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70 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Toller Inhalt, gewöhnungsbedürftig vermittelt, 27. Februar 2009
Professor Remo H. Largo leitete 30 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital Zürich. Dort kam ich auch zum ersten Mal in Kontakt mit ihm, aber lange bevor er seine Bestseller "Babyjahre" und "Kinderjahre" verfasste. Und ich sprach mit ihm auch nicht über Bildungsreformen und Qualitätsmerkmale guter Lehrer, sondern über die Behinderung meiner Tochter. Mit der Lektüre dieses Buches war also auch ein Widertreffen verbunden, das ebenso Neugier wie vergessen geglaubte Emotionen weckte. Was kann ein Kinderarzt und Entwicklungsspezialist den Bildungspolitikern, Lehrern und Eltern in die Bücher schreiben, was sie nicht schon zu wissen glauben? Wie übersetzt er Wissenschaftliches in eine allgemein verständliche Sprache? Und wo bezieht er aufgrund seiner früheren Tätigkeit klar Stellung?
Die Lektüre begann mit einer eher unangenehmen Überraschung, kommt doch das formale Konzept meinen Lesegewohnheiten überhaupt nicht entgegen. Schlimmer noch, es erinnert mich an Unterrichtstunden, die mir meist ein Graus waren. Der Schüler muss gescheite Fragen stellen, der Lehrer darf noch gescheiter antworten. Gut gemeint, aber eben nicht mein Geschmack. Oder wie sagte Goethe so schön? "Man spürt die Absicht und ist verstimmt." Denn schnell zeigt sich, dass die Antworten auf die Fragen des Journalisten Martin Beglinger alles andere sind als Mitschnitte eines Dialogs. Der gescheite Lehrer, in unserem Falle Remo H. Lange, zitiert traumwandlerisch sicher ganze Passagen anderer Autoren, verweist immer wieder auf eine der 48 Grafiken im Anhang, wechselt munter zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Ansichten und erweckt mit zunehmender Dauer den Eindruck, über alles und jedes Bescheid zu wissen. Sicher, er weiß auch ungemein viel. Aber gerade deshalb hätte ich seine Ausführungen lieber in einer ganz traditionellen Form. Auch wenn der Stoff in drei Teile gegliedert ist und Unterkapitel, Zusammenfassungen für die Schule, Grafiken, Glossar und Register das Schlimmste zu verhindern versuchen, lese ich lieber Bücher wie "Lernen" von Manfred Spitzer. Kurz: Den Abzug eines Bewertungssterns hat das Konzept zu verantworten.
Der Untertitel "Wie Kinder besser lernen" verspricht viel, aber nicht zu viel. Denn nachdem ich mich zwangsmäßig an den Interviewstil gewöhnt hatte, entdeckte ich fast auf jeder Seite Sätze, die manches hastig konstruierte Denkmodell von so genannten Bildungsexperten zum Einstürzen bringen. Denn das Spezielle beim Thema Schule ist ja, dass es jeder kennt und besser weiß. Doch wer offen genug ist und seine kindliche Neugier bewahrte, wird viel Neues erfahren und sich nicht mehr an jeder populistischen Schuldzuweisung beteiligen. So wertvoll und prägend eigene Schulerfahrungen auch sind, den Rang eines wissenschaftlichen Beweises haben sie deshalb noch lange nicht. Wo Remo H. Largo zuerst den Hebel ansetzen würde, warum er lieber von Chancengerechtigkeit statt von Chancengleichheit spricht, wie Mädchen plötzlich bevorteilt werden und was ein guter Lehrer mitbringen muss, möchte ich nicht weiter ausführen. Lieber ermuntere ich alle, das Buch selber zu lesen, die keine Talkshows, politische Statements oder Rechfertigungslitaneien mögen.
Mein Fazit. In der Form eines Interviews erläutert ein anerkannter Entwicklungsspezialist, woran heutige Schul- und Bildungssysteme kranken, welche natürlichen Eigenheiten der Kinder zu wenig berücksichtigt werden und wie man dafür sorgen könnte, dass die Schuljahre nicht zum Albtraum werden.
