David Lurie ist schon in seinem eigenen Leben kein Held, geschweige im dem von jemand anderem. Mit 52 Jahren ist der Protagonist von
Schande am Ende seines beruflichen wie auch seines Liebeslebens angelangt und scheint geradezu absichtlich mit dem Unglück zu flirten. Seit langem Professor für Neuere Philologien am Cape Town University College in Kapstadt, wurde er kürzlich zum Assistenzprofessor für Kommunikation derselben Einrichtung degradiert, die mittlerweile ostentativ in Cape Technical University umbenannt wurde.
Obwohl er seiner neuen Disziplin täglich viele Stunden widmet, findet er deren erste Prämisse, wie sie im "Communications 101"-Handbuch formuliert ist, geradezu absurd: "Die menschliche Gesellschaft hat die Sprache erfunden, damit wir unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Absichten einander mitteilen können." Seiner Ansicht nach -- die er für sich behält -- liegen die Ursprünge der Sprache im Gesang, die Ursprünge des Gesangs wiederum in der Notwendigkeit, die übergroße und ziemlich leere menschliche Seele mit Klang zu erfüllen.
David, der bereits zweimal geschieden ist und dessen äußerliche Anziehungskraft nachläßt, verführt auf ziemlich unbarmherzige Weise eine seiner Studentinnen; sein unschickliches Verhalten wird bald aufgedeckt. In seinem achten Roman wäre J.M. Coetzee vielleicht damit zufrieden gewesen, eine tiefgründige akademische Satire zu schreiben. Aber in Schande hat er sich weitaus mehr vorgenommen, und seine Kunst ist so kompromißlos wie seine Hauptfigur -- allerdings auch unendlich komplexer. Nicht bereit, das Spiel der öffentliche Reue mitzumachen, läßt sich David schließlich feuern -- eine letzte Geste der Verachtung. Nun, denkt er, kann er sich hinsetzen und etwas über Byrons letzte Lebensjahre schreiben -- keine leere, ungelesene Kritik, "Prosa als Meterware" sozusagen, sondern ein Libretto. Zu diesem Zweck reist er in die Ost-Kap-Provinz zur Farm seiner Tochter. Lucy, die Mitte Zwanzig ist, kehrte dem Schick der Stadt den Rücken und lebt nun auf fünf Hektar Land vom Blumen- und Gemüseanbau und einem Hundeasyl. "Nichts könnte einfacher sein", denkt David. In Wirklichkeit könnte nichts schwieriger sein -- oder, jetzt im neuen Südafrika, gefährlicher. Weit davon entfernt, die Zuflucht zu sein, die er gesucht hat, ist in Salem kaum etwas sicher. Gerade als sich David in seine vorübergehende Rolle als Landarbeiter und wenig begeisterter Freiwilliger im Tierheim eingelebt hat, werden er und Lucy von drei schwarzen Männern überfallen. Unfähig, seine Tochter zu beschützen, ist Davids Schande nun komplett. Ihre ist allerdings weitaus größer.
Es gibt in Coetzees schmerzlichem Roman viel mehr zu erkunden, und wenig davon ist tröstlich. Es wäre zu einfach, seinen Titel aufzugreifen und Schande als eine komplizierte Aufarbeitung persönlicher und politischer Schande und Verantwortung zu betrachten. Aber das Anliegen des Autors ist die Geschichte seines Landes, die Brutalitäten und der Verrat. Coetzee setzt sich auch mit der Frage auseinander, wieviel Seele und wieviele Rechte wir Tieren zugestehen. Nach dem Überfall nimmt David seine Rolle im Hundeasyl viel ernster und findet schließlich eine Art Zuhause und ein gewisses Maß an Liebe. In Coetzees The Lives of Animals, vor kurzem in der Schriftenreihe der Princeton University erschienen, erzählt eine alternde Romanschriftstellerin ihren Zuhörern, daß die Frage, die alle Labor- und Zootiere beschäftigt, lautet: "Wo ist mein Zuhause, und wie komme ich dorthin?" Obwohl er im Vergleich zu den ungewollten Tieren, die in seiner Obhut sind, geradezu allmächtig ist, ist David letztendlich genauso gefangen und genauso verloren wie sie.
