Ich empfand den Stil des Buches, also die Interviewform, als ausgesprochen anregend. Auch die Tatsache, dass die Grafiken in den Anhang verbannt wurden, hat mich nicht gestört - der Text war auch ohne diese gut zu verstehen, ebenso wie die Grafiken mit der jeweils zugehörigen Erklärung ohne den kompletten Text.
Einige wichtige inhaltliche Punkte:
1. Die Schule muss mehr auf die individuellen Entwicklungsstufen der Kinder eingehen. Die Reifeentwicklung streut nicht nur extrem stark zwischen einzelnen Kindern, so dass z.B. die sprachliche Entwicklungsstufe der Schüler einer Klasse um sechs Jahre differieren kann, sondern auch intraindividuell: Ein Kind, das mathematisch begabt ist, hinkt vielleicht in der sprachlichen, motorischen oder sozialen Entwicklung hinterher.
Aus diesem Grunde lehnt Largo auch die Trennung der Schüler in Gymnasium, Real- und Hauptschule ab - die Überschneidungen seien zu groß, eine Trennung daher zwangsläufig ungerecht und benachteiligend z.B. für diejenigen, die auf die Realschule kämen, aber in einigen Teilbereichen besser ins Gymnasium passten.
Ich bin der Ansicht, dass - egal in welcher Schulform - die Kinder individuell gefördert werden sollen. Da das aber - zumindest in Hessen, gewöhnlich nicht geschieht, sondern alle Kinder einer Klasse exakt das gleiche Lernpensum aufgebrummt bekommen und alle genau die gleichen Erwartungen zu erfüllen haben, hat die Dreiteilung der Schulformen doch offensichtliche Vorteile. Es wird Aufgabe für die Zukunft sein, jedem Schüler in jedem Fach möglichst genau die Anforderungen zu stellen, die ihn weder unter- noch überfordern.
Largo plädiert für kleinere Klassen und für Verbesserung der Lehrerkompetenzen durch Videoaufzeichnungen von Unterrichtsstunden und Analyse gemeinsam mit Kollegen. Auch wenn mancher Lehrer sich darüber erschrecken wird, halte ich es für sinnvoller als die Bewertung durch Schüler und Eltern bzw. eine Schulinspektion, wenn solche Aufzeichnungen lediglich der Stärkung des einzelnen Lehrers dienen und nicht als Druckmittel gegen ihn verwendet werden. Ich glaube, diese Möglichkeit wäre wesentlich aussichtsreicher als vermehrte Fortbildungen allein oder erfolgsorientierte Bezahlung, wie andere sie vorschlagen.
2. Die Bindung des einzelnen Schülers an den Lehrer ist für den Lernerfolg bis zur Pubertät sehr wichtig, danach lernen die Schüler nicht mehr "dem Lehrer zuliebe". Häufige Lehrerwechsel oder auch Raumwechsel vor der Pubertät sind daher zu vermeiden, und der Lehrer muss versuchen, jeden einzelnen Schüler und auch dessen Familie (durch Hausbesuche, etc.) genau kennen zu lernen. Die Klassen müssen klein sein (nicht über 20 Schüler), umso kleiner, je heterogener die Schüler sind.
Ebenso wie in der Schule wird der Gehorsam des Kindes auch daheim durch die Bindung an die Eltern hergestellt - nicht mehr wie früher durch Autorität bzw. Macht. Eltern sind daher genauso wie Lehrer für eine einfühlsame Beziehung zu dem Kind verantwortlich und müssen sie bei fehlendem Gehorsam neu aufbauen.
3. Die Schüler sollen stark selbstbestimmt und selbst entdeckend lernen. Sie sollen nur Angebote bekommen, und wenn sie auf ein Thema nicht neugierig sind, entspricht es eben nicht ihrem Reifestand (Über- oder Unterforderung) und sie sollten daher auch nicht gezwungen werden, sich damit zu befassen. Wie bereits Solwey in seiner/ihrer Rezension meinte, ist dies zwar eine schöne freiheitliche Vorstellung, die etwas utopisch klingt. Andererseits: Auf meine eigene (ältere) Tochter trifft genau das zu: Sie war zum Beispiel von der sehr selbstbestimmten Schreib- und Leselernmethode begeistert (lautgerechtes Schreiben: die Kinder lernen die zu den Buchstaben gehörigen Laute und beginnen mit dem Schreiben, so wie sie es hören. Erst später wird das Lesen geübt.). Auch das Einmaleins hat sie mit Begeisterung selbst gelernt - ohne die eigentlich von der Lehrerin empfohlenen mündlichen Übungen, während sie die Hausaufgaben gewöhnlich als Qual empfindet.
4. Die Jungen werden durch die heutigen Schulformen diskriminiert, so Largo. Die besseren Sozialkompetenzen der Mädchen, auch Fleiß, Zuverlässigkeit, 'Überangepasstheit' führen zu besseren Schulnoten, außerdem die frühere Reifeentwicklung. Allerdings ist das m.E. kein neues Phänomen - und auch Largo nennt als Grund für das heute schlechtere Abschneiden der Jungen das Ende der Mädchen-Diskriminierung. Was die Reifeentwicklung angeht: Was spricht dagegen, Mädchen grundsätzlich früher einzuschulen? Largo geht kurz auf geschlechtergetrennten Unterricht oder auf vermehrte Mannschaftssportarten für Jungen ein. Er wünscht sich für die Jungen ein weniger rigides Schulsystem - und dem kann ich, auch als Mutter von zwei Mädchen, nur beipflichten.