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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Hoffentlich lesen es viele Lehrer (und Eltern)!, 7. Juli 2009
Ich empfand den Stil des Buches, also die Interviewform, als ausgesprochen anregend. Auch die Tatsache, dass die Grafiken in den Anhang verbannt wurden, hat mich nicht gestört - der Text war auch ohne diese gut zu verstehen, ebenso wie die Grafiken mit der jeweils zugehörigen Erklärung ohne den kompletten Text.
Einige wichtige inhaltliche Punkte:
1. Die Schule muss mehr auf die individuellen Entwicklungsstufen der Kinder eingehen. Die Reifeentwicklung streut nicht nur extrem stark zwischen einzelnen Kindern, so dass z.B. die sprachliche Entwicklungsstufe der Schüler einer Klasse um sechs Jahre differieren kann, sondern auch intraindividuell: Ein Kind, das mathematisch begabt ist, hinkt vielleicht in der sprachlichen, motorischen oder sozialen Entwicklung hinterher.
Aus diesem Grunde lehnt Largo auch die Trennung der Schüler in Gymnasium, Real- und Hauptschule ab - die Überschneidungen seien zu groß, eine Trennung daher zwangsläufig ungerecht und benachteiligend z.B. für diejenigen, die auf die Realschule kämen, aber in einigen Teilbereichen besser ins Gymnasium passten.
Ich bin der Ansicht, dass - egal in welcher Schulform - die Kinder individuell gefördert werden sollen. Da das aber - zumindest in Hessen, gewöhnlich nicht geschieht, sondern alle Kinder einer Klasse exakt das gleiche Lernpensum aufgebrummt bekommen und alle genau die gleichen Erwartungen zu erfüllen haben, hat die Dreiteilung der Schulformen doch offensichtliche Vorteile. Es wird Aufgabe für die Zukunft sein, jedem Schüler in jedem Fach möglichst genau die Anforderungen zu stellen, die ihn weder unter- noch überfordern.
Largo plädiert für kleinere Klassen und für Verbesserung der Lehrerkompetenzen durch Videoaufzeichnungen von Unterrichtsstunden und Analyse gemeinsam mit Kollegen. Auch wenn mancher Lehrer sich darüber erschrecken wird, halte ich es für sinnvoller als die Bewertung durch Schüler und Eltern bzw. eine Schulinspektion, wenn solche Aufzeichnungen lediglich der Stärkung des einzelnen Lehrers dienen und nicht als Druckmittel gegen ihn verwendet werden. Ich glaube, diese Möglichkeit wäre wesentlich aussichtsreicher als vermehrte Fortbildungen allein oder erfolgsorientierte Bezahlung, wie andere sie vorschlagen.
2. Die Bindung des einzelnen Schülers an den Lehrer ist für den Lernerfolg bis zur Pubertät sehr wichtig, danach lernen die Schüler nicht mehr "dem Lehrer zuliebe". Häufige Lehrerwechsel oder auch Raumwechsel vor der Pubertät sind daher zu vermeiden, und der Lehrer muss versuchen, jeden einzelnen Schüler und auch dessen Familie (durch Hausbesuche, etc.) genau kennen zu lernen. Die Klassen müssen klein sein (nicht über 20 Schüler), umso kleiner, je heterogener die Schüler sind.
Ebenso wie in der Schule wird der Gehorsam des Kindes auch daheim durch die Bindung an die Eltern hergestellt - nicht mehr wie früher durch Autorität bzw. Macht. Eltern sind daher genauso wie Lehrer für eine einfühlsame Beziehung zu dem Kind verantwortlich und müssen sie bei fehlendem Gehorsam neu aufbauen.
