Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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66 von 70 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Toller Inhalt, gewöhnungsbedürftig vermittelt, 27. Februar 2009
Professor Remo H. Largo leitete 30 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital Zürich. Dort kam ich auch zum ersten Mal in Kontakt mit ihm, aber lange bevor er seine Bestseller "Babyjahre" und "Kinderjahre" verfasste. Und ich sprach mit ihm auch nicht über Bildungsreformen und Qualitätsmerkmale guter Lehrer, sondern über die Behinderung meiner Tochter. Mit der Lektüre dieses Buches war also auch ein Widertreffen verbunden, das ebenso Neugier wie vergessen geglaubte Emotionen weckte. Was kann ein Kinderarzt und Entwicklungsspezialist den Bildungspolitikern, Lehrern und Eltern in die Bücher schreiben, was sie nicht schon zu wissen glauben? Wie übersetzt er Wissenschaftliches in eine allgemein verständliche Sprache? Und wo bezieht er aufgrund seiner früheren Tätigkeit klar Stellung?
Die Lektüre begann mit einer eher unangenehmen Überraschung, kommt doch das formale Konzept meinen Lesegewohnheiten überhaupt nicht entgegen. Schlimmer noch, es erinnert mich an Unterrichtstunden, die mir meist ein Graus waren. Der Schüler muss gescheite Fragen stellen, der Lehrer darf noch gescheiter antworten. Gut gemeint, aber eben nicht mein Geschmack. Oder wie sagte Goethe so schön? "Man spürt die Absicht und ist verstimmt." Denn schnell zeigt sich, dass die Antworten auf die Fragen des Journalisten Martin Beglinger alles andere sind als Mitschnitte eines Dialogs. Der gescheite Lehrer, in unserem Falle Remo H. Lange, zitiert traumwandlerisch sicher ganze Passagen anderer Autoren, verweist immer wieder auf eine der 48 Grafiken im Anhang, wechselt munter zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Ansichten und erweckt mit zunehmender Dauer den Eindruck, über alles und jedes Bescheid zu wissen. Sicher, er weiß auch ungemein viel. Aber gerade deshalb hätte ich seine Ausführungen lieber in einer ganz traditionellen Form. Auch wenn der Stoff in drei Teile gegliedert ist und Unterkapitel, Zusammenfassungen für die Schule, Grafiken, Glossar und Register das Schlimmste zu verhindern versuchen, lese ich lieber Bücher wie "Lernen" von Manfred Spitzer. Kurz: Den Abzug eines Bewertungssterns hat das Konzept zu verantworten.
Der Untertitel "Wie Kinder besser lernen" verspricht viel, aber nicht zu viel. Denn nachdem ich mich zwangsmäßig an den Interviewstil gewöhnt hatte, entdeckte ich fast auf jeder Seite Sätze, die manches hastig konstruierte Denkmodell von so genannten Bildungsexperten zum Einstürzen bringen. Denn das Spezielle beim Thema Schule ist ja, dass es jeder kennt und besser weiß. Doch wer offen genug ist und seine kindliche Neugier bewahrte, wird viel Neues erfahren und sich nicht mehr an jeder populistischen Schuldzuweisung beteiligen. So wertvoll und prägend eigene Schulerfahrungen auch sind, den Rang eines wissenschaftlichen Beweises haben sie deshalb noch lange nicht. Wo Remo H. Largo zuerst den Hebel ansetzen würde, warum er lieber von Chancengerechtigkeit statt von Chancengleichheit spricht, wie Mädchen plötzlich bevorteilt werden und was ein guter Lehrer mitbringen muss, möchte ich nicht weiter ausführen. Lieber ermuntere ich alle, das Buch selber zu lesen, die keine Talkshows, politische Statements oder Rechfertigungslitaneien mögen.
Mein Fazit. In der Form eines Interviews erläutert ein anerkannter Entwicklungsspezialist, woran heutige Schul- und Bildungssysteme kranken, welche natürlichen Eigenheiten der Kinder zu wenig berücksichtigt werden und wie man dafür sorgen könnte, dass die Schuljahre nicht zum Albtraum werden.
