"Schach von Wuthenow" ist wahrscheinlich kein idealer Einstieg zu Fontanes Werk. Aber wer seinen Fontane kennt und mag wegen seiner feinen leisen Töne, wegen seiner Abneigung gegen das vordergründige plakative Herumlamentieren; wer den feinen Sinn für Humor liebt, für den dürfte "Schach von Wuthenow" nicht der schlechteste Zeitvertreib sein. Man muss sich freilich Zeit nehmen für den scheinbar kurzen Roman.
Die Vordergrund-Handlung ist schnell erzählt: In der epochalen Epoche kurz vor der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt 1806 tritt eben jener Herr von Schach in ein pikantes Fettnäpfchen. Eher versehentlich durch eines seiner vielen Liebesabenteuer bringt er, ein gutaussehender Rittmeister von eher mäßigem Verstand und recht gut entwickeltem Verantwortungsbewusstsein, die durch Pockennarben entstellte Victoire von Carayon in andere, sprich: hochnotpeinliche Umstände. Zwar wäre das Fräulein einigermaßen standesgemäß und brächte auch ein willkommenes Vermögen mit in die Ehe, aber Herr von Schach scheut feste Verbindungen und erstrecht die nunmehr unvermeidliche Hochzeit auf beinahe paranoide Art. Seine hochgesteckten Zukunftspläne glaubt er zunichte, er sieht sich schon als trotteligen Gutsherr von Wuthenow. Außerdem spielen auch Standesdünkel und drohender Spott der Gesellschaft keine geringe Rolle für das, was nun folgen wird. Einerseits kann er sich nicht mehr herauswinden, aber das Herkömmlich-Anstandsgemäße taugt ihm ebenso wenig. Eine meisterhaft erzählte Zwickmühle also, deren Ausgang dem Leser bald klar sein dürfte. Aber die Dekorationen und Details, die der Romanarchitekt Fontane hier überall einbaut, die haben es in sich -- obwohl beziehungsweise weil man im ersten Moment viele von ihnen leicht übersieht.
Die Romanhandlung pirscht sich zunächst langsam, aber unaufhaltsam in immer enger werdenden Kreisen auf Mutter und Tochter Carayon zu, und die Charaktere der beiden Damen sind grundverschieden (hie bodenständiger Realismus, hie Romantik), aber wenn's drauf ankommt, hat jede der beiden mehr Courage als alle anderen.
Zunächst jedoch muss der tempogewohnte Leser des 21. Jahrhunderts einen Gang runterschalten, denn der große Knall kommt aus heiterem Himmel, nachdem sich die Romanhandlung bereits sieben Kapitel lang auf allerlei Schleichwegen herangepirscht hat; sprich: nachdem in der ersten Hälfte des Romans scheinbar nichts Wichtiges geschehen ist. "scheinbar", wie gesagt. Genaues Lesen lohnt sich... Aber auch der wiefste Leser wird in Kapitel 8 aufschrecken, zusammen mit Fräulein Victoire von Carayon.
Doch wieso ist diese allmähliche Pirsch in der ersten Romanhälfte so spannend, und wieso versteht man die zweite Hälfte ohne sie nur bedingt? -- Nu, der ausgefuchste Beginn besteht hauptsächlich aus Unterhaltungen der verschiedenen Haupt- und Nebenfiguren des Romans, und der Leser wird zu deren heimlichem Lauscher und bekommt mit, wie sie sich mit all ihren Stärken und Schwächen präsentieren, wie sie über An- und vor allem gerade Abwesende herziehen. Helden und Idealfiguren gibt's keine, dafür kann man hier höchst wirklichkeitsnahe Charakterstudien betreiben. Und das beste dabei: Fontane kommentiert nirgends, blinzelt aber doch -- etwa, indem er ein Zitat an unterschiedlichen Anlassen von verschiedenen Figuren aussprechen lässt und es damit elegant relativiert. All diese Dialoge sind nämlich nicht so harmlos, wie deren Teilnehmer glauben -- erstens wegen der mitgelieferten Charakterstudien, zweitens wegen der klammheimlich mitgelieferten Parallelen und, und drittens wegen vieler en passant mitgeteilten historisch belegten Anekdoten vom Feinsten. Hinzu kommt, dass Fontane obendrein einen brillanten Stil mitliefert, samt seinen Schibboleths (ich sag nur: "trotzdem", wo der erboste heutige Deutschlehrer unerbittlich "obwohl" korrigiert, oder "in Front" statt "vor" -- der langjährige Englandaufenthalt lässt grüßen). Kleinigkeiten wirken hier, wo ein schlechterer Autor zu den üblichen Formulierungen gegriffen hätte. Diese vornehme stilistische Zurückhaltung bedeutet freilich nicht, dass Fontane hier keine Spitzen losließe, mal deutlich erkennbar, mal helinge: "Im Geiste seh' ich vielmehr immer neue Multiplikationen, und das Erblühen einer Ordensflora mit vierundzwanzig Klassen wie das Linnésche System." Dass Orden, genau gesehen, billige Klunker sind, stellen die Hochherrschaftlichen fest, was das Streben nach ihnen freilich nicht einschränkt...
