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Schahsades Tochter. Die faszinierende Lebensgeschichte einer Frau im Iran.
 
 
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Schahsades Tochter. Die faszinierende Lebensgeschichte einer Frau im Iran. [Taschenbuch]

Sattareh Farman-Farmaian , Dona Munker , Uta Angerer , Erna Tom
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Mit ihrer packenden Autobiografie offenbart Sattareh Farman-Farmaian einen einmaligen Einblick in die persische Geschichtedes 20. Jahrhunderts. Ihr dramatischer Lebensweg führte sie aus dem Harem einer traditionellen persischen Adelsfamilieüber ein Studium in den USA bis hin zur Vertreibung aus dem Iran nach der Revolution des Ajatollah Chomeini.

Klappentext

Mit ihrer packenden Autobiografie offenbart Sattareh Farman- Farmaian einen einmaligen Einblick in die persische Geschichtedes 20. Jahrhunderts. Ihr dramatischer Lebensweg führte sie aus dem Harem einer traditionellen persischen Adelsfamilieüber ein Studium in den USA bis hin zur Vertreibung aus dem Iran nach der Revolution des Ajatollah Chomeini.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"Einleitung
Ich lebe nun seit mehr als einem Jahrzehnt im Exil. Als ich in die Vereinigten Staaten kam, wurde ich von meinen amerikanischen Freunden mit Fragen bestürmt und von verschiedenen Gruppen und Organisationen gebeten, über die Ereignisse zu sprechen, die mein Land erschüttert hatten. Viele junge Iraner aus meiner Familie und auch andere, die nicht mit mir verwandt waren, sprachen mich an und sagten:"Bitte, setz dich zu uns und erzähl uns, was passiert ist. Warum sind wir hier? Warum können wir nicht in unserer Heimat leben?"Dieses Buch ist meine Antwort auf solche Fragen. Mein Bericht über die weite Reise, die mein Land und ich unternahmen, als wir hineinstolperten in die moderne Welt, beginnt in einer Zeit, als mein bewundernswerter Vater Schahsade noch lebte. Er besaß durch seine hohe Geburt Macht und Privilegien, aber erst seine Tatkraft und Weitsicht machten ihn zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit seiner Zeit. Mit seiner fortschrittlichen Haltung hat er mein ganzes Leben geprägt. Wenn meine Erinnerungen zu einem besseren Verständnis zwischen meinen westlichen und meinen iranischen Freunden beitragen können, indem sie ihnen bewusst machen, wie wertvoll die reiche Vielfalt der menschlichen Kulturen ist, dann ist mir, glaube ich, etwas Wertvolles geglückt.
Was ich hier erzähle, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die historischen Fakten über die Geschichte meines Landes haben Berufenere vor mir bereits dokumentiert, und ich biete auch nicht den objektiven Bericht eines Experten oder Journalisten. Dieses Buch enthält nicht mehr als die ganz persönlichen Erinnerungen einer Iranerin meiner Generation."

Auszug aus Schahsades Tochter von Sattareh Farman-Farmaian, Dona Munker. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Einleitung
Ich lebe nun seit mehr als einem Jahrzehnt im Exil. Als ich in die Vereinigten Staaten kam, wurde ich von meinen amerikanischen Freunden mit Fragen bestürmt und von verschiedenen Gruppen und Organisationen gebeten, über die Ereignisse zu sprechen, die mein Land erschüttert hatten. Viele junge Iraner aus meiner Familie und auch andere, die nicht mit mir verwandt waren, sprachen mich an und sagten: »Bitte, setz dich zu uns und erzähl uns, was passiert ist. Warum sind wir hier? Warum können wir nicht in unserer Heimat leben?«
Dieses Buch ist meine Antwort auf solche Fragen. Mein Bericht über die weite Reise, die mein Land und ich unternahmen, als wir hineinstolperten in die moderne Welt, beginnt in einer Zeit, als mein bewundernswerter Vater Schahsade noch lebte. Er besaß durch seine hohe Geburt Macht und Privilegien, aber erst seine Tatkraft und Weitsicht machten ihn zu einer außergewöhnlichen Persönlichkeit seiner Zeit. Mit seiner fortschrittlichen Haltung hat er mein ganzes Leben geprägt. Wenn meine Erinnerungen zu einem besseren Verständnis zwischen meinen westlichen und meinen iranischen Freunden beitragen können, indem sie ihnen bewusst machen, wie wertvoll die reiche Vielfalt der menschlichen Kulturen ist, dann ist mir, glaube ich, etwas Wertvolles geglückt.