Schande ist geradezu gewollt einfach. Und doch besitzt es seine ganz eigene magere,herzzerreißende Lyrik, vor allem in den Beschreibungen der ungewollten Tiere. Am Anfang der Geschichte erklärt David seiner Studentin, daß Lyrik den Leser entweder sofort anspricht -- "eine plötzliche Offenbarung und eine plötzliche Reaktion" -- oder überhaupt nicht. Coetzees Buch spricht da anders; seine Schichten und Traurigkeiten wickeln sich endlos ab. --Kerry Fried
Leben wie ein Hund
J.M. Coetzees Roman Schande gehört zu jener Klasse von Büchern, die am Ende kein Leser unerschüttert zuklappen und weglegen kann. So geradlinig, so einfach, so unmissverständlich erscheint Schritt um Schritt, was da erzählt wird und verdichtet sich doch zu einem Albtraum, aus dem sich kein Fluchtweg öffnen will. Wie kann es sein, dass ein so schmerzendes, so schonungsloses und verzweiflungsschweres Buch eine in der ganzen westlichen Welt gefeierte Bestseller-Karriere gemacht hat?
Sicher scheint, dass bei diesem Erfolg keine PR-Maschine mit mächtigem Wind und Getöse am Werk war, und sicher scheint auch, dass Schande nicht zu jenen hochgejubelten Büchern gehört, die eifrig gekauft und eifrig verschenkt, aber kaum wirklich gelesen werden.
Der Erfolg dieses Romans erklärt sich, ganz einfach, zuerst und zuletzt durch seine Stärke, seine Intensität, seine Unwiderstehlichkeit. Er ist eine Wucht. Natürlich war Coetzee, als Schande 1999 zuerst in England erschien, längst ein international anerkannter, von der Kritik für seine (meist sehr sperrig konstruierten) Romane bewunderter und gefeierter Autor: Da war einer, der ohne parteiliche Rhetorik vom Unheil seiner Heimat Südafrika Zeugnis ablegte und dabei immer wieder sozusagen auf Augenhöhe mit seinen bewunderten Vorbildern Kafka und Beckett die eindringlichsten Bilder für die notwendige und vergebliche Mühsal des Daseins überhaupt fand.
All das gilt uneingeschränkt auch für Schande, nur dass sich Coetzee nun von allen kunstfertigen Umständlichkeiten des Erzählens frei gemacht hat und sich ohne Umschweife vom ersten Satz weg dicht an seinen Unglückshelden anschließt; der Nahblick fördert die Identifikation des Lesers, und die Zeitform des Präsens erzeugt größte Unmittelbarkeit, größte Aktualität. Schande geht mit dem zupackenden Realismus eines Kriminalromans zur Sache und entwickelt rasch auch dessen Ereignis-Sog; dass man das Buch so gebannt wie einen Krimi lesen kann, ohne die Kunst wahrzunehmen, die bei aller Unauffälligkeit darin steckt, gehört zu seinen besonderen Kunst-Qualitäten.
Schande ist kein verkappter Ich-Roman. Den feinen Abstand, den der wissende Erzähler seinem Helden gegenüber immer wahrt, mag man seine Ironie nennen: Er weiß ja nur zu gut, wie rasch und tief der Mann fallen wird, der sich (im ersten Satz des Buchs) einiges darauf einbildet, sein Leben recht gut im Griff zu haben. Im Rahmen seines Einkommens, seines Temperaments, seiner emotionalen Möglichkeiten glaubt dieser Mann (den der Erzähler selbst nie mit Namen nennt), glücklich zu sein, ja, er ist sich seines Glücks so sicher, dass er sich (als eines der ersten Zitate in diesem zwecks Selbstvergewisserung mit Zitaten gespickten Text) den Schlusschor aus dem König Ödipus von Sophokles in Erinnerung ruft: Darum preis ich niemals glücklich eines Sterblichen Geschick, Eh den letzten seiner Tage er gesehn hat.