Außerdem ist "Schach von Wuthenow" auch ein historischer Roman; im Zentrum steht ein preußisches pikantes Skandälchen von 1815, den Fontane in die spannungsgeladenen Monate kurz vor der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806 zurückdatiert. Erschienen ist der Roman erstmals 1882/83, im vor Selbstbewusstsein schier platzenden Wilhelminischen Kaiserreich. Da wär's ein Wunder gewesen, wenn ausgerechnet Fontane nicht im damals umschwärmten Genre noch eine saftige Ladung Zeitkritik versteckt hätte -- und tatsächlich: Fontane enttäuscht auch diese Erwartung nicht. Dass er auch die nebensächlichsten historischen Details zuvor akribisch genau recherchiert hatte, dass er hier wieder einmal differenzierte Charakterisierungen zahlreicher historischer Personen lässig als literarische Dreingabe mitliefert -- klar doch! Auch darüber findet man viel im Anhang in den verschiedenen Kommentar-Kategorien. Freilich, wer hier einen action-beladenen Thriller erwartet, der wird enttäuscht sein. Grelle Sensationen sind nicht Fontanes Metier, obwohl ihm das Preußen anno 1805/06 reichlich historisch belegte Steilvorlagen geliefert hat. Aber die baut er auf seine Weise ein: Ein anno dunnemals Furore machendes Drama über Martin Luther und seine Gattin Katharina von Bora sowie eine bööööse Parodie darauf seitens einiger Mitglieder aus dem Berliner Garderegiment Gensdarmes beispielsweise fallen sofort auf, aber wie Fontane die Charaktere seiner historischen Romanfiguren und viele Szenen klammheimlich aus x verschiedenen Perspektiven vorführt, wie er gerade Vorgeführtes ein, zwei Kapitel danach in einem erzählten Spiegel zeigt und in Frage stellt, wie er sich beispielsweise weigert, einen eigentlich sympathischen und dann wieder eitlen Heiratszauderer als plumpen Drückeberger zu präsentieren -- das ist vom Feinsten. Oder das schrägschrille Tantchen Marguerite inclusive altehrwürdigem Berlinerisch und Fettnäpfchen-Treffsicherheit -- viele billige Autoren hätten mit ihr billigen Klamauk losgetreten, aber Fontane lässt sie viel dezenter -- und damit viel intensiver -- wirken
Freilich: Gerade weil Fontane mit "Schach von Wuthenow" u.a. einen akribisch recherchierten historischen Roman geschrieben hat; auch, weil die Figuren mal hochfeines und dann wieder Berlinerisch gefärbtes Französisch reden (und das Faktotum auf Wuthenow redet sogar astreines Platt); auch, weil zahlreiche Anspielungen auf historische Ereignisse versteckt sind, die man nicht ohne weiteres kennt, geschweige denn erkennt (Ereignisse auf einem bestimmten Kreuzzug, Details zu Beginn der Eidgenossenschaft usw.), die jedoch alle zur doppelbödigen Handlung beitragen, ist der umfangreiche und sehr sorgfältige Anhang (vom Herausgeber Helmuth Nürnberger) kein Luxus. Beziehungsweise: Ohne diesen umfangreichen Anhang entginge dem heutigen Leser einiges, auch wenn der Vordergrund des Romans zeitlos ist.
Nürnbergers Anmerkungen sind vorbildlich, ohne dass sie einem beim Romanlesen stören würden. Obendrein lesen sich einige Teile des knapp hundertseitigen Anhangs interessanter als so mancher Nullachtfuffzehn-Roman: Die Auszüge aus zahlreichen Briefen Fontanes liefern weitere Hintergrundinformation, dito das Kapitelchen "Zur Entstehung", und auch das relativ lange Nachwort taugt mehr als so manch hochgelehrter Vortrag zum Thema. Nürnberger verzichtet hier weitgehend auf Fachvokabular, und auch wegen des guten Stils versteht man diesen abschließenden Kommentar ohne weiteres.
Und jetzt zurück zu dieser Geschichte mit den zwei Immortellenkränzen...