Was ich hier erzähle, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die historischen Fakten über die Geschichte meines Landes haben Berufenere vor mir bereits dokumentiert, und ich biete auch nicht den objektiven Bericht eines Experten oder Journalisten. Dieses Buch enthält nicht mehr als die ganz persönlichen Erinnerungen einer Iranerin meiner Generation.
Seit ich denken kann, waren mir Taten stets wichtiger als Worte. Aber jetzt bleiben nur noch Worte. Ich widme daher diese Geschichte und diese Worte meiner Tochter Mitra, meinen Enkeln Kayvon und Juni und all den jungen Iranern, die wie sie im Ausland leben und ihre Eltern fragen: »Was habt ihr falsch gemacht, weil wir jetzt im Exil leben müssen und nicht in unsere Heimat zurückkehren können?« Was die Gegenwart angeht, waren es die Fehler meiner Generation, die diesen jungen Leuten ihr persisches Erbe geraubt haben. Sie sollen erfahren, was ich persönlich glaube, was wir falsch gemacht haben. Und sie sollen erfahren, woran ich mich noch erinnern kann.
Ich danke Joan Polevsky, Elizabeth Dawson, Morgan Walters und Jim Jordan herzlich dafür, dass sie mir zu diesem Unternehmen Mut gemacht haben.
Sattareh Farman-Farmaian 1992

IN SCHAHSADES REICH
Brot und Salz

Ich möchte in den Iran reisen, um meinen viel gepriesenen Vater zu sehen.
FERDOUSI, Das Buch der Könige

Wenn die Erinnerungen mich quälen, fällt mir zuallererst mein Vater ein. Er war schon über sechzig Jahre alt, als ich zur Welt kam, und ich kannte ihn nur als alten Mann – ein unerschrockener, alternder Löwe aus einer gestürzten Dynastie, gebeugt von den Leiden und Gebrechen seiner vielen Lebensjahre. Aber in der Welt, in der ich lebte, war er der unangefochtene Herrscher.
Geboren wurde ich in der vom Duft der Rosen erfüllten Stadt Schiras, der Hauptstadt jener alten Provinz Fars, die einst die Wiege des persischen Reiches gewesen war, einer Stadt, die berühmt ist für ihre Gärten, ihren Wein und ihre Dichter. Mein Vater, der dem Land sein Leben lang als Gouverneur und Militärkommandant diente, war während des Ersten Weltkrieges als Statthalter in diese Provinz geschickt worden. Ich war das fünfzehnte seiner sechsunddreißig Kinder und das dritte Kind meiner Mutter Masume, seiner dritten Ehefrau.
Zur Zeit meiner Geburt regierte im Iran noch die Qadscharen-Dynastie. Mein Vater, in politischer Hinsicht gemäßigt und ein eifriger Verfechter der neuen iranischen Verfassung, war nicht nur durch Blutsverwandtschaft, sondern auch durch Heirat mit dem Thron verbunden, denn seine erste Frau war eine Qadscharen-Prinzessin gewesen.
