Für viele Schamanen ist Schamanismus eine Form von Magie, die nur in der Praxis erlernt werden kann. Aber wenn es überhaupt sinnvoll ist, sich theoretisch mit Schamanismus zu beschäftigen, dann ist dieses Buch Basis, Standard und Maßstab.
Denn Mircea Eliade (1907-1986) hat überhaupt als erster das Phänomen des Schamanismus erkannt und als universelle Kulturtechnik beschrieben. Ihm geht es nicht um die farbenreichen Details einzelner Kulturen, sondern um das, was sie alle gemeinsam haben.
Er vergleicht nicht nur die bekannten asiatischen Schamanen und die ebenfalls recht populären indianischen "Medizinmänner" (Eliade selbst hat diesen Fehlbegriff nicht benützt). Er war auch der erste, der das gesamt-indoeuropäische Konzept der Trancetechnik bei den Iraniern, den Griechen, den Germanen, den Slawen und den Kelten entdeckte und beschrieb.
(Ein konkretes Beispiel - nicht aus diesem Buch: Die Idee des Urbaums, auf dem oben der Adler und unten Schlange bzw. Drache nistet, findet sich in alten mesopotamischen Epen, in Visionen aus Amerika und Asien, aber auch im Bild der germanischen Weltesche Yggdrasil. Damit verbunden ist das Bild einer Welt aus drei Ebenen - Überwelt, Menschenwelt, Unterwelt - in die der Schamane reisen kann.)
Mircea Eliade wird von seinen (wenigen) Kritikern vorgeworfen, er habe die beschriebenen Kulturen nicht bereist und daher Vergleiche gezogen, wo große Unterschiede bestanden. Das ist berechtigt. Aber es ist das Standardargument aller bodenständig denkenden Menschen gegenüber den Visionären: es ist das, was die Schlange immer zum Adler sagt.
Um einen Wald zu erkennen, braucht man keinen Geist, der einen einzelnen Baum perfekt studiert. Im Gegenteil: Zu große Nähe verhindert Vergleiche. Nur derjenige, der ausreichend Abstand von den einzelnen Bäumen wahrt, kann sagen: "Ihr wißt das vielleicht nicht, aber ihr seid ein Wald!"
In diesem Sinn: Jeder Mensch ist einzigartig, jeder Schamane ist sein eigener Baum. Aber das Verdienst, den Wald entdeckt zu haben, gehört Mircea Eliade und "Schamanismus und archaische Ekstasetechnik".
Und um mich jetzt wieder der Praxis zuzuwenden: Niemand von uns, denke ich, ist daran interessiert, Stammesschamane eines tungusischen oder ausgestorbenen germanischen Stammes zu sein. Wir wollen ja unseren individuellen Weg gehen. Und für uns moderne Magier war es eine enorme Hilfe, zu wissen, dass wir das verlorene Wissen auch aus mehreren verschiedenen Kulturen rekonstruieren und neukombinieren können, weil es im Grunde auf der ganzen Welt und in allen Menschen zu finden ist.
Ich folge Eliades Theorien seit 20 Jahren und kann sagen, dass meine parapsychologischen Experimente und magische Praxis sie bestätigen: Es gibt eine archaische Ekstasetechnik und es ist sinnvoll, sie Schamanismus zu nennen. Ein größeres Kompliment, finde ich, kann man einem Theoretiker nicht machen.