Manchmal gehen große Werke eigentümliche Wege. Als Fortsetzungsroman in einer amerikanischen Zeitung in den 50er Jahren erschienen, kommt der Roman des Nobelpreisträgers und bekanntesten jüdischen Autors erst jetzt auf den hiesigen Buchmarkt.
Deutlicher war die Verlorenheit des Exilantentums auch bei Klaus Mann und Remarque nicht spürbar. Den Hauptfiguren des Romans, in New York gestrandeten Juden zu Beginn der 50er Jahre, bleibt nur ein oft pessimistischer Zynismus übrig, um sich mittels Eiertanz zwischen weltlichem Leben und religiösem Dienen, Berauschen am modernen Leben oder dem Rückzug in die religiöse Orthodoxie in der sie umgebenden Welt des Nachholocaust zu verankern.
Singer zeigt, daß der Einfluß der Nazis mit Vernichtung und Entrechtung von Millionen Juden keinesfalls beendet ist. Viele Juden - sowohl von jüdischer Geschichte und Tradition als auch der Nazityrannei geprägt - haben Anlaß, mit Gott zu hadern und sehen sich skeptisch einer Welt zwischem kaltem Krieg, amerikanischem Christentum, Kommunismus, modernem Atheismus und Darwinismus gegenüber.
Singer reduziert das Judentum nicht auf den Holocaust - als bloße "Teilnehmer" einer Geschichte der Deutschen und Alliierten und des II.Weltkrieges, wie bedauerlicherweise in vielen Darstellungen in Literatur und Film - sondern zeigt sie ausdrücklich als Volk mit eigenständiger Kultur und Geschichte. Dadurch, daß Singer die Schrecken des Völkermords spürbar sein läßt aber nicht jedes Element der Handlung sofort darauf bezieht, gibt er "Schatten über dem Hudson" ein markantes Gesicht.
Aber auch das Angstklima des kalten Krieges zieht sich durch den Roman. So übertreffen sich die meisten Handelnden in Paranoia vor dem Kommunismus in fast schon grotesker Art und Weise gegenseitig. Der in den USA damals allgegenwärtige McCarthyismus steht Gewehr bei Fuß. Totalitarismusgedanken gipfeln in dem Ausspruch Boris Makavers, daß es Hitler ohne Stalin gar nicht gegeben hätte.
Auffällig ist auch das Frauenbild, das Singer streckenweise kolportiert. Die meisten Frauen in seinem Roman plappern in einem fort, nörgeln herum, wissen nicht, was sie wollen und sind oft zu rationalem Handeln schlicht gar nicht in der Lage. Sie geben sich Männern hin da sie keine eigene Identität entwickeln und werden zu allem Überfluß angeblich auch noch vom amerikanischen Scheidungsrecht übermäßig protegiert.
Jedoch versteht Singer zweifellos glänzend zu beschreiben. Nie entsteht der Eindruck, nicht genügend in Kenntnis gesetzt oder mit Worten überladen worden zu sein. Er erweist sich als ein Meister der Beleuchtung. Grelle "Scheinwerferei" vermeidet er. Im dezenten Licht der Kandelaber richtet Singer den Blick atmosphärisch und dennoch konkret auf jüdisches Leben, jüdische Religion und Riten, deren Fremdartigkeit mal Verständnis, mal Irritation, mal Kopfschütteln hervorrufen mag.
Durch einfühlsame Schilderungen kreisender Gedanken der Figuren - z.B. das Pendeln Lurias zwischen Depressivität, Suizidabsichten, Hoffnung und Verfolgungswahn - und die moralische Ebene der Charaktere erzeugt Singer die direkte Anteilnahme des Lesers. Grein, der gegen eigene und ihm vorgegebene Moralkodezies verstößt, aber über das unmoralische Tun anderer entrüstet ist und dies verachtet, dabei zutiefst unter diesem Zwiespalt leidet, bietet ideale Angriffsflächen aber läßt auch Zweifel beim Leser selbst entstehen.
Bei aller Schwere und Tragik der Handlung läßt Singer manchmal etwas augenzwinkernden Humor durchscheinen, wenn er in ernsten Situationen Ohrringe mit Matratzenfedern oder Gesichtsfarbe mit Fensterkitt vergleicht. Auch hält der Autor ungewöhnliche Kapitelumbrüche - oft mitten im Dialog - bereit
Erfahren zu können, daß Jüdischkeit zwar nicht unabhängig, jedoch auch außerhalb des Holocaust existiert und schon seit langer Zeit existiert hat - das ist schließlich die besondere Leistung dieses Romans.