Das Konstantin-Buch des Autors hat für sein neues Buch "Schatten über Europa" große Erwartungen beim Rezensenten geweckt, denen der Autor in vollem Umfang gerecht wird.
Das Christentum trägt die Hautschuld am gewaltigen kulturellen Verfall der Spätantike, so die Hauptthese des Buches. Um dies zu belegen schärft Bergmeier zunächst den Blick für die enormen kulturellen Leistungen, die die heidnische Antike bereits hervorgebracht hatte. Ein dreigliedriges Schulwesen sorgte im römischen Reich dafür, dass mehr als 50 Prozent der römischen Bürger (auch Frauen) und viele Sklaven lesen und schreiben konnten. Gewaltige öffentliche Bibliotheken (in Rom alleine 28) und private Bibliotheken beherbergten wohl annähernd eine Million Titel der unterschiedlichsten Fachgebiete. Die Philosophie blühte in mannigfachen Richtungen und Schulen, die Architektur brachte gewaltige Bauten hervor. Von der weit fortgeschrittenen Kunstfertigkeit kann man sich noch heute in den römischen Museen ein Bild machen. 3785 Bronzestatuen gab es noch im 4. Jahrhundert in Rom auf öffentlichen Plätzen, darunter 22 Reiterstatuen. Es gab Theater, Thermen, eine Kanalisation, beheizte luxuriöse Villen, eine Reichspost und ein Fernstraßennetz, gewaltige Städte, Fernhandel, Tausende von Tempeln der unterschiedlichsten Kulte.
Wann kam der Knick? Bergmeier macht als entscheidenden Bruch nicht die Zeit Konstantins fest, dessen Christsein ja umstritten ist und zumindest nicht in einem "katholischen Sinne" zu verstehen wäre, sondern die Erlasse im Gefolge von Cunctos Populos des Kaisers Theodosius (379-395), durch die das Christentum quasi Staatsreligion wurde. Dadurch geht eine wichtige Voraussetzung der antiken Kultur verloren, nämlich die religiöse Toleranz. In der Folge finden großangelegte Heidenverfolgungen statt, Tempel werden zerstört, von fanatisierten Christen geköpfte Statuen finden sich heute noch in Museen, antike Schriften, weil von Heiden geschrieben, werden nicht mehr kopiert, darunter auch viele der größten Geister des Altertums. Die Philosophie gilt als widergöttlich, alles was man braucht, meinte man in der Bibel zu finden. Theater galten als sündhaft, Kunst insgesamt als wertlos. Statt einer sinnenfrohen Antike hielt jetzt ein christlicher Aberglaube mit übersteigertem Sündenbegriff, Verneinung der kulturellen Leistungen, mit Betonung der Jenseitigkeit statt des Diesseits, mit Weltverachtung statt Weltgestaltung Einzug, mächtig propagiert von Kirchenvätern, von denen viele selbst noch die antike Bildung genossen hatten. Augustinus schließlich versetzte dem optimistischen Lebens- und Menschenbild mit einer absurden Erbsündenlehre und einer Verachtung der Sexualität den Todesstoß. "Während der antike Mensch danach trachtete, auch in unbilligen Lagen seine Würde und seinen Stolz zu behalten, brütet der Christ über seine Unwürdigkeit nach. Bevor sich überhaupt etwas ereignet hat, bekennt er sich schon schuldig. Was für ein armseliges Menschenbild..."(S. 105)
Dieser Weg in den religiösen Fundamentalismus, die Rechthaberei einer einzigen Religion statt einer antiken, toleranten Vielfalt, ist laut Bergmeier die "Hauptursache" für den Untergang der antiken Kultur. Die Barbaren geraten bei Bergmeier zwar nicht aus dem Blick, treten hinter diesem Hauptgrund jedoch zurück. In der Folge dieser Entwicklung verschwinden die Bibliotheken, die Theater, schließen die Schulen, verkümmert die Bildung, breitet sich Analphabetismus aus, bekämpft die eine Religion alle anderen Religionen und Abweichler in den eigenen Reihen, versinkt die antike Kultur für fast 1000 Jahre im finsteren, weil christlichen Mittelalter.
Für Bergmeier sind die Klöster kein Ersatz für eine antike Bildung, wie oft in der Literatur zu lesen, denn nur Mönche hatten Zugang zu ihr. Zudem ging es nicht um Bildung in einem klassischen Sinne, sondern um Kenntnisse allein auf dem Gebiet der vorherrschenden religiösen Ideologie. Zudem gab es fast keine Bücher, über die eine antike Bildung noch hätte vermittelt werden können, die allermeisten Klöster dürften fast keine Bücher besessen haben, die größten hatten nicht einmal 800 Bände, von diesen die meisten mit (für eine lebendige Kultur nutzlosen) religiösen Inhalten. Auch bei der sog. "Karolingische Renaissance", der "dicke[n] Bertha" der Mittelalter-Apologeten (so Bergmeier S. 240) ging es vor allem um rein innerkirchliche Ziele, um Liturgie und einen einheitlichen Text der biblischen Schriften. Bis auf eine Vielzahl von Kirchen- und Klosterbauten war hier nichts von Dauer. Das Mittelalter, war, gemessen an fast allem, was es in der Antike bereits gegeben hat, tatsächlich "finster", ein Romantizismus ist nicht angebracht. Von 400 bis 1200 fast kein Fortschritt, nur schöne Buchmalereien und einige große Kirchenbauten. Das Christentum hatte im christlichen Mittelalter erstaunlich wenig zu bieten, während nebenan im maurischen Spanien und in den Gebieten des Islam überhaupt eine blühende Zivilisation bestand.
Bergmeier bringt eine Fülle von Belegen für seine Thesen. Es gelingt ihm den Kulturabbruch plastisch werden zu lassen, die gewaltige Differenz zwischen heidnischer Antike und christlichem Mittelalter und die Gründe dafür aufzuzeigen. Zweifellos hat die christliche Ideologie eine Mitschuld, vielleicht sogar die Hauptschuld an der Entwicklung. Dass man an manchen Stellen auch Anfragen hätte, tut seinem Buch keinen Abbruch. Bergmeier schreibt engagiert, bezieht Position, will sich bewusst nicht mit dem Standpunkt des neutralen Beobachters begnügen (den es ohnehin nicht gibt), er leidet an der Entwicklung, die er beschreibt. Sein Buch ist spannend, kenntnis- und lehrreich geschrieben. So soll es sein - mehr davon!