3. Die Schüler sollen stark selbstbestimmt und selbst entdeckend lernen. Sie sollen nur Angebote bekommen, und wenn sie auf ein Thema nicht neugierig sind, entspricht es eben nicht ihrem Reifestand (Über- oder Unterforderung) und sie sollten daher auch nicht gezwungen werden, sich damit zu befassen. Wie bereits Solwey in seiner/ihrer Rezension meinte, ist dies zwar eine schöne freiheitliche Vorstellung, die etwas utopisch klingt. Andererseits: Auf meine eigene (ältere) Tochter trifft genau das zu: Sie war zum Beispiel von der sehr selbstbestimmten Schreib- und Leselernmethode begeistert (lautgerechtes Schreiben: die Kinder lernen die zu den Buchstaben gehörigen Laute und beginnen mit dem Schreiben, so wie sie es hören. Erst später wird das Lesen geübt.). Auch das Einmaleins hat sie mit Begeisterung selbst gelernt - ohne die eigentlich von der Lehrerin empfohlenen mündlichen Übungen, während sie die Hausaufgaben gewöhnlich als Qual empfindet.
4. Die Jungen werden durch die heutigen Schulformen diskriminiert, so Largo. Die besseren Sozialkompetenzen der Mädchen, auch Fleiß, Zuverlässigkeit, 'Überangepasstheit' führen zu besseren Schulnoten, außerdem die frühere Reifeentwicklung. Allerdings ist das m.E. kein neues Phänomen - und auch Largo nennt als Grund für das heute schlechtere Abschneiden der Jungen das Ende der Mädchen-Diskriminierung. Was die Reifeentwicklung angeht: Was spricht dagegen, Mädchen grundsätzlich früher einzuschulen? Largo geht kurz auf geschlechtergetrennten Unterricht oder auf vermehrte Mannschaftssportarten für Jungen ein. Er wünscht sich für die Jungen ein weniger rigides Schulsystem - und dem kann ich, auch als Mutter von zwei Mädchen, nur beipflichten.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein kluges Buch, das in verständlicher Gesprächsform alle wichtigen Themen behandelt und Mut macht zur Veränderung, 30. Mai 2009
In diesem für alle Eltern, aber auch für alle Erzieherinnen und Grundschullehrer wichtigen und empfehlenswerten Buch diskutiert der bekannte Schweizer Kinderarzt und Entwicklungspsychologe Remo H. Largo ("Babyjahre") mit dem Züricher Journalisten Martin Beglinger, dessen Spezialgebiet die Bildungspolitik ist, alle relevanten und derzeit aktuellen und zum Teil auch kontrovers debattierten Fragen von Erziehung und Bildung.
Das lange Gespräch ist systematisch angelegt und teilt sich in die Hauptkapitel:
- Wie sich Kinder entwickeln
- Was Kinder kompetent macht
- Wann Schule kindgerecht ist
Obwohl beide Autoren Schweizer sind, ist alles, was sie da über mehr als 300 Seiten fesselnd und verständlich besprechen, für die deutsche Erziehungs- und Schullandschaft wichtig. Die Form eines echten Gesprächs mit vielen Rück- und Verständnisfragen kommt der fragenden und verunsicherten Leserschaft (Vater, Mutter, Erzieher oder Lehrer) sehr entgegen und fördert das Verständnis ungemein. Immer wieder fassen Infoblöcke nach Abschluss eines Unterthemas die wichtigsten Argumente zusammen. Ein ausführlicher Anhang bietet in Schaubildern einen guten soziologischen Überblick über bestimmte Entwicklungsthemen und ein Glossar nebst ausführlichem Literaturverzeichnis hilft zur weiteren Vertiefung in das Thema.
"Wie lernen Kinder lieber und deshalb besser ? Wie kann Schule der Vielfalt unter den Kindern gerecht werden ? Was tun, damit die Jungen nicht ins Abseits geraten ? Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen?"
Mit diesen Fragen wirbt der Verlag auf der hinteren Umschlagsseite des Buches für sein Produkt. Und er verspricht nicht zu viel. Eltern werden vielfältige Antworten finden auf ihre drängenden Fragen, einen Ansatz für ihre eigene Rollendefinition und ihre Bedeutung in einem zentralen Lebensabschnitt ihrer Kinder, und viele Anregungen zu eigenen Veränderung.
Vor allen Dingen macht das Buch Mut. Es kommt nicht hyperkritisch daher, relativiert und setzt kontroverse Positionen in eine Beziehung und ist daher eine ganz wichtige und nachdenkliche Stimme in dem Chor der Kritiker wie Bueb und Winterhoff.
Ich kann es nur empfehlen.
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