'Tauchen Sie mit Wolf-Dieter Storl ein in eine Welt der Mythen und Träume, steigen Sie hinab in die Welt der verborgenen Wünsche, der Sehnsüchte, betreten Sie neue Wege, um Ihre Seele zu erfahren und aus der Alltagshektik auszusteigen.'
Mit den obigen Zeilen lässt sich das Buch 'Schamanentum' am besten be- und umschreiben. Im Interview mit Dirk Grosser plaudert Wolf-Dieter Storl einmal mehr aus dem Nähkästchen, erzählt über seine Erfahrungen, seine Sichtweisen. Und das zu unterschiedlichen Themen. 'Schamanentum' ist nicht nur ein Buch über Schamanismus, es ist viel, viel mehr. Es ist ein Ratgeber, ein Wegweiser, ein Augenöffner, ein Märchen- und Mythenbuch. Es geht um Schamanen, Naturgeister und Krafttiere, Heilung, Rituale, unterschiedliche Energien und Magie.
Aber mal der Reihe nach: Was ist dieses Buch zu einem außergewöhnlichen Buch? Es ist in Interviewform geführt, was an sich nichts Außergewöhnliches wäre. Doch genau das und genau das ist es auch, was 'Schamanentum' so überaus lesenswert macht. In seinen vielen Büchern schreibt der Ethnobotaniker über ein bestimmtes Thema, seine eigenen Erfahrungen und Meinungen fließen zwar ein, aber niemals so konzentriert wie in diesem Buch. Hier erzählt Storl über seine Ansichten, seine Wahrheiten.
Warum es den Titel Schamanentum trägt? Beim Schamanismus handele es sich nicht um eine politisch-ideologische Richtung wie Sozialismus oder Darwinismus. Schamanentum sei demnach sprachlich korrekt, erklärt Storl.
Schamanentum hat uralte Wurzeln, wird seit Generationen von verschiedensten Völkern praktiziert. Leider gibt es in der Gegenwart immer mehr selbsternannte Schamanen. Storl hält von diesem heutigen Schamanentum nicht viel.
'Leider ist vieles, was auf dem Schamanismus-Markt angeboten wird, eher seelisches Junk-Food' (S. 27)
Viele Menschen würden die nicht-alltägliche Wirklichkeit einfach nicht mehr wahr nehmen. Die Hellsichtigkeit ist uns abhanden gekommen. Und wenn Leute tatsächlich hellsichtig sind, werden sie weg gesperrt, psychiatrisch behandelt, betont er.
Mit Beginn des zweiten Kapitels geht das Gespräch in Richtung nordische Mythen. Wolf-Dieter Storl erzählt aus dem Stehgreif über die Edda, den Gott Odin und die Totenwelt.
'Odin ist vor allem ein Schamane oder Schamanengott.' (S. 37)
Doch was macht einen Schamanen zum Schamanen, wer kann/darf sich so nennen? 'Er ist ein Meister der Trance, ein Meister der kontrollierten Ausflüge, er hat Kontrolle über das, was geschieht.' (S.54)
Den modernen Schamanen, die gegenwärtig wie Pilze aus dem Boden schießen, kann Storl nicht viel abgewinnen. 'Heutzutage gibt es viele Psychologen, Psychiater und auch Ärzte, die sagen, sie arbeiten schamanisch. Die trommeln ein bisschen und nehmen Bezug auf die Seele. Sie arbeiten mit Visualisierungen, Symbolen und dergleichen, aber sie sind keine Schamanen, auch wenn sie sich Schamanen nennen. .... Bei den Völkern, die das Schamanentum kennen, will niemand freiwillig Schamane werden. Oft werden sie von ihren Geistern regelrecht dazu gezwungen, das heißt, wenn sie sich weigern zu schamanisieren, werden sie von Krankheit und Unglück verfolgt.' (S.59)
Auf jeden Fall muss jemand, der zum Schamanen gemacht wird, eine natürliche Fähigkeit dazu besitzen, betont der Ethnobotaniker. Dann gibt bestimmte Initiationsriten, durch die die jungen Menschen ihre Geister kennen lernen. Er beschreibt auch ganz genau, wie so eine schamanische Initiation aussehen kann: Dass die Initianten zerstückelt, gefressen werden, echte Schmerzen dabei empfinden, verbluten, sterben und zum Schluss wieder zusammen gefügt werden.
Warum den Menschen gegenwärtig das innere Erleben, der Zugang zur Seele fehlt? Storl bringt das auf den Punkt, was Wissenschaftler in zahlreichen Studien heraus gefunden haben. Sie erleben fast keine wilde Natur mehr, die mit den tiefen Schichten der Seele kommuniziert. 'Die Menschen verlieren sich immer mehr in virtuellen Welten, Fernsehen, Internet und Videospielen und so weiter und werden von Institutionen ferngesteuert. Die Seelen verhungern. [...] Die schamanischen Fähigkeiten schlummern ganz tief in der Seele, in der inneren, von der Zivilisation unberührten Wildnis.' (S.67)
Die Anderswelt, sagt Storl, gibt es im Grunde genommen nicht, sondern das ist alles die eigene Welt, von der im Alltag allerdings nur ein kleiner Teil wahr genommen wird. In der Trance geht die Seele oder der Astralleib über die körperlichen Grenzen hinaus. Es gebe viele Möglichkeiten, in diese Trance zu kommen. Eingehend spricht Storl über die Wirkung von Drogen, wann man sie wie und vor allem welche verwenden sollte. Ob sie für jeden geeignet sind, welche es gibt und wie wirken. Und er erzählt auch über andere Methoden, wie Trommeln oder Rasseln, um in Trance zu kommen und in Kontakt mit der Anderswelt zu treten.