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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Hoffentlich lesen es viele Lehrer (und Eltern)!, 7. Juli 2009
Ich empfand den Stil des Buches, also die Interviewform, als ausgesprochen anregend. Auch die Tatsache, dass die Grafiken in den Anhang verbannt wurden, hat mich nicht gestört - der Text war auch ohne diese gut zu verstehen, ebenso wie die Grafiken mit der jeweils zugehörigen Erklärung ohne den kompletten Text.
Einige wichtige inhaltliche Punkte:
1. Die Schule muss mehr auf die individuellen Entwicklungsstufen der Kinder eingehen. Die Reifeentwicklung streut nicht nur extrem stark zwischen einzelnen Kindern, so dass z.B. die sprachliche Entwicklungsstufe der Schüler einer Klasse um sechs Jahre differieren kann, sondern auch intraindividuell: Ein Kind, das mathematisch begabt ist, hinkt vielleicht in der sprachlichen, motorischen oder sozialen Entwicklung hinterher.
Aus diesem Grunde lehnt Largo auch die Trennung der Schüler in Gymnasium, Real- und Hauptschule ab - die Überschneidungen seien zu groß, eine Trennung daher zwangsläufig ungerecht und benachteiligend z.B. für diejenigen, die auf die Realschule kämen, aber in einigen Teilbereichen besser ins Gymnasium passten.
Ich bin der Ansicht, dass - egal in welcher Schulform - die Kinder individuell gefördert werden sollen. Da das aber - zumindest in Hessen, gewöhnlich nicht geschieht, sondern alle Kinder einer Klasse exakt das gleiche Lernpensum aufgebrummt bekommen und alle genau die gleichen Erwartungen zu erfüllen haben, hat die Dreiteilung der Schulformen doch offensichtliche Vorteile. Es wird Aufgabe für die Zukunft sein, jedem Schüler in jedem Fach möglichst genau die Anforderungen zu stellen, die ihn weder unter- noch überfordern.
Largo plädiert für kleinere Klassen und für Verbesserung der Lehrerkompetenzen durch Videoaufzeichnungen von Unterrichtsstunden und Analyse gemeinsam mit Kollegen. Auch wenn mancher Lehrer sich darüber erschrecken wird, halte ich es für sinnvoller als die Bewertung durch Schüler und Eltern bzw. eine Schulinspektion, wenn solche Aufzeichnungen lediglich der Stärkung des einzelnen Lehrers dienen und nicht als Druckmittel gegen ihn verwendet werden. Ich glaube, diese Möglichkeit wäre wesentlich aussichtsreicher als vermehrte Fortbildungen allein oder erfolgsorientierte Bezahlung, wie andere sie vorschlagen.
2. Die Bindung des einzelnen Schülers an den Lehrer ist für den Lernerfolg bis zur Pubertät sehr wichtig, danach lernen die Schüler nicht mehr "dem Lehrer zuliebe". Häufige Lehrerwechsel oder auch Raumwechsel vor der Pubertät sind daher zu vermeiden, und der Lehrer muss versuchen, jeden einzelnen Schüler und auch dessen Familie (durch Hausbesuche, etc.) genau kennen zu lernen. Die Klassen müssen klein sein (nicht über 20 Schüler), umso kleiner, je heterogener die Schüler sind.
Ebenso wie in der Schule wird der Gehorsam des Kindes auch daheim durch die Bindung an die Eltern hergestellt - nicht mehr wie früher durch Autorität bzw. Macht. Eltern sind daher genauso wie Lehrer für eine einfühlsame Beziehung zu dem Kind verantwortlich und müssen sie bei fehlendem Gehorsam neu aufbauen.
