Heute möchte ich nicht in meiner nebenberuflichen Funktion als Amateur-Kritiker schreiben, sondern aus der Sicht eines Großstädters. So habe ich mittlerweile das erste Album von Peter Plate mehrmals durchgehört. Es geht hier zunächst um eine klare Fragestellung: hört man Rosenstolz wegen der Stimme von AnNa R. oder den Texten des Duos (das die letzten Jahre neben Ulf Leo Sommer immer mehr begleitet wurde vom Produzenten Daniel Faust)? Oder macht die Mischung den Erfolg von Rosenstolz aus? Kann man sich damit abfinden, dass nebst Erwartungen an die lyrische Qualität eines Rosenstolz-Albums, man AnNa R. hier nicht singen hört, so könnte man noch (positiv) überrascht werden...
Ohne im Detail auf Plates überaus beindruckenden Werdegang und vielleicht noch einmaligere Geschichte der letzten Jahre einzugehen, muss ich sagen, dass es sich um ein sehr persönliches und teilweise autobiographisches Album handelt. Vom Verlassen-werden, dann wieder vom zu-sich-selbst-finden um dann gestärkt stehen zu können, allein oder gemeinsam: das lässt Plate offen. Aber das stört auch gar nicht, dieser autobiographische Rhythmus. Denn es könnte zu jedem passen, der länger in einer Großstadt gelebt hat und die Energien dieser auch in sich aufgesaugt hat.
Das Album beginnt mit der Vorab-Single "Wir beide sind Musik" und man möchte meinen, dass man Plate auf sein Dach folgt und mit ihm seine Großstadt überblickt. "Die große Stadt: das sind wir zwei. Und alles andere wird jetzt klein." Wenn man sich einen Film zu dieser Musik vorstellt, dann würde man dieses Album in einer Metropole verfilmen, teilweise mit spontanen und doch nachdenklichen Kaffee- und Zigarettenpausen, dann mit wilden elektrisierenden Nachtclubs um sich dann auf dem Weg nach Hause wieder vorzufinden auf diesem oben genannten Dach, morgens um 5 Uhr, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Es könnte Berlin oder Hamburg sein... und genauso könnten es auch London, New York und Paris sein. Es könnte überall sein, wo der Wahnsinn des Lebens herrscht.
Von sanften Balladen wie "Kapitän" über Fernweh und Sehnsucht nach Halt, oder "Blauer Sonntag" über die Erkenntnis nach einer großen Liebe, dann über eine schnelle Rosenstolz-der-90er-ähnlichen Plastic-Electro Nummer: Alles bewegt sich, der ganze Raum dreht sich. Wir sind unendlich: elektrisch" ("Elektrisch") hin zu einem neuen Abenteuer, ohne dabei das Leid dieser Trennung ("Schöner war's mit dir") und die darauffolgende Selbstfindung ("Ausgang leider unbekannt") vergessen zu haben. Das Produzenten-Team Plate/Sommer/Faust war sehr kreativ und spielt mit teils ungewöhnlichen Elementen: so zum Beispiel Background-Vocals, wie man sie nur aus amerikanischen Popsongs kennt (das immer sich wiederholende "Patient's stable" aus ("Schöner war's mit dir"), was sich durchaus kontrastiert mit Plates Gesang über Liebesleid und gleichzeitig vermittelt, dass man durchaus stabil und dennoch traurig sein kann.
