in Colonial Africa.", 1998) ist ein Sachbuch, vom Qualitätsstandard her ein wissenschaftliches Buch, das sich jedoch wie ein ungemein spannender Roman liest. Der Autor Adam Hochschild lehrt an der Graduate School of Journalism der University of California in Berkeley und ist durch eine Aneinanderreihung von Zufällen immer tiefer in die Materie eines Völkersmords im dunklen Herzen Afrikas eingedrungen. Dabei arbeitete er sich durch eine - erstaunlicherweise immer noch vorhandene - riesige Menge an Materialien wie Erinnerungen von Forschern, Kapitänen und Militärs, Unterlagen aus Missionsstationen und Schilderungen von - meist reichen - Reisenden. Heraus kam ein Buch, das die Geschichte des Kongo dokumentiert. Einleitend wird die Zeit von der Entdeckung durch die Europäer bis zur Übetragung des Kongo an den belgischen König Leopold II als dessen Privateigentum 1885 dargestellt. Danach folgt als ein Schwerpunkt die dann eingeleitete hemmungslose Ausbeutung des Kongo und die damit verbundenen Gräueltaten, die Millionen Eingeborenen das Leben kosteten. Das Geschilderte rechtfertigt den Buchuntertitel "Die Geschichte eines fast vergessenen Menschheitsverbrechens". Romanhaft ist übrigens dieses Bild der Auswirkungen der Herrschaft Leopolds II von Joseph Conrad in seinem Buch "Herz der Finsternis" geschildert worden. Der zweite Schwerpunkt ist Edmund Morel gewidmet, einem kaufmännischen Angestellten einer Liverpooler Schifffahrtslinie, der erkennt, daß der Kongo mit Terror beherrscht und wirtschaftlich ausgebeutet wird. Als Reaktion darauf wird er der Begründer der ersten großen internationalen Menschensrechtsbewegung. Adam Hochschild zeigt eindrucksvoll das Engagement, wie ein einzelner Mensch es geschafft hat, über viele Jahre ein Thema am köcheln zu halten, es auf die Titelseiten der Zeitungen und in Zeitschriften zu bringen, Protestaktionen zu organisieren sowie es den Mächtigen der Welt nahezubringen - und zwar erfolgreich. 1908 mußte Leopold II den Kongo als ein Privateigentum aufgeben - der Kongo wurde belgische Kolonie. Die Verbrechen an der einheimischen Bevölkerung gingen zurück, die Ausbeutung des Landes ging weiter. Bis heute. Diesem Thema - der Fortsetzung der tragischen Geschichte des Kongo bis in unsere Tage - widmet sich der letzte Abschnitt des Buches: Widerstand gegen die belgische Kolonialherrschaft, Unabhängigkeit, Ermordung des ersten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba, Gewaltherrschaft Mobutus. Damit endet Hochschilds Buch. Was folgt ist auch nicht gerade eine Verbesserung der Situation: Sturz des Regimes durch Kabila mit Hilfe von Ruanda, Fortsetzung der Gewaltherrschaft durch Kabila, Ermordung Kabilas, Kabilas Sohn übernimmt die Macht. Ob sich dadurch etwas geändert hat und ob sich dadurch etwas ändern wird, wird sich erst zeigen. Adam Hochschilds Buch "Schatten über dem Kongo" ist es jedenfalls Wert gelesen zu werden.
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ausgezeichneter Einstieg in die Geschichte des Kolonialismus,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Schatten über dem Kongo: Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen (Gebundene Ausgabe)
Dieses Buch öffnet einem wirklich die Augen! Die umfassenden Schilderungen der Gräuel, die Leopolds Schergen im Kongo angerichtet haben, illustrieren eindrucksvoll, wie rassistisch geprägt und unvollständig unser Geschichtsbild ist.
Der Autor zieht immer wieder Parallelen zu den Verbrechen des Holocaust und wahlscheinlich ist das für uns auch die einzige Möglichkeit die menschliche Dimension dieser Verbrechen überhaupt begreifen zu können. Die Untaten der Belgier werden auch in Bezug zur Gegenwart gestellt. Wer heute durch Brüssel reist wird nicht selten mit dem Namen Leopold konfrontiert. Aber nirgends gibt es Hinweise auf die unfassbaren Grausamkeiten, die auf seinen Befehl und in seinem Namen im Kongo verübt wurden. Wenn man dem Autor einen Vorwurf machen kann, dann ist es jener, dass er doch recht deutlich zwischen dem belgischen und französichen Kolonialregime ("die Bösen") auf der einen Seite und dem englischen ("die Guten") auf der anderen Seite unterscheidet und damit den gleiche Fehler, wie sein Protagonist, Morel, begeht. Daher nur 4 Sterne. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein packendes Buch das zum heutigen Verständnis beiträgt,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Schatten über dem Kongo: Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen (Gebundene Ausgabe)
Das packend geschriebene Buch enthüllt die Geschichte des Kongo während des Freistaates von König Leopold auf unverschönte Weise. Somit trägt es dazu bei, das heutige Kongo besser zu verstehen und die Art des Volkes besser zu begreifen. Dieses Buch hat mir nach seiner Lektüre die Tür zum kongolesischen Volk geöffnet. Für denjenigen, der etwas über die jüngere Geschichte des Kongo, über Land und Leute erfahren will oder so wie ich über ein Jahr im Kongo lebte, ist dieses Buch ein Muss.
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