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4.0 von 5 Sternen
Die Liebe zum Schüler, 20. Januar 2002
Rezension bezieht sich auf: Lieber Lehrer, Lieber Schüler,... Die funktionale Gesangspädagogik. Die Rabine- Methode. (Taschenbuch)
Ein mutiges Buch, das von reicher Erfahrung getragen ist. Das ist der Haupteindruck dieses beachtlichen Werkes, das deutlich aus den inzwischen zahlreichen Veröffentlichungen zum theoretischen und pädagogischen Umfeld des Singens herausragt. Herausragt v.a. desshalb, weil es die Beziehung Lehrer - Schüler sehr genau unter die Lupe nimmt und weitgehend sehr konsequent neu definiert. Es nimmt Lehrer und Schüler - denn für beide ist es interessanterweise geschrieben - liebevoll an die Hand und beschreibt das große Thema "Singen" nicht mit kalten, distanzierten, zu lernenden "Richtigkeiten", sondern als Erfahrungsweg. Und bei diesem Weg sind Schüler und Lehrer ein Paar, das gemeinsam Erfahrungen macht. Der Lehrer weiß zwar mehr und hat auch mehr Erfahrung, aber der Unterricht darf, und das ist die entscheidende Hauptthese des Buches, niemals ein Monolog sein, niemals eine asymmetrische Beziehungsstruktur "der eine weiß, der andere nicht" aufweisen. Denn das "missachtet die sensible und kreative Persönlichkeit des Schülers", der dabei lediglich ein "Objekt der Formung" ist.
Grundsätzlich empfielt das Buch größte Vorsicht bei Nachahmungen oder Klischees, denn Erfahrungen müssen von jedem einzelnen selber gemacht werden - sowohl vom Schüler als auch vom Lehrer. Und die Verantwortung des Lehrers ist groß. Parusell steht bei allem Verständnis für den Lehrer eindeutig auf Seiten des Schülers, denn um seine Entwicklung geht es ja und seine perönliche Integrität hat stets im Vordergrund zu stehen. Die Autorin spricht im Zusammenhang mit schlechtem Unterricht von psychischem und körperlichem Missbrauch. Sie findet in einem Abschnitt, der an den Schüler gerichtet ist, klare und unmissverständliche Worte, die allerdings auch vom Schüler ein waches (und verändertes) Bewusstsein fordern:"Lieber Schüler, Du hast Dich blenden lassen durch Empfehlungen Dritter und Dich nicht von Deiner Intuition leiten lassen...Du hattest die Hauptschlüssel in die Hände eines anderen Menschen gelegt. ..Wie viele Jahre Arbeit kostete es Dich, ...aufs Neue in Kontakt mit Deinem Talent zu kommen!" Die Rolle des Gesangslehrers ist für die Autorin klar definiert:"Den perfekten Gesangslehrer gibt es nicht. Es gibt nur den Menschen, der mich respektiert als Mensch und mir Orientierung gibt und zum Anwalt meines Gesangs wird, bis ich in der Lage bin, es selbst zu sein."
Als angenehm und den Charakter des Buches sehr bestimmend empfindet man beim ersten Durchblättern, dass fast keine Frequenzkurven, Tabellen, Flussdiagramme u.a. abgedruckt sind; lediglich einige aufs Wesentliche reduzierte Grafiken unterstützen optisch das im Text gesagte. Das Inhaltsverzeichnis macht neugierig. "Die Gesangspädagogik braucht neue Beziehungsformen", "Der Dialog in den Übungen" oder "Der Sänger findet seine Identität" zeigen den neuen Denkansatz. Natürlich äußert sich die Autorin bei der Darstellung der Grundzüge der Rabine-Methode, ein weiterer Hauptaspekt des Buches, zu Atmung, Vokaltrakt, Kehlkopf, zur Verwendung von Bildern oder zur pädagogischen Systematik. Und es macht Spass, das Buch dann irgendwo aufzuschlagen und anzufangen zu lesen. Die Darstellung ist interessant gemacht, man findet den Grundgedanken im Text dargestellt, fundiert und verständlich erläutert, daneben aber auch gleich "Briefe" an den Schüler und den Lehrer ("Lieber Schüler" und "Lieber Lehrer" überschrieben), die das Thema nochmals aus anderer Sicht aufgreifen. Das nicht belehrend, von oben herab, sondern liebevoll unterstützend auf gleicher Ebene.