Dieser Mann, von Beruf Literaturprofessor, kann, wenn es um Lyrik geht, verführerisch elegant und brillant sein, doch er ist ein entschieden zu selbstgefälliger und hochmütiger Macho, um sich als Sympathiefigur zu behaupten. Er muss fallen. Das Ödipus-Zitat signalisiert seinen Fall wie eine Fanfare, und die Perfidie des Schicksals besteht, wie es scheint, darin, dass die Lawine, die das ganze sorgsam austarierte bürgerliche Leben dieses Mannes in den Abgrund reißt, durch nicht mehr als einen läppischen Zufall und eine winzige Regelverletzung oder Grenzüberschreitung ausgelöst wird: Er erspäht in einer Menschenmenge die Prostituierte, zu deren Stammkunden er gehört, und er nimmt, statt Abstand zu wahren, aus Neugier ihre Verfolgung auf.
Das ist der Fehltritt am Scheideweg, der den respektierten Universitätslehrer ein für alle Mal aus der vorgezeichneten Lebensbahn wirft. Wenig später sieht er sich des sexuellen Missbrauchs einer Studentin namens Melanie beschuldigt, die leicht seine Tochter sein könnte. Es war, so meint er, keine Vergewaltigung, nicht ganz jedenfalls (aber was sonst?), und vor dem akademischen Disziplinarausschuss, der den Fall untersuchen soll, provoziert der routinierte Verführer seine Kollegen mit Arroganz; er verteidigt sein Menschenrecht (oder doch Männer-Recht) auf sexuelles Begehren, er bekennt sich zu der Affäre und verklärt sie poetisch: Ich war nicht mehr ich selbst. Ich wurde Diener des Eros. Coetzee entfaltet dieses Szenario mit großartig realistischer Schärfe, und alle (wohl dosierte) Sympathie, die dem selbstgerechten Täter dabei doch zufällt, entspringt der noch viel bornierteren Selbstgerechtigkeit seiner Gegner. David Luries Stolz verbietet ihm, sich auf die heuchlerischen Reuerituale einzulassen, mit denen er glimpflich davonkommen könnte; er wählt an diesem Scheideweg Herr seines Schicksals die Entlassung in Schande.
Sie hat in mir ein Feuer entfacht, erklärt er, ein Vierteljahr später, zu seiner Verteidigung in einem kühnen Dialog mit Melanies Vater, und stilisiert sich zum Opfer einer geradezu heiligen Leidenschaft. Lurie zeigt sich unbeugsam, obwohl ihn inzwischen bei dem brutalen Überfall, den drei schwarze Halunken auf die einsame Farm seiner Tochter Lucy verübten ein ganz anderes Feuer versengt und zutiefst erniedrigt hat: Man hat ihn wehrlos gemacht, mit Spiritus übergossen und in Brand gesteckt. Dieser Raubüberfall ist das Verbrechen im Zentrum des Kriminalromans Schande, und sein wahres Ziel war, wie Lucy meint, ihre qualvolle, hassvolle Vergewaltigung.
Nach dieser existenziellen Katastrophe für Vater wie Tochter wird Lucy in ihrer sturen Verschlossenheit zur unergründlichen Rätselfigur im Mittelpunkt: Von Rache will sie nichts hören, und nicht aus Hoffnungslosigkeit, wie es scheint, sondern aus dunkler, irrationaler Überzeugung zeigt sie sich desinteressiert an der Verfolgung der Täter. Als sei ihr recht geschehen, schickt sie sich in ihre Lage, in ihre Realität, in ein Leben wie ein Hund. Im letzten Satz von Kafkas Prozess sind die Worte Wie ein Hund das Letzte, was K. im Augenblick seiner Hinrichtung durch den Kopf geht.
