Der jüdische Gelehrte und Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin wendet sich in diesem Buch gleichermaßen an den Theologen und an den Laien und will eine jüdische Sicht (wohlgemerkt es handelt sich um eine und nicht um die jüdische Sicht) auf die Gestalt Jesu vermitteln. Dabei verwendet er die Ergebnisse der Leben-Jesu-Forschung, aber vor allem schlägt er auch neue Wege zu einer Deutung der Gestalt und Lehre Jesu ein. Die Grundthese ist dabei, dass sozusagen unter der griechischen Decke der Evangelien sich eine hebräische Ur-Überlieferung aufzeigen lässt, denn Jesus und seine Jünger waren Juden. Erst mit Paulus trat das hellenistische Diaspora-Judentum entscheidend in die Bildung des Kerygmas, des christlichen Überlieferungsgutes, ein. Ben-Chorin will Jesus konsequent von den Voraussetzungen seiner damaligen jüdischen Umwelt her verstehen.
Für Ben-Chorin ist Jesus ein Mensch und kein Gott. Er bezeichnet ihn als seinen "jüdischen Bruder": "Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich faßt, damit ich ihm nachfolge. Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit den Wundmalen gezeichnete Hand. Es ist bestimmt keine Göttliche, sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leid eingegraben ist." Die Christen haben dagegen durch die christologischen Dogmen und durch die Vergöttlichung Jesu die Konturen des historischen Jesus, des Menschen Jesus und Juden Jesus oft verdunkelt. Ben-Chorin versucht nun den jüdischen Mann aus Nazareth von der Übermalung der christlichen Ikonologie zu reinigen, indem er Schicht um Schicht, die die Kirchengeschichte hinterlassen hat, abhebt, damit man zum ursprünglichen Antlitz Jesu vordringt. Dabei zeigt sich, dass Jesu voll und ganz in der jüdischen Tradition stand und dass er auch nichts Originelles lehrte. Nach Ben-Chorin kann man Jesus in eine Reihe der zwei großen Schulen des pharisäischen Judentums zur Zeit Jesu stellen: der zwei großen Schulen des Hillel und des Schammai. Während die Schule Hillels der milden Interpretation des Alten Testaments, insbesondere der Gebote des Pentateuch huldigte, ging die Schule Schammais den Weg der schrofferen Interpretation. Jesus interpretiert das Gesetz zuweilen milde wie Hillel und andererseits wieder schroff wie Schammai. Sowohl das Gebot der Nächstenliebe wie die Goldene Regel finden sich in der Thora beziehungsweise bewegen sich in der Tradition Hillels. Überhaupt ist die gesamte Bergpredigt nach Ansicht von Ben-Chorin ein Stück jüdischen Lehrgutes, "das sich organisch in die Tradition des rabbinischen Judentums einfügt, wenngleich bestimmte individuelle Züge des Predigers, nämlich Jesu, sichtbar werden." Auch das "Vater unser" ist ein jüdisches Gebet vom ersten bis zum letzten Wort. Ebenso verhält es sich mit den Gleichnissen Jesu, die Ben-Chorin unmittelbar in den Zusammenhang der Haggada, der Menschalim der zeitgenössischen Tanaiten (jüdische Schriftgelehrte) stellt. Durch diese Parallelen und die Einordnung der Bergpredigt, der Gleichnisse und des Gebets Jesu in das Lehrgut des Judentums werden aber nicht die Bergpredigt und die Gleichnisse als solche relativiert oder gar entwertet. Vielmehr zeigt Ben-Chorin durch diese Parallelen das Gemeinsame das die Christen und Juden verbindet. Außerdem war der Begriff der Originalität in der Antike nicht üblich, vielmehr wollten die antiken Autoren "ausgesprochen nicht originell sein". "So würde die Feststellung, daß die Bergpredigt nichts "Originelles" enthält, Jesus und seinen Zeitgenossen nur als Legitimation erschienen sein", schreibt Ben-Chorin. Ein anderer Anstoß für gläubige Christen könnte die Behauptung von Ben-Chorin sein, dass Jesus verheiratet war. Diese Ansicht hat aber nichts mit den Verschwörungstheorien eines Dan Brown oder Michael Baigent zu tun. Ben-Chorin, der in Jesus einen Rabbi sieht und nicht einen Gott-Mensch, leitet diese Ansicht wiederum aus einem kulturgeschichtlichen Zusammenhang, der jüdischen Tradition ab, wonach ein jüdischer Mann verheiratet sein musste: "Ein unverheirateter Rabbi ist kaum denkbar." Wenn wir in den Evangelien nichts davon lesen, so hängt es damit zusammen, das es allgemein üblich war, nichts über die Frauen der Jünger und die Ehefrauen der jüdischen Gesetzeslehrer und Weisen im Talmud zu berichten. Auch die für Christen so wichtige Frage, ob Jesus sich für den Messias, den Menschensohn gehalten hat, beantwortet Ben-Chorin zunächst negativ, gibt aber gleichzeitig eine mögliche Interpretation, wie man das Wort "Menschensohn" neben der dogmatisch-eschatologischen Interpretation verstehen kann: "So bietet sich uns eine dritte Möglichkeit an, indem wir das Wort "Menschensohn" mit der Vulgärform von "Bar-Enosch", mit "Barnasch" identifizieren. Barnasch meint jedermann, irgendwer. Das ist der Mensch schlechthin. Der Mensch, wie du und ich, der in seiner Geringfügigkeit exemplarische Mensch. Als diesen Menschen, der in seiner Menschlichkeit exemplarisch lebt, unbehaust und den Leiden ausgesetzt, hat sich Jesus selbst verstanden. Indem er sich als Menschensohn bezeichnet, steht er nicht als Prophet oder als Messias, sondern als unser Bruder vor uns."
Diese Stelle ist exemplarisch für die ganze Intention dieses Buches, das eine Vermenschlichung Jesu anstrebt. Deshalb ist es das beste und authentischste Jesus-Buch, dass ich bisher gelesen habe. Ben-Chorin verfolgt das Leben Jesu bei seiner historischen Rekonstruktion bis zu seinem grausamen Tod. Die Auferstehung Jesu ist eine Frage des Glaubens und somit für einen jüdischen Gelehrten nicht zu beantworten.