Auch fließen, wie die Autorin schreibt, die Erfahrungen der Würzburger Gesangslehrergruppe "Voice" ein. Die Gruppe trifft sich seit 10 Jahren wöchentlich, um gemeinsam mit den Schülern Konzerte zu veranstalten, zu musizieren und Unterrichtsstunden gemeinsam zu beobachten, die Pädagogik und die Schülerentwicklung gemeinsam zu diskutieren, kurz, Intervision auf hohem Niveua langfristig zu betreiben. Entstanden ist diese Gruppe aus den Ausbildungsseminaren von Professor Eugen Rabine, Weimar, dem Begründer der funktionalen Stimmpädagogik (Rabine-Methode), der auch das Vorwort zum Buch beisteuerte. Prof. Rabine legt den Absolventen seiner vierjährigen berufsbegleitenden Ausbildung zum "Certified Rabine Teacher" (CRT) sehr ans Herz, den weiteren Entwicklungsweg als Gesangslehrer gemeinsam mit anderen zu beschreiten. So entstand u.a. die Gruppe in Würzburg, aus deren Erfahrung viel in das Buch einfließt.
Neben vielen interessanten und spannenden Denkanstößen, Anekdoten, Fragen und sehr persönlichen und auch emotionalen Stellungnahmen der Autorin enthält das Buch u.a. ein umfängliches Glossar, das die verwendeten Fachausdrücke erläutert. So entsteht eine klare Begriffsbildung und damit eine gemeinsame Sprache.
Mit einer gewissen hämischen Freude liest man im Kapitel über die Verwendung von Bildern (Vorstellungshilfen..), welche falschen Bilder von all den anderen Gesangslehrern verwendet werden, selbstverständlich nie von einem selbst. Damit man sich aber auch wirklich an der eigenen Nase fassen kann und das Ganze keine billige Polemik wird, hat die Autorin sehr anschaulich begründet, was die Wirkung eines Bildes ist und warum seine Verwendung in welchem Zusammenhang sinnvoll ist oder auch nicht.
Insgesamt ist es ein lesenswertes Arbeitsbuch, sowohl für den Lehrer als auch für den Schüler. Ein Buch, das man aufgrund seines neuen Ansatzes auf Basis der Rabine-Methode, seiner zeitgemäßen Darstellung und seiner von der Liebe zum Schüler und zur Kunst getragenen Durchdringung des umfänglichen Fachgebietes immer wieder gerne zur Hand nehmen wird.
(Zum Autor der Rezension: Gottfried Hoffmann, Direktor der Musikschule der Hofer Symphoniker in Hof/Bayern, Gesangslehrer und Sprecherzieher in der Lehrerfortbildung. Leiter des Konzertchores der Hofer Symphoniker, des Pop- und Jazzchores der Musikschule, Leiter der jährlich über Pfingsten bei Hamburg stattfindenden "Inzmühlener Chortage" )
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Prima Grundlagen für Lehrer und Schüler, 3. März 2002
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Lieber Lehrer, Lieber Schüler,... Die funktionale Gesangspädagogik. Die Rabine- Methode. (Taschenbuch)
Wer ein Buch sucht, das physiologische Grundkenntnisse des Singens mit praktischen Anleitungen verbindet, ist hier sehr gut bedient. Die Anweisungen sind klar, die Texte wenden sich an Schüler wie Lehrer. Die meisten Bücher schreiben entweder physiologischen Unsinn oder so viel davon, dass der arme Gesangsschüler damit nichts anfangen kann. Dieses Buch bietet eine gute Mischung. Vielleicht steht in diesem Buch zu wenig über Registerausgleich geschrieben, ebenso könnten Stimmsitz und Resonanz asuführlicher dargestellt werden. Auch eine CD stünde noch auf der Wunschliste. Auf jeden Fall gehört dieses Buch in die Hand jedes Gesangsschülers und auch Gesangslehrers!
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