Auch im Alter sah er noch beinahe so aus wie als junger Mann: stattlich, männlich, gebieterisch und energisch. Er hatte ein ausdrucksvolles Kinn, einen dichten, weißen Schnurrbart und Augen, so durchdringend wie Falkenaugen und von hellem Grün, für einen Iraner eine sehr ungewöhnliche Augenfarbe. In der ganzen riesigen Familie des Herrschers war er einer der wohlhabendsten und mächtigsten Männer. Obwohl er nicht groß gewachsen war, zeigte er bis zum Ende seiner Tage die stolze Haltung eines Generals aus kaiserlichem Hause.
Meine Mutter war nicht von hoher Geburt, sondern stammte aus einer einfachen, frommen Familie aus der zentraliranischen Stadt Tafresch, die westlich der heiligen Stadt Qom am Rande der Wüste liegt. Sie wurde als erste Tochter des Haushofmeisters meines Vaters, meines liebevollen Großvaters, den wir Aghadschun nannten, kurz vor der Verfassungsrevolution und dem darauf folgenden schrecklichen Bürgerkrieg in Teheran geboren. Für meinen Vater war die Ehe mit ihr die dritte von den acht Ehen, die er im Laufe seines langen Lebens geschlossen hatte. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges begab sich meine Mutter zu ihm nach Schiras, wo er Provinzgouverneur war und ich zwei Jahre später zur Welt kam.
Aber ich wuchs nicht in Schiras auf, sondern in Teheran, denn kurz bevor ich geboren wurde, stürzte im Februar 1921 die Qadscharen-Dynastie durch einen von den Briten unterstützten Staatsstreich. Dieser Putsch brachte Resa Chan an die Macht, der sich später Resa Pahlawi nannte. (Nach persischer Zeitrechnung fand der Umsturz, der die Herrschaft der Pahlawi-Dynastie zur Folge hatte, nicht 1921, sondern im Jahr 1299 statt.) Zu seinem Unglück hatte mein Vater zu dem Zeitpunkt, als die Truppen Resa Chans in Teheran einmarschierten, gerade seinen Dienst in Schiras beendet und war vor uns in die Hauptstadt zurückgekehrt. Er wurde zusammen mit zwei seiner einflussreichen älteren Söhne verhaftet und ins Gefängnis gesteckt und drei lange Monate mussten unsere Mütter um das Schicksal ihres Ehemannes und um ihr eigenes bangen. Erst als Resa Chan sich zum Kriegsminister erklärt und dafür gesorgt hatte, dass niemand mehr stark genug war, sich ihm zu widersetzen, wurden mein Vater und seine Söhne freigelassen.
Da mein Vater genau wusste, dass Resa Chans Milde nur anhalten würde, solange er und seine Familie dem neuen Herrscher keine Schwierigkeiten machten, ordnete er den Rücktransport seines Harems in die Hauptstadt an und brachte seine jüngeren Frauen und uns Kinder in einem großzügigen Gebäudekomplex an der Chiaban-e Sepah unter. In diesem Stadtviertel, das die Gärten des Schahs genannt wurde, wohnten schon immer Minister, Diplomaten, Generäle und andere hohe Hofbeamte aus der Qadscharen-Dynastie. Von diesem neuen Palast aus, von dem er annahm, dass er der letzte Wohnsitz seines Lebens sein würde, widmete sich mein Vater ganz der Verwaltung der Ländereien und Dörfer, die ihm noch geblieben waren. Daneben kümmerte er sich um die Erziehung und Ausbildung seiner jüngeren Kinder. In diesem Palast verbrachte auch ich meine Kindheit, inmitten von herrlichen grünen Gärten, die wie blühende Teppiche im staubigen Schoß des Elbursgebirges lagen und die von den entthronten Qadscharen angelegt worden waren.

