Eins vorweg zur Beachtung:
Ich bin kein Schach-Profi, ich beurteile das Buch aus der Sicht eines engagierten Schach-Laien. Je nach '"Vorbildung" mag ein Urteil der Qualität des Buches unterschiedlich ausfallen.
Warum ich das Buch gekauft habe:
Um nicht angesichts von hunderten von Eröffnungsvarianten den Überblick zu verlieren und letztlich nicht zu wissen wo anfangen mit auswendig lernen und wo aufhören, wollte ich mich bewußt von einem Insider an der Hand nehmen und klug führen lassen.
Diese Entscheidung war meiner Ansicht nach im Prinzip richtig.
Zielgruppe und Materialauswahl:
Im Vergleich zu anderen Werken bzw. ganzen Buchreihen zum Thema Schacheröffnungen, kann das relative kleine Bändchen mit seinen 223 Seiten nicht wirklich '"Ein umfassender Ratgeber" sein, wie es auf dem Buchdeckel steht. Jeder realistische Leser wird das auch gar nicht erwarten, weshalb dieser Werbespruch deplaziert ist. Das Buch erfüllt auch so seinen Zeck. Der Verfasser hat sich wohltuend bezüglich der Anzahl der dargestellten Eröffnungen beschränkt und gibt so dem Anfänger zum einen das Gefühl, dass das schier unerschöpfliche Thema durchaus zu bewältigen ist und zum anderen, dass er mit dem Inhalt des Buches so ziemlich für jede Eventualität in der Eröffnungsphase gerüstet ist - relativ gesehen (s.o.). Dies motiviert, mit diesem Buch zu arbeiten und andere dickere Schwarten (vorerst) zu ignorieren.
Verständlichkeit:
Der naturgemäß relative trockene Text liest sich grundsätzlich flüssig. Die Erläuterung zu den Zügen sind gut verständlich und auf den Punkt. Die grundlegenden Ziele der Varianten werden genannt. Der Verfasser geht auch öfters darauf ein, welche Züge '"früher" als empfehlenswert galten und was statt dessen heute Stand des Wissens ist. Dies bietet einen nicht uninteressanten Einblick in die Entwicklung des Schachwissens und verstärkt das Schachverständnis.
Darstellung und Aufbereitung des Wissens:
Hier haben der Verfasser bzw. seine Ratgeber kein Meisterwerk vollbracht.
Insbesondere am Anfang eines Eröffnungskapitels aber auch wiederholt innerhalb einer Abhandlung will der Verfasser eine Menge an Informationen über Varianten und Abspiele auf verschiedenen Zugebenen weitergeben. Leider tut er das viel zu selten mittels einer visuell eingängigen Unterstruktur oder in Unterkapiteln, sondern meist in einem Endlossatz im Fließtext und durch Verwendung von Klammerschachtelungen, so wie man in der Mathematik Terme mit Klammern zusammenfaßt. Auf diese Weise verliert der Leser regelmäßig(!) den Überblick darüber, auf welcher Klammerebene - d.h. innerhalb welchen Abspiels - er sich gerade befindet und es fällt dem Ungeübten sehr schwer, die jeweils zusammengehörige Zugfolge als Einheit zu erfassen. Man muß erst die Klammern wie bei einer mathematischen Formel auflösen, bis man die einzelnen Zugfolgen voneinander trennen kann. Ein Profi mag damit zu Recht kommen, ein Anfänger benötigt mehr Hilfe, das Material zu strukturieren.
Ein paarmal kündigt der Verfasser auch etwas an, was dann gar nicht kommt: Z.B. im Abschnitt '"Halbslawisch" auf Seite 138 gibt es ein Kapitel '"5. Lg5 und Botwinnik-Variante". Irritierenderweise wird auf den folgenden zwei Buchseiten, die zu diesem Kapitel gehören, weder eine andere Variante ab dem fünften Zug als das angekündigte 5.Lg5 besprochen, noch taucht der Begriff '"Botwinnik-Variante" irgendwo im Text nochmal auf. Das läßt den Leser ziemlich ratlos zurück.
Leider ist für die Orientierung in der Masse des Materials auch der '"Index der Varianten" am Ende des Buches keine große Hilfe. Weder Einrückungen noch unterschiedliche Schrifttypen noch der systematische Einsatz von Fett- und Magerschrift helfen dem Leser, sich zu orientieren, welche Variante ab welchem Zug wo abgehandelt wird. Das Auge sucht vergebens nach optischen Orientierungspunkten im Einheitsbrei von Zahlen und Buchstaben. Eine Variante gezielt zu suchen bzw. zu finden macht Mühe.
Fazit:
Preis/Leistung gerade so OK, eine klarere Strukturierung des Materials könnte das Buch zum Renner machen.