Und vor allem: 'Was dem Schamanen begegnet, ist absolut real. Die Götter sind real. Wer dies alles als Projektionen seines eigenen Geistes sieht, der kann kein Schamane sein.' (S.88)
Pflanzen, meint Storl, sind die besten Lehrer. 'Zu ihr sollte man sich setzen, denn sie ist ein Meister wie kein anderer.' (S.90)
Von diesen Grundzügen der Meditation geht es weiter zur Magie ' die für den 68-Jährigen wiederum nichts mit Schamanentum zu tun hat. Magie sei das Zwingen von Kräften, während ein Schamane mit der Natur redet, mit dem natürlichen Fluss der Dinge im Einklang ist. Was von außen als Magie gesehen wird, sei im schamanischen Sinn mehr ein Bitten, zum Beispiel bei einem Regenzauber. Man redet mit dem Wolkengeistern, ersucht sie, gnädig zu sein und Regen zu schicken.
Mit welchen Energien ein Schamane genau arbeitet, beantwortet Wolf-Dieter Storl im nächsten Kapitel: 'Sie reisen zu den Wesen, die dahinter stehen. [...] Mit der Erdenergie, etwa den Kranken in ein Erdloch stecken oder in der Erde buddeln lassen. Mit dem Klangäther, durch Besingen, mit Federn bestreichen, Musik, Trommelrhythmen. Mit dem Lichtäther, etwa durch die Wirkung von Farben. Mit dem Wärmeäther, mit Feuerlaufen oder Schwitzhütten-Zeremonien. Mit Gesang, Bestreichen oder Handauflegen kann der Heiler auf die bloßen Körperenergien, wie auch die Seele wirken.' (S.109)
Der Unterschied zwischen einem Schamanen und einem Arzt ist, dass der Arzt den Befund ansieht und dann etwas dagegen verschreibt. Ein Schamane hingegen sieht dahinter, sieht die Wesenheiten, die krank machen - und entfernt genau diese Wesenheiten.
Von den krankmachenden Wesenheiten geht das Interview weiter zu den Naturgeistern ('Sie sind Energiekörper und Seele, aber haben keinen physischen Leib. Das heißt, man kann sie mit normalen Augen nicht sehen. [...] Sie sind frei von der Physis und können sich frei durch Wände und Gegenstände bewegen. [S.122]) zu den Tieren ('Sie sind inkarnierte Seelen. Tiere haben Gruppengeister. Dieser Gruppengeist kann jede beliebige Gestalt annehmen und vor dem Seelenauge des Schamanen erscheinen. [S.127])
Warum diese Wesenheiten, ja sogar die Krafttiere von den meisten Menschen nicht mehr gesehen werden, liegt Storls Ansicht nach daran, dass die Menschen heute das schamanische Bewusstsein nicht integrieren, es negieren. Und die, die diese Wahrnehmung besitzen, landen zum Teil in der Psychiatrie. Außerdem sei der westliche Mensch darauf getrimmt, permanent zu denken. 'Die Indianer und Naturvölker, die ich kenne, die denken nicht, sie sind leer. Ein leeres Gefäß kann mehr aufnehmen als eines, das randvoll ist.' (S.133)
Natürlich hat der Ethnobotaniker auch einen Tipp für den nach Erleuchtung Suchenden parat: In die Natur hinaus gehen, riechen, fühlen, zuhören, die Musik der Erde in sich aufnehmen ' einfach inne halten!
Ein Krafttier kann dabei helfen, die Welt wieder zu erfahren. Wolf-Dieter Storl ist der Ansicht, dass ein Krafttier seinen Menschen das ganze Leben lang begleitet. Es ist ein Begleiter, ein Verbündeter. Es kann eine Zeit lang in den Hintergrund treten, wie Storl es ausdrückt, aber es verlässt den Menschen niemals. Und man habe auch nicht nur ein Krafttier, sondern viele. Er zählt einige auf, wie Wolf, Bär oder Wildschwein, erklärt deren Mythologie, deren Eigenschaften und Stärken.
Doch sich über die Existenz seines Krafttiers bewusst zu sein, vielleicht sogar mit ihm kommunizieren zu können, macht einen Menschen nicht zum Schamanen. '[...] Der Mensch braucht eine Begabung dazu. Einige haben eben mehr Begabung als andere. Schamanische Rituale sind nicht unbedingt festgelegt, jede Situation erfordert ein anderes Ritual. [...] Wenn der Mensch nicht in seinem göttlichen Wesen, in seinem Mittelpunkt zentriert ist, kann er das Schamanische vergessen.' (S.161)
Und nicht nur 'vergessen': Menschen, die diesen Weg trotzdem gehen, können psychisch krank werden oder in der Astralwelt Dämonen begegnen, warnt Storl.
'Es gibt mittlerweile mehr Schamanen als Patienten', meint er, angesprochen auf die Bücher von Carlos Castaneda (S.182). Durch ihn sei die schamanische Welle erst so richtig ins Rollen gekommen. Michael Harners Methoden hält er für fragwürdig. Er habe das Schamanentum amerikanisiert und 'shamanism light' erfunden. 'Seine Methoden können Spaß machen und das Bewusstsein verändern und bewegen, aber es ist nicht wirkliches Schamanentum.' (S.
Lesen Sie weiter... ›