3. Die Schüler sollen stark selbstbestimmt und selbst entdeckend lernen. Sie sollen nur Angebote bekommen, und wenn sie auf ein Thema nicht neugierig sind, entspricht es eben nicht ihrem Reifestand (Über- oder Unterforderung) und sie sollten daher auch nicht gezwungen werden, sich damit zu befassen. Wie bereits Solwey in seiner/ihrer Rezension meinte, ist dies zwar eine schöne freiheitliche Vorstellung, die etwas utopisch klingt. Andererseits: Auf meine eigene (ältere) Tochter trifft genau das zu: Sie war zum Beispiel von der sehr selbstbestimmten Schreib- und Leselernmethode begeistert (lautgerechtes Schreiben: die Kinder lernen die zu den Buchstaben gehörigen Laute und beginnen mit dem Schreiben, so wie sie es hören. Erst später wird das Lesen geübt.). Auch das Einmaleins hat sie mit Begeisterung selbst gelernt - ohne die eigentlich von der Lehrerin empfohlenen mündlichen Übungen, während sie die Hausaufgaben gewöhnlich als Qual empfindet.
4. Die Jungen werden durch die heutigen Schulformen diskriminiert, so Largo. Die besseren Sozialkompetenzen der Mädchen, auch Fleiß, Zuverlässigkeit, 'Überangepasstheit' führen zu besseren Schulnoten, außerdem die frühere Reifeentwicklung. Allerdings ist das m.E. kein neues Phänomen - und auch Largo nennt als Grund für das heute schlechtere Abschneiden der Jungen das Ende der Mädchen-Diskriminierung. Was die Reifeentwicklung angeht: Was spricht dagegen, Mädchen grundsätzlich früher einzuschulen? Largo geht kurz auf geschlechtergetrennten Unterricht oder auf vermehrte Mannschaftssportarten für Jungen ein. Er wünscht sich für die Jungen ein weniger rigides Schulsystem - und dem kann ich, auch als Mutter von zwei Mädchen, nur beipflichten.
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21 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
grösstenteils empfehlenswert, 16. Mai 2009
Remo Largos neues Buch über Schulkinder und Jugendliche ist lehrreich und leicht leserlich, der Autor ist sympathisch, das Wohl des Kindes und dessen möglichst freie Entwicklung hin zu seinem wahren Wesen stehen für ihn im Mittelpunkt. Ich habe einzig zwei Kritikpunkte, bei denen ich persönlich eine andere Meinung habe:
Ich denke nicht, dass Kinder am besten lernen, wenn sie dies freiwillig und selbst entdeckend tun können. Zwar ist dies eine schöne, freiheitliche Vorstellung, doch in der Realität utopisch, da kaum ein Kind freiwillig den Dreisatz oder die Rechtschreibung so lange üben würde, bis es diese wirklich beherrscht. Ich wäre sofort mit Largo einverstanden, wenn unsere Gesellschaft eine andere wäre, ohne das heutige Bildungssystem, den enormen Leistungsdruck und hochgeschraubte Ausbildungsanforderungen. So lange es diese jedoch gibt, funktioniert das freiwillige Lernen meiner Meinung nach nicht, weil der Stoff viel weniger sitzen würde und man beruflich kaum Chancen hätte.