Niemals werde ich das wunderbare Zuhause meiner Kindheit vergessen, denn Paläste wie diesen gibt es im heutigen Iran nicht mehr. Auf diesem Gelände sorgte mein Vater für das Wohlergehen von mehr als tausend Menschen, deren Leben von seiner Gnade abhing: Frauen, Kinder und zahllose Diener, bezahlte Sekretäre, Handwerker und Arbeiter sowie viele treue ältere Gefolgsleute und alte Soldaten, die ihm in der Vergangenheit gedient hatten. Er allein war für den Schutz und die Versorgung all dieser Menschen und ihrer Familien verantwortlich.
Dies wurde immer mehr zu einer schweren Belastung für meinen Vater. Unter der Herrschaft Resa Chans gelangten seine älteren Söhne zwar wieder zu Einfluss und Ansehen, aber der neue Herrscher beschlagnahmte zum eigenen Gebrauch den Besitz von zahlreichen Adligen aus der Qadscharen-Dynastie. Niemand wusste, welche Pläne er mit meinem Vater und dessen Söhnen hatte.
Alle Qadscharen-Familien wussten, dass Resa Schah Pahlawis Geheimpolizei allgegenwärtig war. »Wenn ihr betet«, so wies uns meine Mutter an, »dann müsst ihr Gott immer bitten, dass er Schahsade hundertzehn Jahre alt werden lässt.« Damit wollte sie sagen: Betet, dass euer Vater ewig lebt, denn wenn er stirbt, dann sind wir und all diese Menschen hier nichts mehr wert. Nichts wert sein, das bedeutete, dass man niemanden hatte, von dem man beschützt wurde.
Trotzdem war der Palast meines Vaters für mich auch ein Ort von zauberhafter Schönheit und Ruhe. Den Mittelpunkt des Palastgeländes bildete ein großer, ovaler Park oder Garten, der von Pappeln eingefasst war. Das gesamte Gebiet des Palastes, das sich über etwa achthundert Meter Länge erstreckte, war von einer drei Meter hohen Mauer umgeben. Zur Chiaban-e Sepah öffnete sich ein eisenbeschlagenes Holztor, das von uniformierten Posten bewacht wurde. Innerhalb der Mauer befanden sich das Haus meines Vaters und an dem kiesbestreuten Fahrweg um den Park, wie Steine an einer riesigen Halskette aufgereiht, die ummauerten Wohnbereiche seiner jüngeren Frauen. Direkt am Weg standen auch die Lagerhäuser, eine Zimmerei und sogar eine Garage. Der dunkelblaue Essex Sedan meines Vaters war eines von den wenigen Autos im Land. Es gab noch eine Schmiede, eine Molkerei, ein Badehaus, ein Gewächshaus und eine große Küche, in der jeden Tag das Essen für meinen Vater, seine Angestellten und seine Diener zubereitet wurde. Sein persischer Chefkoch überwachte die tägliche Zubereitung von Teigwaren, Gebäck und französischen Delikatessen, die für meinen Vater und seine persischen oder ausländischen Gäste bestimmt waren.
Die Wohnbereiche, in denen wir und unsere Mütter lebten, hießen ganz allgemein andarun, womit der »innere« Bereich oder auch Harem gemeint war; alles andere, einschließlich des Parks und der anderen Gebäude, nannte man biruni. In diesem »äußeren« oder öffentlichen Bereich lebte mein Vater, und hier war zugleich das Reich der Männer. Hier spiegelte sich die Welt außerhalb des Palastes wider, die ebenfalls ein Reich der Männer war.
Am nördlichsten Ende des großen Parks im biruni lag ein blau glitzerndes Wasserbecken, das mit hellen persischblauen Kacheln eingefasst war und in dem während der langen heißen Jahreszeit eine Fontäne plätscherte. Daneben erstreckten sich Blumenbeete voller Rosen und Narzissen, die in ornamentartigen Mustern angepflanzt waren. Dort ging mein Vater in seiner erzwungenen Untätigkeit oft spazieren. Zuweilen plauderte er mit alten Freunden aus Politik und Diplomatie und mit Kameraden aus dem Militär oder er trank im Schatten von Pinien, Zypressen, Pappeln und alten Platanen seinen Tee.
