Natürlich ist es dem zivilisierten Menschen des 21. Jahrhunderts nicht mehr möglich, die Naivität der Naturvölker zurückzugewinnen, um wieder im Einklang mit der Natur zu leben. Betrachtet er nämlich die kulturelle Bedingtheit des Schamanismus, stellt er sich wieder nur als die spirituelle Gestalt einer Zivilisation dar, wenn sie sich auch näher am Geheimnis des Lebens befindet.
Darum geht es dem Autor Kenneth Meadows auch gar nicht. Er bietet keine Alternative an, sondern eine Ergänzung. Er verlangt mit keiner Formulierung den Ausstieg aus der (post-)modernen Kultur, sondern zeigt Möglichkeiten auf, wie die Trennung zwischen dem zivilisierten Menschen und seiner eigenen Natur, wenn nicht aufgehoben, so doch vermindert werden kann. Meadows als reinen Prediger der Umwelt-Esoterik im Fahrwasser der Ökologischen Bewegung und einer falschen Indianer-Romantik aufzufassen, greift zu kurz. Er stellt sich bei der Lektüre als profunder Kenner des weltweiten Schamanismus heraus und ist deutlich daran interessiert, seine Erkenntnisse dem Menschen von heute für heute zu erschließen. Indianische Auffassungen vom Zyklus des Lebens in den Jahreszeiten kommen genauso zur Sprache wie fernöstliche Chi-Lehren. ,Das Buch des Schamanismus' ist ein Anleitungs-Buch für Menschen, die einen neuen Geist des Umgangs mit sich selbst und ihrer Umwelt suchen. Okkulte Lehren und Magie im engeren Sinn sucht man bei Meadows vergeblich, weil es ihm um eine bestimmte Haltung geht, die eine Harmonie zwischen Seele und Körper anstrebt. Alle Praktiken, die er beschreibt, dienen diesem Ziel. Er warnt ausdrücklich vor falsch verstandener Selbstüberschreitung durch Okkultismus und spirituelle Eitelkeit.
Durch einfache Übungen (die er ,Erfahrungen' nennt) führt er den Leser gezielt, aber sanft auf dem Pfad seiner Lehre. Es lohnt sich, das Buch wie ein Arbeitsbuch zu lesen, und sich Zeit zu lassen, um die einzelnen Schritte mit vollziehen zu können.
Ich halte das Buch für einen Glücksfall, weil es umfassend, einfach und bescheiden daherkommt. In seinem Buch ,Das Netz der Kraft' war Meadows noch deutlich indianisch ausgerichtet, doch hier zeigt er die Essenz des Schamanismus in all seinen Facetten. Ihm Oberflächlichkeit vorzuwerfen, weil er nicht im engen, ethnisch vorgegebenen Rahmen bleibt, ist sicher ungerecht. Ich bin froh darüber, dass es dieses Buch gibt. Wer sich wirklich darauf einlässt, wird zu einer neuen Spiritualität finden, die von einer allzu verkopften Spiritualität weg und hin zu einer Versöhnung von Verstand, Geist, Körper und Seele führt. Wer das gar nicht anstrebt, für den lohnt sich das Buch schon wegen der Übungen, die zu einer bewussten Körpererfahrung und mentaler Entspannung führen. Als Start in den Tag und zum Abschluss vor dem Schlaf eignen sich viele der beschriebenen Techniken.
Ich empfehle das Buch uneingeschränkt und hoffe, dass es vielen lesenden Suchern helfen wird.