Largo plädiert auch dafür, dass mehr Gewicht auf das Verstehen des Stoffes gelegt werden sollte statt auf langweiliges Üben, das sowieso wenig bringe. Dies entspricht meiner Erfahrung gar nicht: Wenn ein Kind den Dreisatz einmal verstanden hat und "ja, genau!" ausruft, kann es diesen danach noch lange nicht. Das Verstehen nützt herzlich wenig ohne das gleichzeitige intensive Einüben der Durchführung der Rechnung. Fragt man ein Kind kurze Zeit später, nachdem es sein Aha-Erlebnis hatte, wie nun der Dreisatz gehe, hat es das "Verstandene" meist bereits wieder vergessen. Dies bedeutet: Auch einmal Verstandenes wird rasch wieder vergessen, wenn es nicht über längere Zeit eingeübt wird, damit sich bleibende Synapsen im Hirn bilden, die das Vergessen verhindern. Verstehen ist nicht wertvoller als Üben, denn diese beiden Teile können gar nicht voneinander getrennt werden. Sie wechseln sich ständig ab im Prozess des Verinnerliches eines neuen Lerninhaltes. Wenn ein Kind die schriftliche Addition bereits gut beherrscht, geht ihm z.B. plötzlich wieder ein Licht auf, wofür eigentlich die "Behalte" stehen. Bei der Durchführung der Rechnung ist es gar nicht nötig, dass es sich ständig bewusst ist, welche Bedeutung dies hat. Im Gegenteil: Durch ständiges Reflektieren wird das begrenzte Kurzzeitgedächtnis eher überlastet. Auch Erwachsene führen Operationen mechanisch aus, ohne sich deren Bedeutung ständig bewusst zu sein - es genügt zu wissen, dass man sie so und nicht anders machen muss. Je besser ein Kind Rechnungen mechanisch ausführen kann, desto tiefer begreift es, was es tut und weshalb es so ist. Dieses Verstehen wäre gar nicht möglich, wenn es den Ablauf nicht bereits automatisiert durchführen könnte, d.h. wenn es diesen nicht über längere Zeit eingeübt hätte, um ihn irgendwann nicht mehr zu vergessen. Verstehen liegt also gar nicht nur notwenigerweise (wie oft behauptet) am Anfang des Lernens, wo man mit dem Lernen dann auch schon wieder aufhören könnte, weil weiteres Üben angeblich so nervtötend ist.
Ich denke, das Problem ist eher umgekehrt: Es wird mit den Kindern zu wenig gezielt geübt und auswendig gelernt, so dass viele schulische Fertigkeiten nie wirklich sitzen und deshalb ständig Probleme verursachen. Man übt kurzfristig für die nächste Prüfung, um dann rasch alles wieder zu vergessen, statt dieselben Inhalte über längere Zeit, was dann als Wissen fürs Leben erhalten bleibt. Dies schafft viel eher Schulfrust als zu langes Üben, das von Kindern als durchaus befriedigend erlebt wird, weil sie spüren, wie gut sie nun geworden sind, wo sie sich vorher unfähig fühlten. Weil die Pensen in der Schule (z.B. durch zwei Fremdsprachen) immer voller werden, bleibt für das Üben viel weniger Zeit als früher. Man lernt viele Themen oberflächlich, kann aber nichts mehr wirklich, was mangelnde Fähigkeiten und Schulfrust verursacht.
Meine zweite Kritik bezieht sich auf Largos uneingeschränktes Lob für Kindertagesstätten, die Kindern gemäss ihm nachweislich bessere Entwicklungschancen eröffneten, die Sprachentwicklung förderten und gar bewirkten, dass diese eher ins Gymi kämen.
Ich finde, dass er hier zu wenig differenziert und z.B. sagt: Kitas sind besser als zu Hause meist ohne oder mit stets gestresster Mama vor dem Fernseher zu verbringen. Das ist sicher so. Doch unterscheidet er nicht, ob Eltern viel Zeit mit dem Kind verbringen, es viele Anregungen und Kontaktmöglichkeiten zu Hause hat und in welchem Alter/Umfang das Kind in die Kita geht. Er spricht nicht über mögliche Nachteile: wechselnde Bezugspersonen, zu wenig persönliche Betreuung, zu viele Kinder, Reizüberflutung, Nachteile für die frühkindliche Sprachentwicklung und Bindungsfähigkeit, Trennungstraumatas, Gefahr des Hospitalismus (in Abstufungen), Zerfall der Familie (Beispiel Schweden). Das sind komplexe Themen, bei denen es sich lohnt, in die Tiefe zu gehen. Auch wenn viele Familien auf Kitas angewiesen sind, sollte man diesen Trend zur ausserfamiliären Betreuung dennoch kritisch betrachten und überlegen, ob da nicht Optimierungsmöglichkeiten bestünden, z.B. durch Betreuung in kleiner Gruppe, konstante Bezugspersonen durch Tagesmütter/Omas, nicht zu frühe ausserfamiliäre Betreuung (Bindungsfähigkeit). Zu diesen Themen haben sich die Autoren René A. Spitz, Prof. Theodor Hellbrügge und Johannes Pechstein ausführlich geäussert.
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