Das ist ja ein ganz tolles Spiel, das tollste Spiel der Welt! Der Philosoph Arthur Schopenhauer schrieb:
"Das Schachspiel überragt alle andern Spiele so weit wie der Chimborasso einen Misthaufen." Die Liste der Berühmtheiten, die am Schachspiel Vergnügen fanden, reicht von Napoleon bis Sherlock Holmes, von Rousseau bis Nabokov, wir wüssten nicht einmal dann alle aufzuzählen, wenn wir hier den Platz dafür hätten.
Die Ursprünge des Schachspiels liegen im Dunkeln. Man nimmt an, dass Vorläufer, verschiedene Arten von "Urschach", im 1. Jahrtausend vor Christus in Indien entstanden; auch in ägyptischen Gräbern dieser Epoche fanden sich Spielbretter mit abwechselnd weißen und schwarzen Feldern und mit Sätzen von verschieden geformten Figuren.
Jedenfalls gelangte das Spiel in der Folge der muslimischen Eroberungskriege von Indien über Persien an die Araber, und diese brachten es nach Europa, als sie im 8. Jahrhundert nach Christus in Spanien einfielen. Als Karl der Große im Jahre 800 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, kannte sein Hof bereits ein Spiel, das sich zwar noch in wichtigen Regeln von dem heutigen unterschied, das aber schon eindeutig als Schach zu identifizieren ist. In der Folge ist die Geschichte des Spieles zunehmend gut dokumentiert. Noch das ganze Mittelalter hindurch waren die arabischen Meister führend. Sie waren die Ersten, die sich Schachprobleme ausdachten und Abhandlungen über das Spiel verfassten. Mit der Renaissance tauchten in Italien und Spanien zum ersten Mal europäische Meisterspieler auf. So ist überliefert, dass in Florenz kurz vor 1300 ein gewisser Bizzecca drei Partien gleichzeitig blind spielte, das heißt ohne Ansicht der Bretter.
Zweihundert Jahre später, während der ersten Blüte der Buchdruckerkunst, erschien in Spanien das erste gedruckte Schachbuch der Welt; der Autor hieß Lucena, und die erste Hälfte seines Buches handelt von der Liebe, die zweite vom Schach. Das erste Schachbuch deutscher Sprache erschien 1616; hinter dem Verfasser "Gustavus Selenus" steckte der damalige Herzog von Braunschweig.
Die moderne Schachgeschichte beginnt mit dem Franzosen Philidor, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Paris wirkte - im Hauptberuf übrigens Musiker. Im Verständnis für das Spiel war er seinen Zeitgenossen um 100 Jahre voraus. 1851, fast drei Generationen nach seinem Tod, fand in London das erste große Schachturnier mit den führenden Meistern aus aller Herren Länder statt.
Seit 1866 hat jeweils ein Spieler den Titel "Weltmeister" inne, und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges werden die Wettkämpfe um die Weltmeisterschaft in regelmäßigen Abständen vom Weltschachbund veranstaltet. In den jüngst vergangenen Jahren hat das Schach, nicht zuletzt durch die Wirkung des Fernsehens, zunehmend den Charakter eines Breitensports angenommen. Und heute, angesichts der sprunghaften Entwicklung mikroelektronischer Technik, stehen wir auch auf der Schwelle zu einem Zeitalter des Computerschachs, in dem die Maschine dem Spieler jeden Stärkegrades eine unschätzbare Hilfe als Sparringspartner oder beim Ausrechnen und Beurteilen von Zugfolgen sein kann. Inzwischen sind die besten Schachcomputer aufgrund ihrer ungeheuren Rechenkraft selbst dem Weltmeister schon ebenbürtig.
Schach heißt auch "das königliche Spiel". Zum einen geht es darum, den gegnerischen König matt zu setzen, zum anderen wurde es früher vor allem an Königs- und Fürstenhöfen gespielt; es ist zugleich anregendes Spiel und anstrengender sportlicher Wettstreit. Dass Schach nicht nur Spiel, sondern auch Sport ist, mag manchen Gewichtheber oder Hürdenläufer zunächst verblüffen: Aber Sport ist ja mehr als das Betätigen von mehr oder weniger eindrucksvollen Muskeln. Der Deutsche Schachbund ist Mitglied im Deutschen Sportbund. Die körperlichen und geistigen Anstrengungen, die ein Schachspieler während einer Turnierpartie aushalten muss, entsprechen nachweislich denen mittelschwerer Sportarten, wie dem Bowling oder Dressurreiten. Mannschaftsmeisterschaften im Schach finden in verschiedenen Spielklassen statt, die nicht nur genauso gestaffelt sind wie im Fußball, sondern auch ebenso bezeichnet werden, von der Kreisklasse bis hinauf zur ersten Bundesliga. Die sprachlichen Gemeinsamkeiten sind damit aber nicht erschöpft: Auch auf dem Schachbrett, wie auf dem Fußballfeld, lässt sich angreifen und verteidigen, spricht man von Stürmen und Decken, von Abseits und Verwandeln...
Schier unglaublich ist, was alles an Möglichkeiten in den harmlos aussehenden Figuren auf ihrem eng umgrenzten Schachbrett steckt. Das Spiel ist im wahrsten Sinne des Wortes unerschöpflich. In einer einzigen Schachpartie gibt es weit mehr Möglichkeiten als Atome im gesamten Weltall. Die Mehrzahl dieser Möglichkeiten ist so unsinnig, dass sie auf dem Schachbrett nie auftauchen wird. Dennoch bleiben so viele sinnvolle Spielfolgen übrig, dass jemand, der sich nur mit Schach beschäftigen würde, 1 Million Jahre alt werden könnte, ohne dass er je zwei ganz gleiche Partien gespielt hätte. Am anschaulichsten wird der Reichtum des Schachspiels aber in der Geschichte von den Weizenkörnern. Ein weiser Mann in Indien hatte das Schach erfunden und seinem König zum Geschenk gemacht. Der war begeistert von der Freude und Zerstreuung, die ihm das Spiel verschaffte, sowie von seinem Wert als Schulung und Probe der strategischen Fähigkeiten seiner Generäle. So ließ er den Weisen kommen und forderte ihn auf, ihm einen Wunsch zu nennen; was immer es sei, er werde es ihm gewähren. (Man merkt, es war ein mächtiger König!)
Der Weise legte eine verschmitzte Kunstpause ein, um dann untertänig die Bitte zu äußern, um derentwillen er das Spiel überhaupt erfunden hatte, und durch die er sich für viertausend Jahre seinen Platz in allen Schachlehrbüchern zu sichern hoffte. (Man merkt, er war tatsächlich ein Schlaukopf!) Er bat nämlich um nichts weiter als um Weizen, und zwar solle man ihm auf das erste Feld des Schachbrettes ein Korn legen, aufs zweite zwei, aufs dritte vier und so weiter, jeweils doppelt bis zum 64. Feld.
Der mächtige König glaubte sich durch die Bescheidenheit dieser Bitte verhöhnt, und er drohte dem Weisen, er werde ihm den Kopf abschlagen lassen, wenn er nicht etwas Kostbareres fordere. Als dieser jedoch ruhig lächelnd auf seiner Bitte beharrte, wies der König achselzuckend den Verwalter der Kornkammer an, den Kerl zufrieden zu stellen, und wandte sich wieder seiner Schachpartie zu, wobei er dachte: "Diese Erfinder sind doch rechte Trottel!"