Nur vier von den acht Frauen, die mein Vater im Laufe seines langen Lebens geheiratet hatte, lebten mit uns im Palast: Neben meiner Mutter gab es noch Batul und Fateme, die mein Vater etwa um die gleiche Zeit geheiratet hatte wie meine Mutter und die auf der anderen Seite des Parks direkt gegenüber lebten. Um 1928 kam noch Hamdam dazu, die wir nicht oft sahen, weil sie am entgegengesetzten Ende des Parks wohnte. Die zweite Ehefrau meines Vaters, Tochter eines kurdischen Stammeshäuptlings, war schon vor langer Zeit gestorben, aber seine erste Frau, die Qadscharen-Prinzessin Essatdoule, die sehr viel älter war als die anderen, hatte einen eigenen Palast gleich neben unserem, wo sie zusammen mit vier von ihren erwachsenen Söhnen lebte. Zwei weitere Frauen, die mein Vater noch später im Leben geheiratet hatte, wohnten in eigenen Häusern anderswo in der Stadt. Die Frauen im Palast kümmerten sich um die Kinder der anderen Ehefrauen wie um ihre eigenen, und Batul und Fateme waren die besten Freundinnen meiner Mutter. Auch Prinzessin Essatdoule und ihre Söhne gehörten für uns zur Familie. Die Prinzessin mochte meine freundliche und einfühlsame Mutter sehr gern, und die beiden besuchten einander oft. Da Essatdoule schon lange von meinem Vater getrennt lebte, brauchte sie in ihrer Einsamkeit oft die Trost bringende Anwesenheit meiner Mutter.
Mein Vater erlaubte unseren Müttern nur selten, den Palast zu verlassen, was auch so gut wie nie nötig war. Sowohl der biruni als auch der andarun waren Orte ständiger Aktivität. Den ganzen Tag ratterten Kutschen den Kiesweg entlang und brachten Besucherinnen unserer Mütter oder persische und ausländische Gäste oder Geschäftsfreunde meines Vaters. Männliche Bedienstete liefen hin und her, um Botschaften von meinem Vater in die Wohnbereiche seiner Ehefrauen oder von einer Frau zur anderen zu tragen oder Körbe mit Kohlen und Feuerholz herbeizuschleppen. Oft trieben sie Esel vor sich her, die mit Ziegeln für Reparaturen der Häuser und Höfe beladen waren oder mit Stoffballen für die Ehefrauen, die aus diesen die Kleider für uns und ihre Bediensteten nähten. Mein Vater hatte ihnen zu diesem Zweck Singer-Nähmaschinen gekauft. In ihren ummauerten Wohnbereichen, die streng bewacht wurden und zu denen Männer, abgesehen von engen Verwandten, keinen Zutritt hatten, herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Die Dienerinnen trugen hübsch bestickte Mieder, eng anliegende Hosen, weit schwingende Röcke und blumige Kopftücher oder farbenfrohe tschadors (ein tschador ist ein Schleier, der den ganzen Körper umhüllt). Sie brachten Bettzeug oder Vorräte in die Lagerräume oder holten etwas von dort, bereiteten in den Küchen im Innenhof die Mahlzeiten zu, wuschen die Kleider draußen in gemauerten Becken und legten Kurkumawurzeln und andere Kräuter und Gewürze zum Trocknen aus.
So hat sich das Bild von einer lebhaften, beinahe ganz eigenständigen Welt hinter der Mauer in mein Herz eingegraben. Jeder fühlte sich mit jedem verbunden, denn in unserem kleinen Universum umfasste der Begriff »Familie« nicht nur unseren Vater, die Mütter, Brüder, Schwestern und andere Verwandte, die in und um den Palast herum lebten, sondern auch alle anderen Menschen innerhalb dieser Mauern: Kinderfrauen, lales (die männlichen Diener), Köche, Waschleute, Träger, Verwalter, Sekretäre, verschiedene Handwerker, pensionierte Soldaten und alle anderen, die mein Vater unterhielt.