Coetzees Roman Schande ist von der Kritik in Europa wie in den USA sofort in seiner Außerordentlichkeit erkannt worden und hat gewiss bei der Nobelpreis-Entscheidung im Jahr 2003 eine gewichtige Rolle gespielt. Es ist aufs Offensichtlichste ein Roman, der die Zustände im heutigen Südafrika trifft die Kritik hat das betont, und Coetzee (seit je extrem öffentlichkeitsscheu und jeder Selbstinterpretation abgeneigt) scheint ihr in einem Interview zum Erscheinen des Buchs im US-Magazin Newsweek Recht zu geben. Man könne sich vorstellen, sagt er, dass viele weiße Südafrikaner sich in einem Zustand des Schocks befänden: Im tiefsten Grund haben viele noch immer nicht erkannt oder eingesehen, dass das Leben nicht weitergehen kann wie zuvor. Genau deshalb ist der Roman in Südafrika (und nirgends sonst) auch mit Empörung aufgenommen worden, die in einer Parlamentsdebatte gipfelte. Sei es, weil Coetzee die Schwarzen verteufle, oder sei es, weil er den Weißen keine Zukunft mehr zubillige der Protest klang, als wäre Schande eine Schande für das Land.
Coetzee hat dazu (wie zu früheren Angriffen) nie Stellung genommen, doch er hat im Jahr 2002 seiner Heimat den Rücken gekehrt und sich in Australien angesiedelt, wo nun auch sein jüngster Roman Zeitlupe spielt.
Doch Coetzees Diagnose gilt keineswegs nur für Südafrika. Der elende größere Teil der Menschheit lebt von den Idealen, die in der Erklärung der Menschenrechte postuliert wurden, so weit entfernt wie eh und je: Diese verzweifelte Feststellung lässt sich treffen, wo immer in einer multiethnischen Gesellschaft in Südafrika, auf dem Balkan oder in Berlin archaische Ehrbegriffe und aufgeklärtes Rechtsverständnis aufeinander prallen.
Schande ist aber (was die Kritik beim Erscheinen des Buchs kaum zur Kenntnis nahm) auch ein Roman über die Kunst: In Luries Reflexionen über das Scheitern seiner europäisch weichen, beweglichen Sprache an der harten, unnachgiebigen Realität Afrikas und in seinem tagträumerischen Phantasieren über eine Lord-Byron-Oper, die er schreiben möchte, wird deutlich, wie sehr er, der moralische Dinosaurier, sich als Künstler versteht: An seinem Kunst-Traum hält er fest, weil nur die Kunst (im Gegensatz zum wirklichen Leben) Erlösung verheißt.
So bleibt für ihn, auch wenn er sich einen alten Knastbruder nennt, der seine Strafe absitzt, sein Künstlertum, seine Hoffnung, dass irgendwo aus dem Chaos von Klängen eine einzige authentische Note der ewigen Sehnsucht aufsteigen wird, das höchste, uneinnehmbarste Bollwerk seines Stolzes.
Doch zuerst und zuletzt ist Coetzees Schande auch ein Roman über die Hunde. Sie sind als treue, geduldige, leidende Kreaturen allgegenwärtig. Die Hunde, sagt Lucy, ehren uns, indem sie uns wie Götter behandeln, und unsere Reaktion darauf ist, dass wir sie wie Gegenstände behandeln. Am Ende versucht David Lurie so einsam in seiner Schicksalsergebenheit wie seine Tochter Lucy in ihrer ein wenig von diesem Unrecht gutzumachen. Die letzte Station seines Passionswegs zeigt ihn nicht (wie man sich das sentimentalerweise vielleicht wünschen möchte) als Pfleger in einem Sterbehospiz für aidskranke Kinder, sondern als Abdecker in einer Sammelstation für streunende Hunde: Er ist in Trauer wie in Liebe ihr Erlöser, er gibt ihnen den Gnadentod. Mehr, so meint er am Ende wohl, kann man in dieser Welt nicht tun. Darum preis ich niemals glücklich eines Sterblichen Geschick, Eh den letzten seiner Tage er gesehn hat.
Nachwort von Urs Jenny zu Schande. SPIEGEL-Edition Band 14
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.