Dann mal Anglizismen und Wortspiele in der für mich zweiten Hälfte des Albums ab dem Song "Gefallen in Love". Hier ist Plates autobiographische Verarbeitung der Dinge wohl kaum zu übersehen und das gefällt uns Großstädtern, die niemals ihre Stadt touristisch sehen könnten. So singt Plate von Coolness und der Leichtigkeit der Liebe: "Der Linksverkehr tat mir unheimlich gut, den Buckingham-Palast hab ich nicht wirklich besucht. Die Queen trank ihren Gin diesmal ohne mich. Da waren deine Augen: this fantastic kiss! Ich sing: oohh, ich bin gefallen in Love. I was falling in Liebe. Liebe. Fällst du für mich, fall ich auch für dich in Love..." Der Titelsong des Albums braucht vielleicht keine detailliertere Erklärung: eine mächtige Ballade über Glück, das nicht selbstverständlich ist, sich so oft versteckt, bis es sich einfangen lässt um vielleicht nach wenigen Momenten schon wieder verschwunden zu sein. Und während Plate noch Unsicherheit thematisierte in "Gefallen in Love" und Liebe an Bedingungen knüpft ("Fällst du für mich, fall ich auch für dich in Love."), so ist "Sturm" eine schnelle Pop-Nummer mit Bläsern, in der Daniel Faust sich wohl auch spielerisch an den elektronischen Tasten auslebt: "Ich steh` auf dem Kopf: verkehrt herum. Doch richtig rum? Was ist richtig rum? Ich bin der Sturm, ich bin der Wind, bin der Orkan: ich räume auf, räume um, stelle das Leben wieder an." Man möchte meinen, dass Plates Musik noch nie so gut Hand in Hand ging mit seinen Texten: ein einziges Credo an das Anderssein, das Verrückte, das Durcheinander, das Chaos und den Kontrollverlust.
"Die Nacht dehnt sich aus" ist musikalisch als auch textlich ein einziges Meisterwerk: "Bin nur ein Träumer, der sich selbst belobt: ganz nah am Wasser gebaut. Doch jede Flut bringt mich nach Haus`. Ich bin nicht verloren: ich fühl` mich nur so. Hab` mir alle Finger verbrannt. Immer wieder zünd` ich mich an. Denn ich bin gern ins Feuer gerannt." Eine ständige Suche nach Stabilität und dann dennoch die Einsicht, dass man glücklich sein kann in unbestimmten und ganz ungewissen Lebensbauten: "Ich hoffe, wir kommen niemals an." Plate behandelt Themen wie "Zuhause", "Stabilität", "Liebe" und Freiheit" schon seit mehreren Rosenstolz-Alben: doch hier ist es ein ganz intimer Einblick in ein Leben, ein Durcheinandersein und ein Suchen nach Glück. Vielleicht eine ganz maskuline und reife Art und Weise damit umzugehen.
Und so findet man sich im letzten Song "Ich steh noch" bildlich vielleicht wieder auf diesem Dach vom ersten Song. In einem noch nie dagewesenen musikalischen und textlichen Aufbau, spricht Plate das erste Mal ein bedingungsloses und einwandfreies JA zu diesem Leben, das geprägt ist von Unsicherheit, wildem Abenteuer und doch begrenzter Zeit für Glück. Plate gibt schließlich sein eigenes Allheilmittel preis: "Und weil dieses Leben so schnell vergeht, werd` ich dich jetzt küssen bis nichts mehr geht." Der Wechsel vom "Ich" zum "Wir", und dann überraschenderweise wieder zum "Ich" lässt alles weitere offen. Wenn dann die Geigen einsetzen, sieht man in seinem Kopfkino das Ausmaß, die Macht und Gewalt einer immensen Metropole: es könnte überall sein, wo der Wahnsinn des Lebens herrscht.
Vielleicht ist Plates Werk für mich gerade so bedeutend und beeindruckend, da ich mich gerade erst neu verliebt habe, das erste Mal nach mehreren Jahren. Plate gibt musikalisch und textlich Mut, anders zu sein, weiterzugehen, an sich selbst und das Leben allgemein zu glauben, ganz bedingungslos: Denn weil dieses Leben so schnell vergeht, werd` ich meine neue Liebe küssen, und zwar bis nichts mehr geht.
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AKaempfer ist Wirtschaftsjurist in einer spezialisierten Organisation der Vereinten Nationen. Innerhalb der letzten 7 Jahre ist er beruflich bedingt 12 Mal umgezogen. Nebenberuflich beschäftigt er sich mit der Auswirkung von Musik und Songtexten auf das menschliche Miteinander.