Da ich unter den zahlreichen Nachkommen meines Vaters in meiner Altersgruppe das einzige Mädchen war, hatte ich keine Spielgefährtinnen. Vom ersten Augenblick an war ich voller Energie und obwohl meine streng religiöse Mutter sehr strikte Ansichten über das Benehmen von Mädchen hatte, war sie doch auch ein praktisch denkender Mensch. Damit ich nicht ohne Spielgefährten aufwachsen musste und ihr nicht ständig am Rockzipfel hing, beschloss sie, mich aus dem andarun herauszulassen, damit ich mit meinen jüngeren Brüdern und Halbbrüdern und den Söhnen der Diener im biruni spielen konnte. Das geschah allerdings unter dem wachsamen Auge meines lale Maschdi, der für das Pförtnerhaus meiner Mutter zuständig war.
Meine Mutter besiegelte mein zeitweiliges Schicksal als Junge auch noch dadurch, dass sie mir eine gelbe Filzhose nähte. Ständig war ich draußen, wo ich zusammen mit meinem nächstjüngeren Halbbruder Abol eine kleine Bande von Raufbolden anführte, mit aller Autorität, die einer älteren Schwester zur Verfügung steht. Ich brachte meine Brüder dazu, hinter mir her in die höchsten Äste der Platanen zu klettern, oder forderte sie zu Klettertouren an den Säulen der Häuser auf, wobei ich immer Wert darauf legte, schneller und tapferer zu sein als sie. Meine strenge Mutter versohlte mich immer wieder, wenn ich mit aufgeschlagenen Knien oder Ellbogen und zerrissenen Hosen nach Hause kam. Dass ich stets die Zähne zusammenbiss und die Tränen zurückhielt, machte sie nur noch wütender.
Meine Willensstärke ließ sie verzweifeln, denn persische Töchter haben demütig und zurückhaltend zu sein, und in meiner kantigen Art passte ich überhaupt nicht in ihre weiche, runde Vorstellung von dem, wie ein richtiges Mädchen zu sein hat. Aber ich hielt mich nicht für besser oder schlechter als meine Brüder. Außerdem hatte ich jeden Tag das beste Beispiel für einen starken und entschiedenen Willen vor Augen. Bei meinen häufigen Spielen im biruni konnte ich zum höher gelegenen nördlichen Teil des Palastgrundes hinüberschauen, wo sich über dem Wasserbassin ein großes, braunes Ziegelgebäude mit einem Säulenvorbau erhob – ein imposantes Haus, das alle anderen überragte: das Haus meines Vaters, des Schahsade.
So nannte ihn jeder und als Kind glaubte ich, das sei sein Name. Aber sein Geburtsname war Abdol Hossein. Schahsade ist ein Titel und bedeutet »Sohn des Königs« oder »Prinz«. Vor dem Sturz der Qadscharen hieß mein Vater mit vollem Namen einschließlich aller Titel Abdol Hossein Mirsa Schahsade Hasrat Aqdas Vala Farman-Farma. Das bedeutet etwa: »Seine Hoheit, Prinz Abdol Hossein, der Berühmte und Erhabene, der größte aller Kommandanten«. Als Resa Schah in seinem Bemühen, den Iran in eine moderne, westliche Nation zu verwandeln, anordnete, dass jeder Iraner sich nach westlicher Art einen Nachnamen zulegen musste, beschloss mein Vater, den letzten seiner Titel als Nachnamen zu ver­wenden. Er nannte sich daraufhin Abdol Hossein Mirsa Farman-Farma und die übrige Familie erhielt den Namen »Farman-Farmaian«, was »zum größten aller Kommandanten gehörend« heißt.

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